DFB-Test gegen Japan Ein Desasterchen

Im ersten Härtetest vor der WM ist die DFB-Elf knapp einer Blamage entgangen. Am Ende stand ein Unentschieden gegen Japan. Die Gäste nutzten die deutsche Abwehrschwäche, dominierten die Partie zeitweise - und spielten genau so, wie es Bundestrainer Jürgen Klinsmann eigentlich von seinem Team erwartet.

Von , Leverkusen


Als die älteren Herren das Stadion verließen, wussten sie wohl immer noch nicht so recht, was sie von dem halten sollten, das sich da gerade in der Leverkusener BayArena abgespielt hatte. Regungslos waren ihre Mienen, während die DFB-Honoratioren hintereinander die Stufen hinauf schritten. Der erste, der seine Worte wiederfand, war Gerhard Mayer-Vorfelder. Sehr "quirlig und gefährlich" seien die Japaner gewesen, die Probleme der deutschen Abwehr aber natürlich auch verständlich, "wenn man gegen so einen gefährlichen Sturm spielt", sagte der DFB-Präsident. Ach ja, es gebe aber auch etwas Positives: "Die Mannschaft hat gezeigt, dass der Teamgeist intakt ist."

2:2 (0:0) endete der vorletzte Test der deutschen Fußball-Nationalmannschaft vor der WM, und zurück bleibt vor allem dieses Gefühl einer gewissen Konsterniertheit. Da war ein Japaner (Naohiro Takahara) mit einem Bundesliga-Saisontor plötzlich zu einem "gefährlichen Stürmer" geworden in einer Mannschaft, die nicht nur mitspielte, sondern zeitweise mit den Gastgebern spielte. Zum anderen waren auch hanebüchene Fehler in der deutschen Hintermannschaft zu beobachten. Man müsste wohl sogar von einer Blamage sprechen, wären da nicht diese letzten 15 Minuten der Partie gewesen, in denen die DFB-Elf aus einem 0:2-Rückstand noch ein Unentschieden machte. So wurde aus einem möglichen psychologischen Desaster nur ein Desasterchen.

Den Umständen entsprechend erleichtert wirkte auch Jürgen Klinsmann, als er im schwarzen Sakko und schwarzen Hemd das Spiel analysierte. "Natürlich ist mir wohler, dass wir den 0:2-Rückstand noch ausgeglichen haben", sagte der Bundestrainer. Der WM-Teilnehmer aus Japan habe seinem Team "gehörige Probleme" bereitet. Immer wieder hatten die Gäste, die mit einer Dreierkette in der Verteidigung sowie zwei offensiven Mittelfeldspielern hinter den Stürmern agierten, die aktuellen Hauptprobleme der Deutschen offenbart.

Da wäre zum einen die rechte Abwehrseite. Dort war zuletzt Arne Friedrich nach dem 7:0 gegen Luxemburg in die Kritik geraten und auch Japans Nationaltrainer Zico muss davon Wind bekommen haben. Der Brasilianer ließ die Angriffe seines Teams fast ausschließlich über diese Seite laufen, erst nach einer halben Stunde kam Akira Kaji gegenüber zum ersten Mal an den Ball. Doch Friedrich spielte gar nicht, er schaute von der Bank zu. Klinsmann hatte Bernd Schneider nach hinten gezogen. "Wir müssen Variablen in der Hinterhand haben", begründete der Bundestrainer das Experiment, das nicht gelang. Schneiders offensive Spielweise machte die deutsche Mannschaft konteranfällig.

"Interne Diskussionen"

Das lag aber auch daran, dass das gesamte Team bei Ballverlusten zu spät reagierte. "Nicht nah genug bei den Leuten gestanden" hätten die DFB-Kicker, so Klinsmann, und so "den entscheidenden Pass nicht verhindern können". Nach 57 Minuten führte das zum 0:1 durch den Bundesligaprofi Takahara, der in der kommenden Saison für Eintracht Frankfurt spielt. Dem Hamburger SV war der Angreifer nicht mehr gut genug. Der beste Deutsche des Abends, Torwart Jens Lehmann, war bei diesem Treffer machtlos. Das Takahara-Tor wurde auch zu einem denkbar schlechten Einstand von Jens Nowotny, der zwei Minuten zuvor für Christoph Metzelder eingewechselt worden war.

