DFB-Team gegen Dänemark Sechs Debütanten und eine Niederlage

Am Ende gab es Pfiffe: Nach der ersten Pleite unter Bundestrainer Joachim Löw wurde die DFB-Elf mit Buhrufen in die Kabinen geschickt. Das lag aber nicht an der jungen B-Mannschaft, die gegen Dänemark auf dem Platz stand - sondern an den Spielern, die nicht da waren.

Von , Duisburg


Joachim Löw hatte sie gehört und auch Thomas Hitzlsperger war sich sicher: Ja, da waren Pfiffe gewesen. "Schade", sagte der Bundestrainer und schaute sehr ernst dabei, "das hat die Mannschaft nicht verdient". Hitzlsperger gab sich diplomatischer und äußerte sogar Verständnis. Aber immerhin seien es ja "nur wenige Menschen gewesen".

An Pfiffe konnte man sich im Zusammenhang mit der deutschen Nationalmannschaft lange nicht mehr erinnern, zuletzt gellten sie durchs Stadion, als sich das DFB-Team durch die WM-Vorbereitung quälte. Ein Jahr später schickten die Fans ihr Team wieder mit Buhrufen in die Kabinen, und es waren anders als in Hitzlspergers Wahrnehmung nicht wenige, sondern der Großteil der 31.000 Zuschauer in der MSV-Arena. Dabei ging es gar nicht darum, welche Spieler dort unten auf dem Platz standen, sondern welche nicht.

Roberto Hilbert anstatt Bernd Schneider, Piotr Trochowski für Bastian Schweinsteiger, Simon Rolfes für Michael Ballack und Jan Schlaudraff für Lukas Podolski - in Duisburg hatte man auch nach dem Spiel kein Verständnis für die Maßnahme von Löw, die überspielten WM-Stars zu schonen. Der Versuch des DFB, seine Anhänger nach den Diskussionen um die Aufstellung einer B-Elf mit kostenlosen Schals und Mützen zu besänftigen, scheiterte kläglich. Für Löws Experiment gilt das trotz der 0:1 (0:0)-Niederlage nicht ganz.

Man vergaß vor diesem Spiel, dass die Partie gegen die Dänen nicht nur eine Chance für diese Perspektivspieler bedeutete, sondern auch Druck. Es galt, einen Ruf zu verteidigen, der in zwei Jahren mühsam aufgebaut wurde. Eine hohe Niederlage gegen die Dänen konnte diesen beschädigen, selbst wenn sie durch eine B-Mannschaft zustande kam. Schon kurz vor Anpfiff waren deshalb wie zur Selbstvergewisserung gegenseitige Anfeuerungen zu beobachten, Simon Rolfes (null Länderspiele) klatschte Jan Schlaudraff (zwei Länderspiele) ab, während des Spiels feuerte Clemens Fritz (vier Länderspiele) Roberto Hilbert (null Länderspiele) an. So ging das nach jedem Ballverlust oder jeder halben Chance. "Nervosität" gab Hitzlsperger später als Grund dafür an. "Das war nicht einfach."

Als Rezept gegen die Aufregung habe der Bundestrainer vorgegeben, "mutig nach vorn zu spielen", sagte der Profi des VfB Stuttgart, mit 23 Länderspielen nach Kapitän Kuranyi (37) der erfahrenste Deutsche auf dem Platz. Doch das gelang erst ab der 20. Minute, vorher hatten die Dänen durch Verteidiger Daniel Agger (Kopfball) und Nicklas Bendtner mit einem Schuss aus 18 Metern schon in den ersten zwei Minuten gefährliche Chancen. Erst rettete Robert Enke, dann klärte Piotr Trochowski auf der Linie. Als in der zehnten Minute plötzlich auch noch fünf Rasensprenger begannen, die linke deutsche Angriffsseite zu befeuchten, schienen sich auch noch höhere Mächte gegen die Deutschen verschworen zu haben. Nass wurde aber nur Trochowski, aus den Lautsprechern schallte "ein bisschen Spaß muss sein".

Unübersehbar waren zu diesem Zeitpunkt schon die Abstimmungsprobleme in der DFB-Hintermannschaft. Die Dänen spielten ihre Steilpässe immer wieder in die Schnittstellen der Viererkette, in der Alexander Madlung und Manuel Friedrich schnell bewusst wurde, dass man eine genügende Abstimmung nicht durch acht Tage Training erreicht. Beide hatten in einem Pflichtspiel noch nie zusammen auf dem Platz gestanden, ebenso wenig wie Rolfes/Hitzlsperger im zentralen Mittelfeld oder Schlaudraff und Kuranyi vorn. Löw nahm das ebenso in Kauf wie die Tatsache, dass seine Serie von acht ungeschlagenen Spielen reißen könnte: "Man kann nicht die Nachwuchsförderung propagieren und dann enttäuscht sein, wenn man verliert."

