DFB-Team ein Jahr vor der WM Das Gespenst Katar treibt die Nationalelf um

Boykottieren? Nein. Stellung beziehen? Ja. Auf diese Haltung legt sich der DFB vor der umstrittenen WM in Katar fest. Bundestrainer Flick will das Thema schnell hinter sich lassen. Aber es droht, das Turnier zu belasten.
Bundestrainer Hansi Flick: In welche Richtung geht es beim Thema Katar?

Bundestrainer Hansi Flick: In welche Richtung geht es beim Thema Katar?

Foto:

Darius Simka / imago images/regios24

Eigentlich wollen Hansi Flick und Oliver Bierhoff bei diesem Pressegespräch eine sportliche Zwischenbilanz der Nationalmannschaft zum Jahresende ziehen: ein Rückblick auf die ersten sieben Spiele, die ersten sieben Siege des neuen Bundestrainers, ein Ausblick auf das kommende WM-Jahr und auf die Frage, wie weit diese Mannschaft schon wieder ist, ernsthaft um den Titel mitspielen zu können.

Aber dieses 2022, diese bevorstehende Weltmeisterschaft, sie sind nicht so, dass man lediglich den Blick auf den Fußball und seinen Tellerrand richten kann. Das Thema Katar und seine Menschenrechte, es schwingt immer mit, wenn über den Fußball und die WM geredet wird. Es ist ständig im Raum wie ein Gespenst. Und es lässt sich nicht vertreiben.

So kommen auch Bundestrainer Flick und Nationalmannschaftsdirektor Bierhoff nicht drum herum, sosehr Flick auch immer wieder anzumerken ist, wie viel lieber er über Leroy Sané und Manuel Neuer sprechen würde. Es wird eine der zentralen Fragen des kommenden Jahres sein: Wie gedenkt der DFB, mit diesem Thema umzugehen, im Vorfeld des Turniers und dann ab Ende November auch vor Ort?

Möglichst das Thema vor der WM abräumen

»Wir diskutieren das hier ständig, es wäre naiv zu denken, dass das kein Thema ist«, sagte Bierhoff am Donnerstag: »Das wird uns das ganze Jahr lang beschäftigen.« Im Hause des Deutschen Fußball-Bundes wird an der Strategie gebastelt, die grob gesagt so aussehen soll: Das Thema in seiner Präsenz und Wichtigkeit wird anerkannt, aber am liebsten will man die Diskussionen vor der WM führen – und vor der WM auch beenden.

Wenn die Mannschaft in Katar ist und die WM losgeht, »dann wollen wir das weg haben und uns auf das Wichtige konzentrieren«, wie Flick sagte: Und was er für das Wichtige hält, das ist klar: Fußballweltmeister werden.

Und noch etwas ist klar: Eine Nichtteilnahme an der WM aufgrund der Menschenrechtssituation im Emirat – das kommt nicht infrage. Einen Boykott wird es nicht geben.

»Boykott bringt gar nichts«

»Ein Boykott bringt gar nichts«, sagte Bierhoff gleich mehrfach: »Wir wollen dem Turnier eine Chance geben.« Stattdessen sei es »für uns ganz wichtig, auch die Binnensicht zu haben«. Bierhoff, Flick und Mitglieder aus seinem Trainerstab reisen schon in der nächsten Woche für ein paar Tage nach Katar, dort gehe es dann nicht nur darum, sich mögliche Quartiere für die Mannschaft anzusehen und Spiele des dort laufenden Arab Cup zu verfolgen. Man werde auch »an der einen oder anderen Stelle den ersten Kontakt aufnehmen«, sagte Bierhoff. Konkreter wurde er nicht. In Deutschland habe man zumindest schon Human Rights Watch kontaktiert, um sich mit der Menschenrechtsorganisation über die Lage in Katar auszutauschen.

Dies, so versicherten Bierhoff und Flick, werde auch im kommenden Jahr fortgesetzt. »Wir werden gut vorbereitet sein, nicht sportlich, sondern auch über diese Themen«, sagte Flick.

Fan-Annäherung vor der Belastungsprobe

Die aufgeladene Mitgliederversammlung des FC Bayern, bei der das Katar-Thema die Menge zum Brodeln und die Veranstaltung an den Rand des Abbruchs brachte, hat der DFB selbstverständlich registriert. Das sensible Projekt der Wiederannäherung an die Fans, bei der Nationalmannschaft unter der Ägide Bierhoffs ohnehin ein fragiles Gebilde, steht in dieser Frage vor einer nächsten Belastungsprobe. »Man hat bei den Bayern gesehen, wie wichtig das Thema ist, gerade den Fans«, sagt Flick.

Bei der Jahreshauptversammlung des FC Bayern gab es Kritik an der Vereinsspitze um Oliver Kahn wegen des Sponsorings von Qatar Airways

Bei der Jahreshauptversammlung des FC Bayern gab es Kritik an der Vereinsspitze um Oliver Kahn wegen des Sponsorings von Qatar Airways

Foto: Eibner-Pressefoto/Sascha Walther / imago images/Eibner

Zu viel Leisetreterei kann man sich eigentlich nicht leisten, andererseits »sind wir Sportler und können auch nicht jede Rolle einnehmen«, sagte Bierhoff. Das wird ein Seiltanz werden, der Nationalmannschaftsdirektor will die Hauptlast deswegen am liebsten in Richtung Verband weiterschieben: Der DFB sei »die sportpolitische Repräsentanz« beim WM-Turnier, nicht die Nationalmannschaft.

Die Öffentlichkeit wird sehr genau hinschauen, die Vorgänge bei der EM im Sommer, als man sich über Regenbogenfarben im Stadion die Köpfe heiß redete, haben das gezeigt, die Debatten über einen möglichen Boykott der Winterspiele in Peking tun dies derzeit ebenso.

Einfluss auf die Atmosphäre

»Wir werden nicht blind in dieses Turnier hineinlaufen«, versprach Bierhoff. Dass es mit Verlautbarungen guten Willens genug ist, kann man sich angesichts der öffentlichen Meinung aber nur schlecht vorstellen.

Flick kennt Aufenthalte in Katar aus seiner Bayern-Zeit, ihm als Bundestrainer geht es vor allem »um kurze Wege«, um eine »gute Atmosphäre« und »hervorragende Bedingungen« für sein Team, er ist primär für den sportlichen Erfolg verantwortlich.

Allerdings können Atmosphäre und Bedingungen bei dieser WM mehr als in anderen Jahren durch die nicht sportliche Agenda beeinflusst werden. Das ist der Preis, den die Fifa für die Vergabe an Katar zahlt. Wie es im Gegenzug um den Preis Katars bestellt ist, der an die Fifa gezahlt wurde, ist schon häufig angesprochen worden.

Flick sagte: »Wir müssen zu unseren Werten stehen, und die werden wir auch zeigen.« Wie das genau aussieht, wird zu den sehr spannenden Fragen des Sportjahres 2022 gehören.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.