DFB-Stürmer Neuville Der Unterschätzte

Sein Siegtor als Joker gegen Polen ließ die ganze Nation jubeln: Im letzten Vorrundenspiel trifft die DFB-Elf heute auf Ecuador und Oliver Neuville könnte diesmal von Beginn an dabei sein. Wer ist dieser Mann, den niemand auf der Rechnung hatte?

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Oliver Neuville hat einen Traum, er träumt ihn schon seit vier Jahren, und Neuvilles Traum geht so: Deutschland erreicht das WM-Finale, und der Stürmer schießt ein Freistoßtor. Im Endspiel 2002 hatte er nur den Pfosten getroffen, es wäre die Führung gegen Brasilien gewesen, am Ende stand es 0:2. "Natürlich erinnere ich mich noch immer an diesen Pfosten. Leider ist der Ball damals nicht rein gegangen. Wenn wir dieses Mal wieder das Finale erreichen und wir erhalten einen Freistoß, will ich den rein machen", sagt Neuville.

Stürmer Neuville: "Ich kann auch mehr spielen"
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Stürmer Neuville: "Ich kann auch mehr spielen"

Seit vergangenem Mittwoch ist der 33-Jährige der Erfüllung seines Traumes näher gekommen. Gegen Polen sorgte er mit seinem 1:0-Siegtreffer in allerletzter Minute dafür, dass die deutsche Mannschaft noch ein bisschen mehr an sich glaubt und auch das Land. Es war ein typisches Neuville-Tor, eiskalt vollstreckt aus kurzer Entfernung - und wichtig. Neuville ist wieder der Mann für die bedeutenden Treffer im DFB-Team, im Achtelfinale 2002 traf er gegen Paraguay zwei Minuten vor dem Ende ebenfalls zum 1:0. Danach war er Stammspieler bis zum Finale.

Vor der WM hatte noch nichts darauf hingedeutet, dass der Profi von Borussia Mönchengladbach wieder eine Rolle spielen könnte in dieser deutschen Mannschaft. Wie vor der EM 2004 (damals musste Neuville zu Hause bleiben) stand die Nominierung lange in Frage, womöglich hat ihm erst sein Tor beim 4:1 im Test gegen die USA im März den Platz gesichert. Auch wenn Neuville das anders sieht. "Ich glaube nicht, dass es nur dieses eine USA-Spiel war, weil ich in Mönchengladbach seit zwei Jahren gute Leistungen gebracht habe", sagt er und auch, dass er "immer an die WM geglaubt" habe.

Er hätte damals schon seine Ansprüche lauter formulieren können, aber Öffentlichkeitsarbeit in eigener Sache ist ihm so fremd wie manchem Kollegen die Selbstbescheidung. Vielleicht würde man einen lauteren Neuville einen sehr guten Bundesligaspieler nennen und nicht nur einen guten. Vielleicht wäre er aber auch gar nicht dabei bei dieser WM. Er ist ein leiser Typ, der keinen Ärger macht, und er hat sich damit abgefunden, unterschätzt zu werden. Neuville lässt lieber Tore sprechen und verweist auf seine Statistiken. "Ja, ich bin tatsächlich jemand, den man leicht unterschätzt. Ich habe für die Nationalmannschaft zwar nur neun Tore erzielt, aber auch viele Treffer vorbereitet und sehr gute Leistungen gebracht."

Vor dem Spiel gegen Ecuador (Dienstag 16 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) gilt er nun sogar als Kandidat von Beginn an. Klinsmann-Assistent Joachim Löw kündigte "einige Veränderungen" an, das Turnier sei ja "hoffentlich noch lang". Alternativen können gegen die Südamerikaner getestet werden, wenn nicht gegen Ecuador, wann dann? "Klar will jeder von Anfang an spielen. Aber das ist eine Entscheidung von Jürgen Klinsmann", sagt Neuville. Im Moment sei er mit der Rolle als Joker zufrieden, "aber ich kann auch mehr spielen. Ich bin bereit". Er kann mehr als müde gegnerische Abwehrreihen überlaufen, das will er sagen. Noch ist das die Rolle, die dem Rollenspieler zugedacht ist.

Arbeiter mit der Zehn

Sein Stellenwert in der Mannschaft ist schwer einzuschätzen. Er ist der älteste Feldspieler, aber mit 57 Länderspielen nicht der erfahrenste. Er spricht vier Sprachen (Deutsch, Italienisch, Spanisch und Französisch), aber wenn er redet, dann leise. Auch bei der Verteilung der Rückennummern stand er hinten an. Am Ende wurde es die Zehn, die Nummer der Strategen, die an der Mittellinie entlangstolzieren und dann doch den entscheidenden Pass spielen. Das passt nicht recht zu diesem flinken Arbeiter, der nach Spielen gekrümmt den Platz verlässt wie ein alter Mann. Er hat sich arrangiert mit der Nummer, "ich hatte leider nicht so viele Möglichkeiten bei der Vergabe". Es kommt auf andere Dinge an als Zahlen, Tore zum Beispiel.

Gegen Ecuador könnte - neben Tim Borowski für Bernd Schneider - eine Variante Neuville für Podolski heißen, der Neu-Bayer wartet immer noch auf sein erstes Turniertor. Eine WM vor eigenem Publikum bedeutet sehr viel Druck, und den kennt der zwölf Jahre ältere Neuville besser als Podolski.

Taktisch würde sich zudem nicht viel ändern im deutschen System, auch Neuville sieht sich als "zweite Spitze, nicht als Rechtsaußen". Aber gegen Ecuadors dichtes 4-4-2-System wird er nicht viel Platz haben, den er doch so braucht für sein Spiel. Oder? "Das stimmt so nicht. Jürgen Klinsmann möchte, dass wir durch die Mitte in die Tiefe spielen, und genau das ist auch mein Spiel. Auch deshalb klappt es auch in letzter Zeit bei mir mit den Toren so gut", sagt Neuville.

Vor zwei Jahren war man in Leverkusen der Meinung, dass der Angreifer nicht mehr schnell genug sei und seine Zeit abgelaufen. Neuville ging nach Mönchengladbach und zeigte dort, dass er immer noch schnell ist und viele Tore erzielen kann. In der abgelaufenen Saison waren es zehn Treffer und zehn Vorlagen. "Mein Ziel war immer, wieder für die Nationalmannschaft zu spielen. Und das habe ich auch geschafft." Sie haben ihn unterschätzt damals, aber den Fehler haben schon viele gemacht, und auch bei dieser WM wird sich nichts daran ändern. Es sei denn, Neuville verwandelt im Finale seinen Freistoß.

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