DFB-Stürmer Schürrle Der Joker sticht wieder

Vor einem halben Jahr war André Schürrle noch komplett außer Form, seine Auftritte wurden bespöttelt und belächelt. Die Zeit ist überwunden: Von einem, der sich aus der Krise herausgekämpft hat.

André Schürrle
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André Schürrle

Aus Gelsenkirchen berichtet


Eigentlich bräuchte es die Europameisterschaft für André Schürrle gar nicht mehr. Das ist natürlich eine Übertreibung. Aber den größten Erfolg in diesem Jahr hat der 25-Jährige schon hinter sich. Wenn man so will, den Sieg über sich selbst.

Vor einem halben Jahr war Schürrle die Karikatur eines Fußballweltmeisters: saftlos, kraftlos, ein Stürmer, der keine Tore schießt, etwas Traurigeres gibt es kaum. Dieter Hecking, sein Trainer beim VfL Wolfsburg, brachte ihn höchstens noch für Kurzeinsätze, der Verein war kurz davor, die Geduld mit seinem Großverdiener zu verlieren. "Das ist ja kein Geheimnis, dass es für mich ein knappes Jahr lang überhaupt nicht gelaufen ist", sagt Schürrle heute.

Was war nur aus dem Flankengeber des WM-Finales geworden? Dem Doppeltorschützen aus dem legendären Halbfinale gegen Brasilien, dem Temposprinter, der in der Nationalmannschaft in 51 Länderspielen schon 20 Tore geschossen hat? "Ich hab es selbst nicht mehr gewusst, man redet ganz viel, mit Freunden, mit meiner Verlobten, man versucht jede Woche auf Neustart zu gehen, und es funktioniert nicht." Für eine stolze Ablösesumme von gut 30 Millionen Euro war er im Vorjahr vom FC Chelsea nach Wolfsburg gewechselt, es war die Zeit, als man in der Autostadt noch keine Sorgen hatte, schon gar nicht Geldsorgen, die Abgasaffäre war noch weit weg.

Schürrle mit WM-Pokal
imago/ Sven Simon

Schürrle mit WM-Pokal

"Ich habe schlaflose Nächte gehabt"

Mit dem VfL wurde er gleich im ersten halben Jahr Vizemeister und Pokalsieger, und dennoch waren viele schon da unzufrieden mit dem teuren Zugang. In der neuen Saison wurde es noch schlimmer, die Hinrunde konnte Schürrle im Grunde vergessen. "Ich habe schlaflose Nächte gehabt, ich habe mir Gedanken gemacht, ich habe versucht, Kleinigkeiten zu verändern", sagt er. Er stellte die Ernährung um, aß nur noch glutenfrei, verzichtete auf Zucker, an irgendetwas musste es doch liegen.

"Mir war immer klar, was in mir steckt, was ich kann, im Training lief es ja auch." Schürrle war immer ein Sonnyboy gewesen, einer, der das Grübeln nicht erfinden musste, es ging ja auch fast ständig aufwärts vom Jugendmeister in Mainz mit Trainer Thomas Tuchel, der Sprung ins Profiteam mit der berühmten Boygroup vom Bruchweg, dann die Nationalmannschaft, Leverkusen, Chelsea und als Krönung der WM-Titel. "Das Bild, wie wir nach dem Tor im Endspiel an der Eckfahne jubeln und dann zurück zum Mittelkreis laufen, das werde ich auf ewig als erstes vor meinem Auge haben, wenn ich an diese WM denke." Ein WM-Titel, den es ohne Schürrles Flankenlauf vor dem 1:0 vielleicht nicht gegeben hätte.

Aber all das war in den ersten Wochen dieses Jahres nur eine schöne Erinnerung. "Es ist mir sehr schwergefallen, nach der WM wieder in den Alltag zurückzukehren und eine ganze Saison durchzupowern", es sei einigen aus dem WM-Team so gegangen.

Schürrle mit drei Toren gegen Hannover
DPA

Schürrle mit drei Toren gegen Hannover

Dann kam der 1. März, Wolfsburg trat zum Derby beim Tabellenletzten Hannover 96 an, Schürrle erzielte drei Treffer. "In dem Moment ist so vieles von mir abgefallen, plötzlich wusste ich, dass ich es noch kann." "Schürrle endlich in EM-Form", jubelt die "Bild"-Zeitung. Endlich mal wieder ein positive Schlagzeile: "Man liest das ja vorher auch alles, oder man bekommt es erzählt, was geschrieben steht. Das war nicht schön."

Nach dem Hannover-Spiel lief es plötzlich

Seit dem 1. März ist es mit dem VfL in der Saison fast nur noch abwärts gegangen, der Vizemeister und Pokalsieger ist ins Niemandsland abgestürzt, bei Schürrle dagegen "kam meine Spielfreude wieder". Bis zum Hannover-Spiel hatte er einen kümmerlichen Saisontreffer auf dem Konto, danach traf er noch in vier weiteren Partien. Gegen Darmstadt traf er in der letzten Minute aus der Distanz mit seinem ungeliebten linken Fuß. Monatelang hatte er zuvor immer wieder die Abschlüsse mit links trainiert. Gegen den eigenen Schwachpunkt angekämpft.

Jetzt, sagt er, hat er die Form, die er ins Turnier retten will - auch wenn es dann wieder die Jokerrolle sein dürfte, die auf ihn zugeschnitten scheint. "Ich habe damit mittlerweile kein Problem mehr", sagt Schürrle. "Jeder will von Anfang an spielen, aber man darf dann einfach nicht enttäuscht sein, wenn es anders kommt". Es gebe Spieler, "die nicht dafür gemacht sind, später ins Spiel zu kommen", bei ihm sei es eben anders. Mehr und besser könne er das auch nicht erklären.

Und wenn die nächste Formkrise kommt, bei diesem Turnier oder später, dann "bin ich ab jetzt besser drauf vorbereitet". Mit dem Wissen, dass man eine Krise auch hinter sich lassen kann. Schürrle läuft ihr einfach davon.

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bushmills 04.06.2016
1. Schü hat sich seine Energie das ganze Jahr über
gut eingeteilt, um dann auf den Punkt zu Hochform aufzulaufen. Im Kontrast zu einigen andere, für die die EM eher ein verspätetes Saisonende darstellt, und schon auf dem Zahnfleisch laufen, mit all den kleinen oder mittleren Wehwehchen, die in den letzten Wochen durchgebrochen oder aufgetreten sind. Aber das mit all den Leichtverletzten, das hat zur WM ja auch schon gut geklappt - in der Vorrunde noch eben regenerieren, und dafür mit der teilweisen Reserveelf auftreten, und in der Endrunde kommen dann die ausgeruhten und wiedergenesenen Spieler der ersten Elf wieder dran - vielleicht hätte Schü sich unter dem Gesichtspunkt vielleicht doch irgendeine auszuschonende Zerrung oder Reizung anlachen müssen, um seine Chancen für Einsatz in der Endrunde zu verbessern.
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