DFB-Team in der Türkei Zum Härtetest ins Pfeifkonzert

Für Joachim Löw ist es ein Probespiel unter Extrembedingungen: Deutschland hat sich die EM-Teilnahme gesichert, doch die Türkei kämpft noch verzweifelt um die Qualifikation. Zur besonderen Herausforderung könnte das Treffen daher für DFB-Regisseur Mesut Özil werden.

Bundestrainer Löw: Den Druck hochhalten
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Bundestrainer Löw: Den Druck hochhalten

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Hamburg - Die Geschichte von Joachim Löw und dem türkischen Fußball ist die Geschichte von Harun Arslan. Seit mehr als einem Jahrzehnt ist der 55-Jährige der Berater des Bundestrainers und kümmert sich um die geschäftlichen Belange Löws. Arslan knüpfte 1998 die Kontakte zu Fenerbahce Istanbul und ermöglichte das Trainer-Engagement Löws am Bosporus. Das währte zwar nur ein Jahr, dennoch hat der DFB-Coach mehrfach betont, dass es durchaus etwas Besonderes sei, mit der Nationalmannschaft nach Istanbul zurückzukehren.

Für Löw und Arslan dürfte das EM-Qualifikationsspiel gegen die Türken (20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) daher wohl auch eine persönliche Bedeutung haben, der Rest der DFB-Elf dürfte es deutlich nüchterner sehen. Das Team ist seit dem begeisternden 6:2 über Österreich bereits für das Turnier im kommenden Jahr qualifiziert. Die Partie in Istanbul, die zum Showdown der EM-Qualifikation werden sollte, ist dadurch für den DFB nur noch ein Testspiel auf dem Weg zum Turnier in Polen und der Ukraine. Man kann davon ausgehen, dass den Bundestrainer das reine Spielergebnis dieses Abends nur am Rande interessiert.

Löw betont zwar allenthalben, nun gelte es, den Druck hochzuhalten. Das Ziel sei, alle Qualifikationsspiele ausnahmslos zu gewinnen - aber dies ist doch eher eine künstlich aufgebaute Motivation. Im Zweifelsfall werden leicht angeschlagene Spieler wie Miroslav Klose gegen die Türken bereits geschont oder frühzeitig ausgewechselt. Die Konzentration gilt ab sofort allein der EM.

Frage nach Özils Einsatz ist am spannendsten

Die DFB-Delegation tut zwar alles, um offiziell jeden Verdacht der möglichen Wettbewerbsverzerrung zu entkräften - die Türken sind schließlich zusammen mit den Belgiern noch im Rennen um den zweiten Platz in der Gruppe, der zu den Playoff-Spielen berechtigt - aber letztlich nutzt Löw die Partie schon zum Testen. Dass der Gladbacher Marco Reus höchstwahrscheinlich sein Debüt feiern darf, passt da bestens ins Bild.

So bleibt fast die spannendste Frage des Abends, ob Löw Mittelfeldregisseur Mesut Özil auf den Platz schickt oder nicht. Dem 22-Jährigen von Real Madrid droht ein wohl noch lauteres Pfeifkonzert als im Hinspiel in Berlin. Dass sich Özil früh für die deutsche Nationalelf und gegen eine sportliche Zukunft im türkischen Team entschieden hat, hat bei den Gastgebern Emotionen geschürt.

Angesichts der spielerischen Klasse, die Özil in den vergangenen zwei Jahren erlangt hat, ist es auch wenig verwunderlich, dass viele Türken ihn liebend gerne im eigenen Team gesehen hätten. Dass im Gegenzug in Deutschland ausgebildete Jungprofis wie der Herthaner Tunay Torun und der Leverkusener Ömer Toprak sich für die Türkei entschieden haben, wiegt das bei aller Wertschätzung der sportlichen Qualität der beiden Spieler nur sehr unzureichend auf.

Gespanntes Verhältnis

Özil hat im Vorfeld mitgeteilt, dass ihm "die Pfiffe nichts ausmachen werden". Ob das allerdings so stimmt, kann man anzweifeln. Im Hinspiel wirkte der Real-Spieler angesichts der Lärmkulisse in Berlin doch mächtig beeindruckt, wenn er auch einen Treffer zum damaligen 3:0-Erfolg beisteuerte. Löw täte seinem Jungstar sicherlich einen Gefallen, wenn er ihm eine erneute Konfrontation mit dem türkischen Publikum ersparen würde, zumal Özil mit einer leichten Verletzung zum Länderspiel angereist ist. Andererseits wäre ein Auftritt in Istanbul ein echter Härtetest für den Nationalspieler.

Das Verhältnis zwischen dem deutschen und türkischen Verband ist seit längerem nicht ohne Spannungen. Die Türkei mit ihrem Europa-Koordinator, dem früheren Dortmunder Profi Erdal Keser, bemüht sich um mehrere junge deutsche Talente mit türkischer Herkunft - was beim DFB mit Argwohn beobachtet wird. Die Erfolge der U-17-Nationalmannschaft bei der WM im Sommer kamen schließlich zu einem Gutteil durch junge Spieler zustande, die türkische Wurzeln haben.

Im Vorfeld des Rückspiels von Istanbul ist dies das Hauptthema in den Medien - auch das zeigt, dass der sportliche Wert dieser Partie aus deutscher Sicht nur noch relativ ist. Für Joachim Löw ist Istanbul nicht mehr als eine Zwischenstation.