Der Leverkusener ("Das erste Tor war eine klassische Kontersituation. Da bekommt man als Abwehrspieler immer Probleme. Leider war es falsch, was ich gemacht habe") personifizierte bei seinem misslungenen Versuch der Abseitsfalle das zweite Manko des Abends: die immer noch fehlende Abstimmung in der Viererkette. Dabei hatte genau darauf das Hauptaugenmerk im Genfer Trainingslager gelegen, immer wieder hatte Assistenzcoach Joachim Löw mit den Verteidigern geübt. Klinsmann kündigte nun "interne Diskussionen" an.

Am meisten verärgert war er aber wohl über die Anzahl der Torchancen, die sich die Gäste erspielen konnten - mit einer Spielweise, wie sie Klinsmann eigentlich seinem Team verordnet hat. Extrem ballsicher und schnell kombinierte der Asienmeister, beendet wurden die Angriffe meist mit einem Steilpass in die Spitze. "Vertikales Spiel" nennt das der Bundestrainer. In Leverkusen gab es Anschauungsunterricht auch beim Verschieben auf die Seite des ballführenden Gegenspielers, dem "Doppeln". Die Folge: Ballgewinne, Konter, Torchancen - und das 2:0, wieder durch Takahara, der einen Querpass am Strafraum aufnahm, Nowotny und Michael Ballack ausspielte und flach links einschoss.

Ballack, der nach seiner Knöchelverletzung wieder ins Team zurückgekehrt war, fiel ansonsten nicht weiter auf, dabei war es auch das Zusammenspiel mit dem Bremer Tim Borowski, in das Klinsmann so große Hoffnung gesetzt hatte. Doch auch Borowski blieb im Gegensatz zu seiner herausragenden Leistung in Freiburg gegen Luxemburg blass. Nur wenige seiner Pässe fanden den Mitspieler, dazu ein Schüsschen aufs Tor, mehr war nicht. Ob das Experiment Ballack-Borowski nach diesem Spiel schon beendet ist, darf aber bezweifelt werden. Zu vielversprechend ist die Kombination der beiden.

Dass es in Leverkusen am Ende doch noch zu einem Unentschieden reichte, lag an Bastian Schweinsteiger und zwei Standardsituationen. Für das 1:2 sorgte Miroslav Klose aus kurzer Distanz nach einem Freistoß des Münchners, den Ausgleich besorgte Schweinsteiger dann selbst per Kopf, sehr zum Ärger Zicos übrigens. Denn der Mittelfeldspieler hätte nach Meinung des Brasilianers eigentlich gar nicht mehr auf dem Platz stehen dürfen. "Der hat so oft gefoult und macht dann ein Tor." Eine weitere Ironie: Gerettet wurde die deutsche Mannschaft ausgerechnet durch Freistöße. Die standen als einziges nicht auf dem Trainingsplan in Genf und sollten erst in den kommenden Tagen eingeübt werden.

