DFB-Team Fruchtlose Experimente

Wenige Tage vor Beginn der EM hat Erich Ribbeck seine Planspiele abgeschlossen und scheint so schlau wie zuvor. Einzig die gute Form der Stürmer gibt Anlass zur Hoffnung.


Carsten Jancker: "Jeder will spielen"
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Carsten Jancker: "Jeder will spielen"

Vaals - DFB-Teamchef Erich Ribbeck hat fünf Tage vor dem EM-Auftakt gegen Rumänien das Verwirrspiel um die deutsche Startformation weiter forciert. Nach dem 8:2 (2:1) gegen den Fußballknirps Liechtenstein in Freiburg wirkte der 62-Jährige ratlos und gab keinerlei Hinweise auf die Elf, die am kommenden Montag (18 Uhr/live im ZDF) den Grundstein für eine erfolgreiche Titelverteidigung legen soll.

Im Gegenteil: Der Teamchef verwickelte sich bei seinen Kommentaren nach der mäßigen Euro-Generalprobe, bei der der Europameister erst am Schluss einer Blamage entgangen war, sogar in Widersprüche. "In der ersten Hälfte spielte nicht die EM-Startelf", sagte er und meinte wenig später: "Ich war bemüht, die Mannschaft spielen zu lassen, die bis auf wenige Ausnahmen so aussieht wie gegen Rumänien." Zugleich gab Ribbeck zu, dass er nach dem Spiel "wieder andere Eindrücke als vorher" habe. Am Donnerstag erfolgte am Mittag der Einzug ins DFB-Stammquartier in Vaals.

Fakt ist, dass der Teamchef nach diversen Experimenten offensichtlich immer noch nicht weiß, wer am kommenden Montag aufläuft. "Ich habe noch Zeit, um gewisse Dinge zu testen. Die Entscheidung, wer gegen Rumänien spielt, werde ich davon abhängig machen, wer zu diesem Zeitpunkt die beste körperliche Verfassung hat und wer mit wem am besten harmoniert", sagte der Teamchef, der mehr Probleme hat, als er wahrhaben will.

Problemfall Nummer eins ist der 39-jährige Lothar Matthäus, der nach seinem Muskelfaserriss vor anderthalb Wochen wie geplant gegen Liechtenstein wieder spielte, sich aber nach einer halben Stunde wiederum wegen Muskelbeschwerden "aus Vorsichtsgründen" auswechseln ließ.

Problemfall Nummer zwei ist Jens Jeremies, der nach seinem Schlüsselbeinbruch erstmals wieder spielte. "Training und Spiel sind zwei verschiedene Dinge", stellte Ribbeck nach der farblosen Vorstellung des Münchners fest, der ohne Spezialaufgabe orientierungslos wirkte und des öfteren Dietmar Hamann auf den Füßen stand.

Problem- (oder vielleicht auch Glücksfall) Nummer drei: Die Stürmerlotterie zwei aus vier. Nach der Partie meldeten unverblümt Kapitän Oliver Bierhoff (ein Treffer) und der zweifache Torschütze Ulf Kirsten ihre Ansprüche an. "Ich gehe davon aus, dass ich spielen werde. Ich fühle mich gut, bin der Kapitän und verfüge über eine Menge Erfahrung", argumentierte Bierhoff, der sich am vergangenen Samstag mit zwei Treffern beim 3:2 im Härtetest gegen Tschechien nach 610-minütiger Torflaute im Nationaltrikot eindrucksvoll zurückgemeldet hatte. Kirsten meinte frech: "Ich bin schon vor dem Spiel davon ausgegangen, dass ich gegen Rumänien spiele. Daran hat sich nichts geändert."

Zurückhaltender sind die anderen beiden Kandidaten. "In der Stürmerfrage ist noch keine Entscheidung gefallen. Ich bin auf alles gefasst", meinte Ribbecks spielstärkster Stürmer Paulo Rink. Und Senkrechtstarter Carsten Jancker, der gegen Liechtenstein seine Länderspieltreffer zwei und drei erzielte, stellte lapidar fest: "Jeder will spielen. Die Tore sind ein gutes Argument." Ribbeck ließ lediglich wissen, dass er die noch nie getestete Kombination Bierhoff/Jancker nahezu ausschließt: "Das ist die Paarung, die sich aus meiner Sicht als Letztes anbietet."

Problemfall Nummer vier ist das Mittelfeld. "Ich hatte bereits das Rumänen-Spiel im Hinterkopf", verteidigte Ribbeck seine defensive Startaufstellung gegen Liechtenstein. In den ersten 45 Minuten war einzig und allein Mehmet Scholl, der das 2:1 erzielte, ein offensives und belebendes Element im Mittelfeld. Markus Babbel und Christian Ziege blieben auf den Außenbahnen wirkungslos, in der Zentrale waren Dietmar Hamann und Jeremies überfordert.



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