Dabei sah es zwischenzeitlich gar nicht so schlecht aus, was die unerfahrene DFB-Elf (Durchschnittsalter: 24,4 Jahre) gegen "eine der besten Mannschaften Europas" (Hitzlsperger) ablieferte. Es war eben nur nicht das, was man von einem deutschen Team erwartet, das die Ansprüche ihrer Anhänger in punkto Spielkultur, Schnelligkeit und Technik so erhöht hat. Die Mannschaft habe "alles gegeben", sie sei in der ersten Hälfte "ganz gut organisiert" gewesen, so Löw, "und hat dann mit viel Kraft und Einsatz versucht, das Spiel noch zu drehen". Kraft und Einsatz ersetzten Spielfreude und Brillanz - exemplarisch dafür war die nicht jugendfreie Grätsche des Leverkuseners Rolfes gegen Dennis Rommedahl kurz vor der Pause.

Die "wichtigen Erkenntnisse", von denen Löw nach dem Spiel sprach, werden aber womöglich auch darin bestehen, dass jeder Einzelne auf dem Platz sich wenigstens redlich mühte, die Insignien des neuen deutschen Spiels zu beherzigen. So schlug Manuel Friedrich einen Ball in Bedrängnis nicht auf die Tribüne, sondern leitete gleich einen Angriff ein - auch wenn der Pass im Aus landete. Schlaudraff versuchte sich immer wieder an Doppelpässen mit Kuranyi und lauerte auf Steilpässe aus dem Mittelfeld - auch wenn er dabei zehn Mal ins Abseits lief. Und Marcell Jansen sprintete ein ums andere Mal zur Grundlinie und flankte - auch wenn diese oft Abnehmer fanden.

Die Dänen spielten cleverer, bestimmten den Spielrhythmus und mussten sich nur eine schlechte Chancenverwertung vorwerfen lassen. Kahlemann (45.) und Bendtner (70.) scheiterten an Enke, Jansen rettete vor Rommedahl (68.). Enke, wie Hilbert, Gonzalo Castro, Patrick Helmes, Stefan Kießling und Rolfes in seinem ersten Länderspiel, wurde zum besten Mann auf dem Platz - beim Gegentor durch Bendtner in der 81. Minute war er machtlos.

Wenn es Anfang Juni in Wales wieder um die EM-Qualifikation geht, wird Enke weiter dabei sein, auch wenn die Stammspieler zurückkehren. Gute Chancen dürfte auch ein Zweitligastürmer haben. Patrick Helmes (Köln) stand in Duisburg nur zwölf Minuten auf dem Platz, zeigte in dieser kurzen Zeit aber eine Torgefährlichkeit, die Löw später von "sehr guten Ansätzen" sprechen ließ. In der 80. und 84. Minute vergab er jedoch knapp, zwei Minuten vor dem Ende traf Helmes nur die Querlatte.

Die Pfiffe nach dem Spiel hätte aber wohl auch ein Tor des Stürmers nicht verhindert.

Deutschland - Dänemark 0:1 (0:0)
0:1 Bendtner (81.)
Deutschland: Enke (29 Jahre/1 Länderspiel) - Fritz ( 26/5), Madlung (24/2), Manuel Friedrich (27/7), Jansen (21/14) - Hilbert (22/1 - 58. Freier/27/19), Hitzlsperger (24/23), Rolfes (25/1 - 71. Castro/19/1), Trochowski (23/3) - Kuranyi (25/38 - 46. Kießling/23/1), Schlaudraff (23/3 - 78. Helmes/23/1)
Dänemark: Thomas Sörensen (30/62 - 46. Christiansen/28/7) - Priske (29/23), Gravgaard (28/14), Agger (22/13), Jacobsen (27/11) - Poulsen (27/47 - 46. Andreasen/23/2), Daniel Jensen (27/28 - 46. Würtz/23/6), Kahlenberg (24/14 - 46. Grønkjær/29/63) - Rommedahl (28/65 - 76. Busk Poulsen/22/1), Tomasson (30/88 - 56. Dennis Sörensen/25/3), Bendtner (19/6)
Schiedsrichter: Webb (England)
Zuschauer: 31.500 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Rolfes / -