Deutschland - Japan 2:2 (0:0)
0:1 Takahara (57.)
0:2 Takahara (65.)
1:2 Klose (76.)
2:2 Schweinsteiger (80.)
Deutschland: Lehmann/FC Arsenal (36 Jahre/31 Länderspiele) - Schneider/Bayer Leverkusen (32/63), Mertesacker/Hannover 96 (21/22), Metzelder/Borussia Dortmund (25/21) ab 55. Nowotny/Bayer Leverkusen (32/46), Jansen/Borussia Mönchengladbach (20/6) - Ballack/Bayern München (29/64), Frings/Werder Bremen (29/51), Borowski/Werder Bremen (26/19) ab 63. Odonkor/Borussia Dortmund (22/1), Schweinsteiger/Bayern München (21/27) - Klose/Werder Bremen (27/54), Podolski/1. FC Köln (20/24) ab 70. Neuville/Borussia Mönchengladbach (33/54). - Trainer: Klinsmann
Japan: Kawaguchi/Jubilo Iwata (30/88) - Tsuboi/Urawa Red Diamonds (26/32), Miyamoto/Gamba Osaka (29/68), Nakazawa/Yokohama F-Marinos (28/49) - Kaji/Gamba Osaka (26/43) ab 39. Komano/Sanfrecce Hiroshima (24/7), Fukunishi/Jubilo Iwata (29/61), Hidetoshi Nakata/Bolton Wanderers (29/73), Alex/Urawa Red Diamonds (28/80) - Nakamura/Celtic Glasgow (27/59) - Yanagisawa/FC Messina (29/56) ab 80. Tamada/Nagoya Grampus Eight (26/38), Takahara/Hamburger SV (26/41) ab 78. Oguro/Grenoble Foot (26/17). - Trainer: Zico Schiedsrichter: Vassaras (Griechenland)
Zuschauer: 22.500 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Schweinsteiger, Odonkor, Ballack, Borowski / Yanagisawa



insgesamt 934 Beiträge
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Seite 1
Silvia, 23.03.2006
1.
---Zitat von sysop--- Kann Deutschland Weltmeister werden? ---Zitatende--- Nichts ist unmöglich ... ;-)
morandello, 23.03.2006
2. Realitätsverlust
Die Oeffentlichkeit reagiert extremer als in lateinamerikanischen Ländern-vor der Pause Konsternation und Depression. Dieser Sieg gegen die ersatzgeschwächten Amerikaner liess plötzlich viele wieder vom WM-Titel träumen. Klinsmann leidet meiner Meinung nach unter Realitätsverlust. Deutschland ist nicht so schlecht wie es nach Italien gemacht wurde, aber auch nicht so gut wie es jetzt wieder erscheint.
Haio Forler 23.03.2006
3.
---Zitat von sysop--- Nach der Italien-Pleite folgte der hohe Sieg gegen die USA. Hat Bundestrainer Jürgen Klinsmann mit seinem Team die Kurve doch noch gekriegt? Wie sehen Sie unsere Chancen bei der kommenden WM? Kann Deutschland Weltmeister werden? ---Zitatende--- Die Kurve ist noch ziemlich lang. Zu lang.
Umberto, 23.03.2006
4.
---Zitat von sysop--- Nach der Italien-Pleite folgte der hohe Sieg gegen die USA. Hat Bundestrainer Jürgen Klinsmann mit seinem Team die Kurve doch noch gekriegt? Wie sehen Sie unsere Chancen bei der kommenden WM? Kann Deutschland Weltmeister werden? ---Zitatende--- Die Chancen bei der kommenden WM sehe ich durch das gestrige Spiel nicht gewachsen. Sie sind aus der Kurve nicht rausgeflogen, aber ob sie die gekriegt haben? Eher auch nicht. Weltmeister werden kann die Mannschaft trotzdem, wenn alle Gegner beim Turnier beim Spiel gegen D "von der Rolle" sind.
sharala, 23.03.2006
5. Fussball-Fieber..
Warum ist es eigentlich so wichtig, wer gewinnt oder verliert? Ich schaue mir die Spiele an, weil es Spass macht, nicht weil ich jemanden bestimmten siegen sehen will. Leider ist auch der Spass nur noch selten zu haben, weil alle dermaßen unter Streß stehen, gewinnen zu müssen (vom Trainer bis zum letzten Spieler und zwar in allen Mannschaften), dass von Leichtigkeit, Freude und Spiellust nichts mehr übrig bleibt. Fussball scheint den Selbstwert der ganzen Nation zu bestimmen, gewinnt das Team sind alle selig, verliert es, wird jeder zerissen, der dafür verantwortlich gemacht werden kann. Gibt es nichts anderes, an dem der Selbstwert festgemacht werden kann oder ist er so im Keller, dass nur die Fußball"götter" wieder raushelfen können?
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