DFB-Torfrau Angerer Warten auf Beschäftigung

Bislang hat Nadine Angerer bei der WM in China wenig zu tun. Die Torfrau der deutschen Nationalmannschaft bekommt kaum Bälle zu halten. Doch wenn es wie gegen Nordkorea brenzlig wird, ist sie zur Stelle - und schont weder sich, noch Gegnerin.

Von Katrin Weber-Klüver, Wuhan


Die Menschen, die Fußball mit den Händen spielen, leben in einer eigenen Welt. Manchmal ist diese ein bisschen einsam. Nadine Angerer hat sich ein Jahrzehnt lang als Nummer zwei der deutschen Nationalmannschaft auf die Bank gesetzt und Konkurrentin Silke Rottenberg dabei zugesehen, ein Weltstar im Frauenfußball zu werden.

Jetzt steht Angerer, 28 Jahre alt und im Bundesliga-Alltag bei Turbine Potsdam aktiv, in China endlich selbst als Nummer eins im Tor. Rottenberg hatte sich zu Jahresbeginn verletzt. Und wieder ist die Torfrau ein bisschen allein. Oder besser gesagt: Sie bekommt den Ball nicht so oft in die Hände.

Im Spiel gegen England (0:0) hat das daran gelegen, dass sie gerade nicht wusste, ob sie den Strafraum bereits verlassen hatte. In diesem Fall darf ja auch eine Torfrau ihre Hände nicht zur Hilfe nehmen.

Der Klärungsversuch mit dem Kopf sah dann nicht besonders elegant aus und hätte fast zu einem Gegentor geführt. Das hätte gerade noch gefehlt. Schließlich sind die deutschen Frauen auch nach vier Spielen in China immer noch ohne Gegentreffer, das ist noch nie zuvor einem Team bei einer Weltmeisterschaft gelungen.

Außerdem sind die deutschen Torfrauen, ähnlich wie ihre männlichen Kollegen, stolz darauf, zu den besten der Welt zu zählen. Da hätte solch ein Eigentor sogar die Aussetzer der Torfrauen aus Ghana und Argentinien in den Schatten gestellt.

Angerer steckt so was weg. Kann passieren. Sie hat keine Probleme einzugestehen, wenn sie eine Situation nicht ganz richtig eingeschätzt hat. Meistens kommt sie beim laufenden Turnier aber gar nicht erst in diese Verlegenheit. Denn, wie gesagt, es ist ein bisschen einsam um sie, weil die Gegner der deutschen Mannschaft bisher nicht sehr oft bis in Angerers Strafraum vorgedrungen sind.

Sie habe, hatte Angerer ein paar Tage vor dem Viertelfinale erzählt, ihre Abwehrreihe um Ariane Hingst gebeten, doch mal einen Ball durchzulassen, damit sie etwas zu tun bekomme. Das war natürlich ein Witz - aber auch ein bisschen mehr. Denn eine Torhüterin, die nichts zu tun bekommt, wird davon weder konzentrierter noch sicherer.

So kam Angerer die nordkoreanische Prüfung in ihrem 52. Länderspiel gerade recht. Wenn auch in überschaubarem Rahmen, so gab es in diesem Spiel erstmals Phasen druckvoller Offensive der gegnerischen Mannschaft. Und in der 66. Minute bekam Angerer endlich die Gelegenheit, sich endgültig ins Turnier zu hechten, als sie einen Distanzschuss von Ri Un Gyong parierte.

Weil im Gegenzug das 2:0 fiel, kann man diese Tat getrost als eine ansehen, die der deutschen Auswahl den Weg ins Halbfinale ebnete. Der angereiste DFB-Präsident Theo Zwanziger sah bei Angerer eine "Weltklasse-Leistung". Für die Gelobte selbst war es daher ein "gutes Spiel zur richtigen Zeit". Es ist eben einfacher, in einen Rhythmus und damit auch in ein Turnier zu kommen, wenn man ein bisschen zu tun hat, und diese Aufgaben dann auch bewältigt.

Vielleicht hilft die Konzentration auf das Abwehren von Bällen Angerer auch, überschüssige Energien zu kanalisieren. Wie schon im Spiel gegen Japan rasselte sie auch gegen Nordkorea beim Kampf um den Ball rabiat mit einer Gegenspielerin zusammen. Angerer ("Alle Mannschaftsteile haben toll zusammengearbeitet") schonte sich dabei nicht. Und beteuerte später, dass sie in solche Duelle nur gehe, um den Ball zu erobern.

Auch wenn diese Einsätze noch weit entfernt sind von Attacken im Stile des früheren Nationaltorwarts Harald "Toni" Schumacher, so sind sie doch zumindest grenzwertig. Es wäre gut für alle Beteiligten, wenn Nadine Angerer auch am Mittwoch im Halbfinale gegen Norwegen (14 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) einfach ein paar Bälle aufs Tor bekommt. Und noch besser für sie und ihre Mannschaft, sie selbst stehe dann wieder parat.



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