Die voraussichtlichen Aufstellungen:
Türkei:
Volkan Demirel - Sabri Sarioglu, Korkmaz, Servet Cetin, Hakan Balta - Selcuk Sahin, Topal - Burak Yilmaz, Selcuk Inan, Arda Turan - Bulut
Deutschland: Neuer - Höwedes, Mertesacker, Badstuber, Lahm - Schweinsteiger, Khedira - T. Müller, Özil, Podolski - Klose

insgesamt 16 Beiträge
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FMK 07.10.2011
1. Völlig ok wie es scheint
Wenn man den Artikel so liest, dann scheint dieser das Verhalten der türkischen Fans als völlig ok zu beurteilen. Nein - das ist einfach unsportlich. Verirrten türkischen Nationalstolz über den sportlichen Wettkampf zu stellen ist nicht ok. Man stelle sich nur vor, das Verhalten wäre genau umgekehrt. Deutsche Fans würden pfeifen, wenn ein deutschstämmiger in die Türkei Ausgewanderter in der türkischen Nationalmannschaft spielen würde. Das wäre dann alles andere als ok. Man muss nicht für alles Verständnis haben, sondern sollte auch einmal darüber nachdenken, warum es so ist und wie es dazu kam.
viwaldi 07.10.2011
2. Abwerbung durch ausländische Verbände
Zitat von sysopFür Joachim Löw ist es ein Probespiel unter Extrembedingungen: Deutschland hat sich die EM-Teilnahme gesichert, doch die Türkei kämpft noch verzweifelt um die Turnierteilnahme. Zur besonderen Herausforderung könnte das Treffen daher für Joachim Löws Regisseur Mesut Özil werden. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,790556,00.html
Das türkisch-stämmige junge Fußballer sich ggf. aussuchen, in welcher Nationalelf sie spielen wollen, ist kein Problem. Wer sich nicht integrieren will und trotz der Übersiedlung (oder sogar Geburt) gar nicht vorhat, Deutscher zu sein, kann dies im Rahmen der Gesetze tun. Dies ist zwar komisch (warum geht er dann nicht in die Türkei), - aber zu akzeptieren. Der DFB sollte nur daraus seine Lehren ziehen, und die sind einfach: bevor ein junger Spieler auf Lehrgänge oder sogar in die U17 usw. aufgenommen wird, muß eine Verpflichtungserklärung unterschrieben werden, der eine Konventionalstrafe für den Fall eines Wechsels in eine ausländische Nationalmannschaft vorsieht. Ist das juristisch nicht zu machen, geht es auch anders: Jeder Spieler der U17 wird für eine Minute in ein Spiel der Nationalmannschaft eingewechselt (90.Minute). Wer das nicht will, erfährt keine weitere Föderung seitens des DFB. In seinem Club kann er soviel Karriere machen wie er will.
Persiflist 07.10.2011
3. Na toll...
Zitat von FMKWenn man den Artikel so liest, dann scheint dieser das Verhalten der türkischen Fans als völlig ok zu beurteilen. Nein - das ist einfach unsportlich. Verirrten türkischen Nationalstolz über den sportlichen Wettkampf zu stellen ist nicht ok. Man stelle sich nur vor, das Verhalten wäre genau umgekehrt. Deutsche Fans würden pfeifen, wenn ein deutschstämmiger in die Türkei Ausgewanderter in der türkischen Nationalmannschaft spielen würde. Das wäre dann alles andere als ok. Man muss nicht für alles Verständnis haben, sondern sollte auch einmal darüber nachdenken, warum es so ist und wie es dazu kam.
Mit Ihrem Beitrag haben Sie dafür gesorgt, daß dieser Blog spätestens morgen mittag geschlossen wird...
haimdal 07.10.2011
4. Gleiches mit Gleichem...
Eine interessante Frage wäre: Ob wohl die brasilianischen Fans ein Pfeiffkonzert veranstalten, wenn Brasilien gegen die Türkei - mit ihrem BRASILANISCH-STÄMMIGEN MEHMET AURELIO - spielt??? Ein Teil der türkischen Gesellschaft unterliegt anscheinend noch immer dem Irrglauben, dass die Globalisierung an ihnen vorüber gehen würde... Was bedeutet es eine bestimmte Nationalität zu haben? Man spricht diesselbe Sprache, entstammt demselben kulturellen Umfeld...usw. Özil spricht (auch) deutsch, ist in der hiesigen Kultur aufgewachsen, hat die hiesigen Ausbildungsmöglichkeiten in Anspruch genommen- demnach ist seine Entscheidung einfach nur nachzuvollziehen!!! Wenn ich, wie in einigen Fernsehaufzeichnungen zu sehen, türkische Migranten sagen höre, die Özil beschimpfen und ihm vorwerfen, er habe doch türkisches Blut- da stellt sich mir die Frage "Gibt es kleine rote Blutzellen mit einem Halbmond drauf"?
Florian_Geyer 07.10.2011
5. Auswärts oder zuhause gegen die Türkei, das ist immer ein Auswärtspiel
Zitat von sysopFür Joachim Löw ist es ein Probespiel unter Extrembedingungen: Deutschland hat sich die EM-Teilnahme gesichert, doch die Türkei kämpft noch verzweifelt um die Turnierteilnahme. Zur besonderen Herausforderung könnte das Treffen daher für Joachim Löws Regisseur Mesut Özil werden. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,790556,00.html
Wieso ist das ein Härtetest, wenn die NM der Türkei oder türkische Mannschaften im Europapokal in Deutschland spielen, hat man doch eh immer den Eindruck, sämtliche türkische Nationalisten haben sich die Karten auf den unmöglichsten Wegen besorgt. Die deutschen Stadien sind bei solchen Begegnungen fest in türkischer Hand. Im Gegenteil 3 Tore vorgelegt und Ruhe ist im Karton, denn dann werden die türkischen Besucher ganz ruhig in ihren Stadien.
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