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Seite 1
Boone 16.11.2006
1.
Der Weg führt uns zum Sieg, denn was auch kommen mag, wir werden kämpfen bis die Hölle zu friert und anschliessend kämpfen wir auf dem Eis weiter.
zockererwin 16.11.2006
2.
Die Nationalmanschaft kann sicher wieder zur Weltspitze aufrücken. Ich hab den Eindruck, es herrscht ein neuer Geist in diesem Team. Das Zypern-Spiel gestern war sicher nicht berauschend. Aber solche Spiele hat es schon früher gegeben.
Knecko 16.11.2006
3. Hochleistungsgetriebe ?
---Zitat von sysop--- Die beste Länderspiel-Bilanz aller Zeiten im Rücken, die EM-Qualifikation vor Augen - Wohin führt der Weg der DFB-Elf? ---Zitatende--- Trotz alledem, nach dem gestrigen Spiel behaupte ich : Wir sind wieder am Boden der Realität - also auf der Ebene 1 - angelangt. Die Bilanz in diesem Jahr ist tatsächlich erstaunlich gut : 2 Niederlagen (beide gegen Italien....) 2 Unentschieden 16 Siege (inkl. dem 13:0 einem der höchsten Siege überhaupt) Aber man hat gegen Zypern sehr genau gesehen, dass "The Mannschaft" nur funktioniert, wenn alle ersten 11 an Bord sind. Bzw. - um hier mal meine wirklich sehr gut analytisch denkende und mit gutem Fußball-Sachverstand ausgestattete Frau zu zitieren - alle bis auf Ballack, der mehr schadet, als nutzt! Aber mal der Reihe nach : Bernd Schneider : Ohne ihn geht es einfach nicht. Er ist das wichttigste Bindeglied von unserer Elf. Nur durch Bernd ist "The Mannschaft" zu einer Einheit geworden. Er ist der Rackerer, der allen anderen die nötigen Freiräume verschafft, die sie zur Entfaltung ihres Spieldranges auch benötigen. Frings und Schweinsteiger profitieren am meisten von der Omnipräsenz von Bernd S. Timo Hildebrand : Er ist nicht wirklich die Nr. 2 im deutschen Tor. Solche Fehler - wie gestern - dürfen einem Torwart der Nationalelf nicht passieren. Wir haben schon immer schwierige Charaktere, als Torwart gehabt. Aber alle wirklich guten Torhüter waren auch immer der Rückhalt und die Stütze der gesamten Verteidigung. Ein etwas besserer 0815-Torwart wie Herr Hildebrand, der - kaum ist seine Position als Nr. 2 mal vakant - gleich anfängt zu weicheiern, der ist nicht dafür geboren. Michael Ballack : Regisseur ???? Niemals !!!! Auch wenn alle jetzt sagen, dass wir ohne Ballack verloren hätten. Aber das ist nicht so. Was haben wir denn von ihm als Regisseur gesehen ? Ballkontakte von ihm, außer nach Standardsituationen, waren eher selten zu verzeichnen. Gegen Spielende hat er sich als (Kopfball-)Torjäger probiert. Dabei aber leider dabei vergessen, dass er auch einen Fuss zum Flanken schlagen und schießen hat. Borowski hätte das besser gelöst. Fazit : Unsere Elf ist ein gut funktionierendes Hochleistungsgetriebe, mit allen dazugehörigen Schwächen. Sobald ein Rädchen nicht mehr ordnungsgemäß arbeitet, steht das Getriebe still ! Gruß Knecko
isidorus, 16.11.2006
4.
---Zitat von sysop--- Die beste Länderspiel-Bilanz aller Zeiten im Rücken ---Zitatende--- Zählt das Zypern-Spiel eigentlich dazu? :-) Nein, ernsthaft: Wohin soll der Weg schon führen? Deutschland qualifiziert sich für EMs bzw. WMs und ist jedesmal Titelanwärter. 2008 traue ich Ihnen den Titel zu. Und bei allem Gejammere: Das ist Meckern auf höchstem Niveau! Bitte mal den Blick zu uns nach Österreich werfen, wo die Klubs international keine Rolle mehr spielen und die Nationalmannschaft gegen Kanada nicht mehr nur im Eishockey verliert, sondern neuerdings auch beim Fußball.
DJ2002dede, 16.11.2006
5.
---Zitat von sysop--- Die beste Länderspiel-Bilanz aller Zeiten im Rücken, die EM-Qualifikation vor Augen - Wohin führt der Weg der DFB-Elf? ---Zitatende--- Zur Weltspitze fehlt doch noch so einiges.
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