DFB-Teammanager Bierhoff "Ich tauge nicht als Volkes Olli"

Schlaumeier, Lobbyist, Einzelgänger: Oliver Bierhoff muss sich seit Jahren gegen persönliche Vorwürfe wehren. SPIEGEL ONLINE hat mit dem DFB-Teammanager über seinen Kampf gegen die Klischees gesprochen. Für die EM ist Bierhoff optimistisch, als Ziel nennt er das Halbfinale. Mindestens.


SPIEGEL ONLINE: Herr Bierhoff, um ehrlich zu sein: Wir sind etwas überrascht. Nicht, dass wir uns hier in einem Coffee-Shop treffen, sondern ...

Bierhoff: ... dass ich keinen Anzug trage?

SPIEGEL ONLINE: Richtig. Man kennt Sie gar nicht anders als mit Anzug.

Bierhoff: Das hat Jürgen Klopp auch schon zu mir gesagt. Als ich den FSV Mainz im Trainingslager besucht habe, kam ich auch nur in Jeans und T-Shirt. Ich habe ihn gefragt, ob er denke, dass ich im Anzug schlafe.

SPIEGEL ONLINE: Und? Tun Sie's?

Bierhoff: Das ist eines von vielen Klischees, mit denen ich lebe. Oft gibt es nur Schwarz oder Weiß. Man ist schnell in einer Schublade.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel auch in die des arroganten DFB-Managers, der sich in die Arbeit der Bundesligavereine einmischt, ohne wirklich Ahnung davon zu haben?

Bierhoff: Es ist nicht mein Job, als Manager der deutschen Nationalmannschaft, es allen recht zu machen.

SPIEGEL ONLINE: So einfach haken Sie verbale Angriffe wie den Vorwurf der Selbstgefälligkeit von Leverkusens Sportdirektor Rudi Völler oder der "permanenten Schlaumeiereien" von Bayern-Manager Uli Hoeneß ab?

Bierhoff: Dazu ist schon alles gesagt. Mit öffentlicher Kritik kann und muss ich umgehen. Ich habe meine Linie und meine Art. Sie gefällt den einen und missfällt anderen. Ich werde mich sicher nicht für etwas verteidigen, wofür ich mich nicht verteidigen muss, sondern meinen Weg weiter gehen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben im Umgang mit der Liga also keine Fehler gemacht?

Bierhoff: Das ist doch gar nicht das Thema. Manchmal ist es eben einfacher, Kritik zu personifizieren, als sich mit der Sache auseinanderzusetzen. Erst wurde Jürgen Klinsmann kritisiert, weil er immer wieder nach Amerika flog; damals war ich als Schlichter gefragt. Heute steht Joachim Löw durch seine Arbeit und seine verbindliche Art außerhalb der Kritik, und nun bin ich dran.

SPIEGEL ONLINE: Es ist also gar kein grundsätzlicher Konflikt zwischen dem DFB und der Deutschen Fußball Liga, sondern zwischen Ihnen und den Vereinen?

Bierhoff: Es gibt da einen kleinen Kreis reformfreudiger Personen. Die stellen Forderungen, setzen sie um; der Rest des DFB ist da außen vor und hat ja auch andere Aufgaben. Natürlich hätte man sich gewünscht, dass sich der Verband in dem einen oder anderen Fall stärker in den Wind gestellt hätte.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel 2007 während der Diskussion um den neuen Nationalmannschafts-Ausrüstervertrag?

Bierhoff: Ich habe meinem Arbeitgeber, dem DFB, damals ein 500-Millionen-Euro-Angebot von Nike überbracht. Da hätte es bei anderen Unternehmen geheißen: Lassen Sie uns über einen Bonus reden. Stattdessen geriet ich in die Schlagzeilen. Wenn das Ganze zum Schlechten ausgegangen wäre, hätte ich das ja noch verstanden.

SPIEGEL ONLINE: Ihnen wurde immer wieder vorgeworfen, als Lobbyist für Nike zu arbeiten.

Bierhoff: Ach ja, wieder die Schublade. Ich bin niemandes Lobbyist. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt keine vertraglichen Verpflichtungen mehr mit Nike, mein zehnjähriger Sponsorenvertrag war beendet. Aber dadurch wäre doch keine Beteiligung für mich rausgesprungen. Ich war der Überbringer des Angebots, ohne auf irgendeiner Seite zu stehen.

