DFB-Team Willkommen im Regenwald

Das WM-Achtelfinale ist erreicht, die Stimmung gelöst. Erst am Dienstag muss die deutsche Nationalmannschaft wieder ran, gegen Ecuador. Aber wie sieht eigentlich ein spielfreier Tag der DFB-Kicker aus? SPIEGEL ONLINE hat sich auf die Suche begeben.

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Im Hotel trägt Jens Lehmann immer noch die Nummer neun. Der Torwart steht in voller Montur auf dem Parkplatz des Mannschaftsquartiers, er hat sein orangefarbenes Trikot an und auch die Handschuhe, der Blick ist entschlossen. Um ihn herum haben sich die deutschen Nationalspieler gruppiert, und Lehmann, die Nummer eins der deutschen Nationalmannschaft, bewegt sich ein bisschen im Wind.

"Die Spieler werden gleich die Pappfiguren unterschreiben", sagt Harald Stenger. Der DFB-Pressechef steht vor dem Hoteltor, er trägt ein grelles Hemd, das leuchtet wie die Sonne über dem Berliner Grunewald. Es ist ruhig an diesem Morgen, die DFB-Kicker werden gleich zum Fitnesstraining gefahren. Das Wetter ist wieder gut nach dem kurzen Regen zuvor und auch die Stimmung. "Ich trainiere aber nicht mit", sagt Stenger und lacht.

Aus dem Hoteleingang kommen die ersten Spieler ins Freie. Per Mertesacker schlurft durch die Pappfiguren, er sucht sich. Thomas Hitzlsperger unterschreibt auf seiner Brust. Sie wirken noch ein bisschen müde an diesem Tag, der der erste entspannte bei dieser WM werden wird. Ab Nachmittag ist frei, erst am Sonntag treffen sich die Spieler wieder im Schlosshotel.

Um kurz vor zehn wird es vor dem Tor laut. Hinter einer Absperrung stehen zehn Autogrammjäger, die darauf hoffen, dass die Spieler nach den Pappfiguren auch noch Deutschland-Trikots unterschreiben. "Wer ist das? Hitzelberger, oder", fragt eine Frau. Als Oliver Neuville herauskommt, ruft einer "Hallo, Olli", ein anderer raunt "der Torheld". Und so geht es weiter, "Hallo Arne", "Miro", "Micha, bitte". Man duzt die Nationalspieler, man kennt sie ja. Aus dem Fernsehen.

"Die werden immer lockerer", sagt Edgar. Der Mann im weißen Trikot steht seit Pfingstmontag jeden Morgen hinter der Absperrung. "Ich komme immer schon um neun, um mir die Pole-Position zu sichern." Fünf Wochen Urlaub hat er sich genommen, er will ganz nah dran sein. Edgar ist mit seinem Ford zum Eröffnungsspiel nach München gefahren und auch nach Dortmund. Karten hat er keine. "Das Auto ist mein Hauptquartier", sagt der 45-Jährige. Dort schläft er auch.

Auch nach dem Fitnesstraining wird er hier noch stehen. Ein Autogramm fehlt noch auf seinem Trikot, das von Gerald Asamoah. "Ich hoffe, dass der nachher eine gnädige Phase hat", sagt Edgar. Er hat schon oft darauf gehofft, aber Asamoah blieb bisher ungnädig. Es wäre einfacher, wenn man sich kennen würde, "aber die wissen nicht, dass ich der Edgar bin".

Ein Mann in roter Latzhose schleppt zwei der Pappfiguren zu einem Transporter, Neuville und Asamoah. Für einen Moment sind sich Edgar und der Nationalspieler ganz nah. "Wenn das Autogramm am Ende fehlt, ist es auch egal. Das Trikot kommt hinter Glas, und am 10. Juli stehe ich am Frankfurter Römer und feiere mit den Jungs", sagt er. Um 10:02 fällt das Tor ins Schloss: Asamoah ist auf dem Weg zum Fitnesstraining, Edgar lehnt an der Absperrung. Er schaut sich das Trikot noch einmal an, er hält es wie ein wertvolles Geburtstagsgeschenk. Dann packt er es in seinen schwarz-rot-goldenen Rucksack.

Der Tennisclub 1899 e.V. Blau Weiß ist ein exklusiver Verein in Berlin. Das Clubschild ist aus Gold, die Anlage im Grunewald weitläufig und die Hecken sind akkurat geschnitten. Teure Wagen stehen auf dem Parkplatz, einige mit Deutschland-Fahnen. Wer hier Mitglied ist, hat viel Zeit für Tennis und viel Geld. Derzeit gibt es noch eine kostenlose Zugabe - spezielle Gäste verbringen hier ihre Zeit, manchmal spielen sie sogar Tennis.

"Der Oliver Bierhoff war schon da", sagt der Mann, der auf einem der Ascheplätze gerade Unterricht gibt. Sehr freundlich seien auch die anderen von der deutschen Mannschaft. "Das meinen jedenfalls die Platzwarte", sagt der Tennislehrer. Manchmal würden Bierhoff oder ein paar Spieler auch nur einen Kaffee trinken. "Sehr sympathisch sind die", sagt die Schülerin, "ganz anders als Boris Becker. Der hat hier ja mal einen Affen gemacht."

Die freundlichen Gäste haben beim TC Blau Weiß eine Fünf-Felder-Halle gemietet, die auch mal als Pressezentrum im Gespräch war, bevor man sich für das ICC entschied. Die Tennishalle war zu klein, jetzt ist sie der Fitnesstempel des DFB-Teams. "Alles feinster kalifornischer Standard", versichert der Tennislehrer, der auch weiß, dass Jürgen Klinsmann immer eine Stunde früher kommt. "Der ist wohl noch fitter als seine Spieler." Er sagt das flüsternd, als könnte jemand zuhören. Nicht mal seinem Sohn hat er bisher verraten, wo die Halle steht. Versteckt hinter zwei Zäunen, tief im Wald. "Aber das haben Sie nicht von mir, sonst bekomme ich noch Ärger."

Vor dem zweiten Tor stehen zwei Sicherheitsleute. "Weiter dürfen Sie nicht", sagt der eine. In seinem Rücken steht die mächtige Halle in einer Betonschürze, davor im Garten warten die Autos, mit denen die Spieler wieder ins Hotel gebracht werden. Es ist schwül hier unter den mächtigen Baumwipfeln und ganz ruhig. Klinsmann wird später erzählen, dass an "Stabilität, Kraft und Explosivität" gearbeitet worden sei. Doch von den körperlichen Leiden in der Halle dringt nichts nach außen, zu hören ist nur ein Specht, der ein Loch in einen Baum hämmert.

"Das ist hier wie im Regenwald", sagt Hans-Dieter Hermann. Der DFB-Psychologe ist nach draußen gekommen, jetzt schaut er nach oben in die Bäume. "Wirklich wie im Regenwald, besonders heute morgen, als es geregnet hat." Eine Frau mit Hund läuft an ihm vorbei, sie schüttelt mit dem Kopf. "Wissen Sie, ich laufe jeden morgen mit ihm hier lang, aber heute ist er ganz komisch", sagt sie. "Er wollte unbedingt da rein." Dann zeigt sie auf das Tor, aus dem gerade der erste Wagen mit den Nationalspielern rollt.

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