DFB-Talent Özil Der Multikultikicker

Er gilt als Jahrhunderttalent, als Hoffnungsträger für das deutsche Gruppenfinale gegen Ghana: Mesut Özil verkörpert den neuen Stil der DFB-Auswahl, ihre Jugend und spielerische Klasse. Nur eines ist ihm wichtiger als der Fußball - sein bunt gemischtes Umfeld.

dapd

Von Jörg Kramer


Sobald er die Umkleidekabine verlassen hat, trägt Mesut Özil seinen Muschelkopfhörer im Nacken. Er trägt ihn wie seine Brillantohrringe oder die strassbesetzte Baseballkappe, die er oft nach dem Spiel aufsetzt und die ihn aussehen lässt wie einen HipHop-Star.

Auch die Kopfhörer sind mehr Accessoires als Utensilien, dekorativ wie Freundinnen, die junge Fußballspieler haben. Özil, 21, wird in Südafrika von Anna Maria angefeuert, sie ist sieben Jahre älter als er und lebt getrennt von ihrem zweiten Ehemann, dem früheren Werder-Profi Pekka Lagerblom. Aus erster Ehe mit einem Tänzer ihrer Schwester, der Popsängerin Sarah Connor, hat sie einen acht Jahre alten Sohn.

Die Liaison passt zu dem schüchternen, schmächtigen Deutsch-Türken von Werder Bremen, zumindest zu der frechen Lässigkeit, die er ausstrahlen will. Deutsche Nationalspieler sind heute anders als zu Zeiten des Trainers Berti Vogts.

Sie sehen nicht mehr kantig aus wie Guido Buchwald, sie wollen keine lauten Leitwölfe sein wie einst Stefan Effenberg. Sie sind modisch interessiert, talentierter als viele ihrer Vorgänger und leistungsorientiert. Vor den WM-Spielen hängen sie in der Kabine Plakate auf mit Schlagwörtern, die sie "Bausteine für den Erfolg" nennen: "Leidenschaft", "Teamwork", "Disziplin". Und ihre teils südeuropäische oder afrikanische Herkunft bringe Leben in die Mannschaft, so sagt es Özils Teamkamerad Sami Khedira, 23, ein Deutsch-Tunesier.

"Bewegungsabläufe auf höchstem Niveau"

Das neue Deutschland bei der Fußball-WM ist offensiv, sehr jung und multiethnisch, elf von 23 sind "Mix-Spieler", wie Khedira diejenigen mit ausländischen Wurzeln nennt. Besonders der Gelsenkirchener Özil, dessen Großvater vor rund 40 Jahren aus dem türkischen Dorf Hisiroglu bei Devrek auf Arbeitssuche ins Ruhrgebiet kam, verkörpert die spielerische Klasse. Trainer Joachim Löw ist von der "besonderen Leichtigkeit" seines Spiels begeistert und erkennt an ihm "Bewegungsabläufe auf höchstem Niveau" und dazu "ein überragendes Orientierungsvermögen auf dem Platz". Özil nehme gleichzeitig Mitspieler, freie Räume und den Ball wahr und sehe auch noch, wo ihn der Gegner als nächstes attackiere.

Er prägt den frischeren Stil, Löw verwendet in Südafrika Vokabeln wie Spielkultur und Kombinationsfußball, das sind nicht mehr die Begriffe aus Vogts' Zeiten. Damals hörte man im Teamquartier Wörter wie Manndecker, Durchschlagskraft oder Feuerwehr.

Özils überraschende Pässe, seine Sprints und Tempodribblings führten zum gelungenen WM-Auftakt Deutschlands gegen Australien. Auch beim 0:1 gegen Serbien war er zunächst Ausgangspunkt der wenigen erfolgsträchtigen Spielsituationen, nach Miroslav Kloses Platzverweis musste er sich als eine Art Ein-Mann-Offensive aufreiben, irgendwie gleichzeitig Absender und Adressat der Pässe sein. In seiner stärksten Phase wurde er ausgewechselt.

Özil trug es mit Fassung, wie er überhaupt immer höflich bleibt und auf jede noch so irritierende Frage antwortet. Gleich nach dem letzten WM-Test gegen Bosnien, Özil trug noch das schweißnasse Trikot, erkundigte sich ein Radiomann überraschenderweise nach seiner Meinung zum A380, der die Mannschaft nach Südafrika fliegen sollte. Özil atmete kurz durch und antwortete trocken: "Wir wissen natürlich, dass wir ein gutes Flugzeug haben."

Sozialisierung auf Bolzplätzen in Gelsenkirchen-Bismarck

Spieler wie er haben den internationalen Fußball aus einer Starre befreit. Weltweit bemühten sich die Mannschaften in den vergangenen Jahren, ihren Gegnern den Raum zur Entfaltung zu rauben, die Räume "zuzustellen", wie die Trainer sagen.