SPIEGEL ONLINE: Der Konflikt resultierte auch daraus, dass Ihnen das öffentlich nicht abgenommen wurde.

Bierhoff: Die Gegenfrage lautet: Wer war in diesem Fall "die" Öffentlichkeit? Ich kann nicht mehr als die Wahrheit sagen und die Dinge offen ansprechen. Ich kann niemanden dazu zwingen, mir zu glauben. Aber wo lag der Konflikt? Im Überbringen eines 500-Millionen-Euro-Angebots, oder darin, dass ein Verband, der lange mit einem anderen Partner verbunden ist, auf viel Geld verzichtet. Dass der Überbringer der Botschaft Prügel einsteckt, halte ich für schwer nachvollziehbar.

SPIEGEL ONLINE: Als Sie sich 2004 gemeinsam mit Jürgen Klinsmann für die Arbeit mit der Nationalmannschaft entschieden haben ...

Bierhoff: ... wozu mich Jürgen übrigens überredet hat. Eigentlich wollte ich erstmal zwei, drei Jahre Abstand gewinnen und nicht mehr Jedermanns "Olli" sein ...

SPIEGEL ONLINE: ... war es die richtige Entscheidung?

Bierhoff: Die Entscheidung wird jedes Mal bestätigt, wenn ich sehe, dass das gesamte Team vorankommt. Ich sehe meinen Auftrag darin, die Mannschaft zu positionieren sowie Entwicklungen außerhalb und innerhalb des Mikrokosmos Nationalmannschaft anzustoßen und umzusetzen. Diese strategische Arbeit braucht ihre Zeit, aber wir wollen auf diesem Feld Evolution, nicht Revolution. Aktuell arbeiten wir zum Beispiel gerade gemeinsam mit ICW, einer Software-Firma von Dietmar Hopp, an einer Spielerdatenbank. Dazu haben wir mit Mastercoach einen Rahmenvertrag fürs Scouting, also die Spielerbeobachtung, abgeschlossen.

SPIEGEL ONLINE: 2004 sprachen Sie von einer neuen Identität, die Sie der Nationalmannschaft verleihen wollten. Sie sollte moderner, weltoffener werden. Sind Sie schon am Ziel?

Bierhoff: Wir haben sicher schon viel erreicht. Aber gerade diese Positionierung bedarf pausenloser, akribischer Arbeit. Es gilt Entwicklungen zu beobachten, analysieren, aufzunehmen und umzusetzen. Zudem ist es auch ein Job, der ständig von allen Seiten zu Recht hinterfragt wird. Ob bei der Spielerauswahl, bei Trainingseinheiten oder in Bezug auf die Taktik.

SPIEGEL ONLINE: Ist das neue Gerüst stark genug, um beim ersten größeren Rückschlag, wie zum Beispiel einem Ausscheiden in der EM-Vorrunde, nicht zusammenzubrechen?

Bierhoff: Das Gerüst ist stabil, weil wir gemeinsam in die richtige Richtung gehen. Deshalb war es so wichtig, dass Jogi Löw seinen Vertrag vorzeitig verlängert hat. Und ich weiß, dass die Mannschaft nicht, wie es früher häufig der Fall war, schon an kleineren Rückschlägen zerbricht. Wir sind aber auch selbstbewusst genug, um zu sagen: Wenn du als Fußballnation Deutschland die Vorrunde nicht überstehst, hast du wirklich einiges falsch gemacht. Unser Mindestziel ist das Halbfinale.

SPIEGEL ONLINE: Eine Sicherheit, die Sie als Spieler vermisst haben?

Bierhoff: Heute gibt es keine Egal-Haltung, kein "Vom-Trainer-genervt-Sein"-Gefühl oder fehlenden Glauben an die Arbeit. 1996 zum Beispiel kam der Teamgeist aus einer Art Zwang heraus. Es war eine andere Zeit, eine andere Generation. Der harte Kern sorgte für Disziplin. Wer sich querstellte, war außen vor. Jetzt kommt die Geschlossenheit von der Begeisterung, von innen heraus. Ob Clemens Fritz, Torsten Frings, Tim Borowski, oder Michael Ballack, alle sind immer wieder zum Team gekommen, obwohl Sie aufgrund ihrer Verletzungen gar nicht eingeladen waren. Sie wollen unbedingt zu dieser Gruppe gehören. Diese Atmosphäre aufsaugen.

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