Kreative Offensivkräfte wie Özil oder auch der Niederländer Wesley Sneijder von Inter Mailand, halb Stürmer und halb Mittelfeldspieler, stellen die Spielverderber nun vor ungekannte Probleme. Sie könnten "die Schlüsselspieler" im modernen Fußball werden, sagt Löw, da sie zwischen den defensiven Reihen der Gegner pendeln und dann auf ratlose Abwehrketten zurennen. Das Angriffsspiel ist wieder im Vorteil.

Mesut Özil sagt, es sei "ein Kindheitstraum" gewesen, überhaupt eine Weltmeisterschaft zu spielen. In seinem immer gleichen Tonfall spricht er auf dem Gelände des Hotels Velmore Grande in Erasmia über den Erfolgshunger des Teams und darüber, dass alle auf dem Spielfeld in Bewegung sein müssten - "das erwartet auch ganz Deutschland und der Trainer natürlich."

Manchmal hört man noch heraus, dass Mesut Özil auf Bolzplätzen in Gelsenkirchen-Bismarck sozialisiert wurde, wo er mit Libanesen, Türken, Deutschen kickte, und dass er zu Hause bei den Eltern, den zwei Schwestern und dem älteren Bruder meistens türkisch sprach, weil die Mutter nicht so gut deutsch kann. "Manchmal kommen dann Sätze raus, die sind halb türkisch, halb deutsch", sagt er. Meistens spricht er eine SMS-Sprache ohne Artikel: "Mannschaft hat mich toll unterstützt", das ist einer seiner typischen Sätze, mit denen er seine eigene Leistung herunterspielt.

Wenn ihm etwas misslingt auf dem Platz, ein Torschuss zum Beispiel, dann kann er das schnell verdrängen, abhaken. "Ich hab' mich gehakt", so sagte er das nach einem Spiel, und es hörte sich an, als könnte er da im Kopf einen Hebel betätigen, um unbesorgt weiterzudribbeln - einen Gegner "ausfummeln", so heißt das in Özils Ruhrpott-Slang.

Diese Konzentrationsfähigkeit ist seine vielleicht erstaunlichste Qualität. "Manchmal klappt's, manchmal klappt's nicht so gut", bemerkte er häufig nach manchen durchwachsenen Auftritten für Bremen zu Beginn der vergangenen Bundesliga-Rückrunde, "ich bin ja erst 21."

insgesamt 33 Beiträge
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Seite 1
flanke 23.06.2010
1. Unsere Jahrhunderttalente
Zitat von sysopEr gilt als Jahrhunderttalent, als Hoffnungsträger für das deutsche Gruppenfinale gegen Ghana: Mesut Özil verkörpert den neuen Stil der DFB-Auswahl, ihre Jugend und spielerische Klasse. Nur eines ist ihm wichtiger als der Fußball - sein multikulturelles Umfeld. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,702175,00.html
Jaja, die ewigen Jahrhunderttalente... Wieviele wohl haben wir davon in den letzten Jahren gehabt? Scholl, Deisler, Podolski, Kroos... Meistens sind und waren die ihr ganzes Fußballerleben Talente.
ADie 23.06.2010
2. Falsche Bezeichnung!
Mezut Özil ist kein Deutsch-Türke, sondern ein türkischstämmiger Deutscher; Sammy Khadira ist tunesischstämmiger Deutscher. Spätestens seitdem sie sich für Deutschland entschieden haben und ihre Entscheidung angenommen wurde, sind sie zu allererst Deutsche.
stefnigg 23.06.2010
3. Ösil
Ösil ist Oberspitze! Ein sensibler, genialer Ballkünstler! Aber eines sehe ich auf den ersten Blick: Mit dieser Dame fällt er aufs Kreuz. Und das nicht, Kollegen, wegen der gespritzten Lippen! Wie kann man derart blind sein? Na, denn gute Fahrt!
tunnelblick 23.06.2010
4. ...
Zitat von ADieMezut Özil ist kein Deutsch-Türke, sondern ein türkischstämmiger Deutscher; Sammy Khadira ist tunesischstämmiger Deutscher. Spätestens seitdem sie sich für Deutschland entschieden haben und ihre Entscheidung angenommen wurde, sind sie zu allererst Deutsche.
Deshalb frage ich mich, warum man so eine große Sache um ihn macht. Er ist für mich natürlich Deutscher. Ob er das Riesentalent ist, wird er in den nächsten Jahren erst noch beweisen müssen. Aber nochmal zu dem langen Text: Auch wenn die deutsche Nationalelf momentan recht schönen Fussball spielt: dreifacher Weltmeister sind mir mit den "alten" Spielertypen geworden.
heyheymymy 23.06.2010
5.
Zitat von flankeJaja, die ewigen Jahrhunderttalente... Wieviele wohl haben wir davon in den letzten Jahren gehabt? Scholl, Deisler, Podolski, Kroos... Meistens sind und waren die ihr ganzes Fußballerleben Talente.
Nun gut, dann können wir die Jugendförderung im Leistungssport ja einstellen, wenn das alles nichts bringt... Im übrigens ist Toni Kroos erst 20 Jahre alt, also noch jünger als Özil, was hätte er denn ihrer "Expertise" nach schon alles leisten und beweisen sollen?
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