DFB-Trainerin geht mit Gold Good Neid and Good Luck

20 Jahre lang war Silvia Neid Trainerin der DFB-Frauen. In den letzten Jahren ihrer Amtszeit gab es auch Kritik. Doch mit dem Olympiasieg im Maracanã gelingt ihr ein traumhafter Ausstand.

DPA

Aus Rio de Janeiro berichtet


Die lange und erfolgreiche Karriere der Silvia Neid als Trainerin der deutschen Frauenfußball-Nationalmannschaft endete beschwingt. Ob sie denn noch eine heiße Sohle aufs Parkett legen werde, wurde sie bei der Pressekonferenz nach dem olympischen Finale im Maracanã-Stadion von Rio de Janeiro gefragt, und Neid brauchte keine Bedenkzeit für ihre Antwort. Natürlich, sagte sie. In dieser Nacht werde noch richtig gefeiert.

Zu feiern war der Olympiasieg durch das 2:1 in einem vor allem in der zweiten Halbzeit packenden Endspiel gegen Schweden, es war nach drei Bronzemedaillen der erste Olympiasieg überhaupt für den deutschen Frauenfußball. Und zu feiern war der krönende Abschluss von Neids Regentschaft als Trainerin, was vielleicht noch bedeutender war. Mehr als 30 Jahre war sie die prägende Figur, die Baumeisterin des Frauenfußballs in Deutschland, erst als Spielerin, von 1996 bis 2005 als Co-Trainerin der Nationalmannschaft und seit 2005 als hauptverantwortliche Übungsleiterin.

An allen Erfolgen der Frauen-Auswahl des DFB war sie beteiligt, an acht EM- und zwei WM-Titeln. In ihrem letzten Spiel überhaupt gewann sie den einzigen Titel, der noch gefehlt hatte, olympisches Gold. Dass dies im Maracanã geschah, einer heiligen Stätte des Fußballs, machte den Erfolg noch eine Nummer größer.

"Man hat das Gefühl alles richtig gemacht zu haben"

Auch für den deutschen Fußball wird das ehemals größte Stadion der Welt so langsam zu einem Ort der Glückseligkeit. Vor zwei Jahren wurde die A-Mannschaft der Männer hier Weltmeister, nun der Olympiasieg der Frauen, und an diesem Samstag kann auch die männliche Olympiamannschaft Gold holen, im Finale geht es gegen Brasilien (22.30 Uhr MESZ, Liveticker SPIEGEL ONLINE).

Neids Abschied stand seit mehr als einem Jahr fest, sie konnte sich lange auf ihr letztes Spiel einstellen. Natürlich hatte sie gehofft, dass ihre Karriere mit der Krönungsmesse in Rio enden würde. Doch sicher sein konnte sie nicht. Deshalb wusste sie in der Stunde des Triumphes nicht, wie sie mit ihren Gefühlen umgehen sollte. "Das kann man gar nicht in Worte fassen. Man wird belohnt für die harte Arbeit, die man geleistet hat. Man hat das Gefühl alles richtig gemacht zu haben", sagte Neid über den Olympiasieg. Sie bezog das ausdrücklich nicht auf sich alleine, sondern auf die ganze Entourage, die hinter einer professionellen Sportmannschaft steht. Auf die Betreuer, die Physiotherapeuten, die Leute von der Pressestelle.

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Silvia Neid: Die Titelsammlerin

Es gab in der jüngeren Vergangenheit immer wieder Kritik an Neid, nach dem Viertelfinal-Aus bei der Heim-WM 2011 und nach dem vierten Platz bei der WM im vergangenen Jahr. Die Kritik bezog sich auf die enttäuschenden Ergebnisse und auf Neids Umgang damit, auf ihre Art. Sie sei zickig, dickköpfig, lasse sich nichts sagen, sei egoistisch. So lauteten die Vorwürfe. Am Abend des olympischen Finals, der ihr Abend war, zeigte sie sich als Teamspielerin, versöhnlich, beinahe demütig. Als wollte sie das Bild gerade rücken, das von ihr entstanden war.

Die 52 Jahre alte Neid wechselt guten Gewissens auf den neu geschaffenen Posten als Leiterin des Scoutings für Frauen- und Mädchenfußball. Sie hat das Gefühl, dass ihr Job als Nationaltrainerin erledigt ist, und dass ihre Nachfolgerin Steffi Jones ein funktionierendes Gefüge vorfindet. "Mir war wichtig, ihr eine intakte Mannschaft zu übergeben, die gut dasteht. Ich denke, wir stehen ganz gut da", sagte Neid. Es falle ihr nicht schwer, ihr Amt niederzulegen, immerhin wurde sie nicht entlassen oder zum Rücktritt genötigt. Sie hatte den Zeitpunkt für das Ende ihrer Trainerkarriere selbst gewählt.

Neid hat ihren Kritikern die Argumente geraubt

Der eine oder andere findet, dass dieses Karriere-Ende ein Jahr zu spät kommt, doch mit dem Olympiasieg hat Neid ihren Kritikern die Argumente geraubt. Sie kann nun für sich reklamieren, genau im richtigen Moment auszuscheiden. "Das ist der größte Erfolg des deutschen Frauenfußballs und ein fantastischer Abschluss ihrer Karriere", sagte DFB-Präsident Reinhard Grindel, als er nach dem Finale gegen Schweden in den Tiefen des Maracanã-Stadions vor die Presse trat.

Es war ein Finale, das die Deutschen nach einer 2:0-Führung durch den Treffer von Dzsenifer Marozsán und das Eigentor von Linda Sembrant fast noch hergeschenkt hätten. Stina Blackstenius gelang der Anschluss für Schweden, und in den letzten Minuten der Partie wurde die deutsche Defensive fast so heftig durchgerüttelt wie die Passagiere bei einer Busfahrt durch Rio. "Es war wahnsinnig knapp. Ich dachte: Oh Gott, hoffentlich geht der Ball nicht noch rein", sage Neid.

Der Ball ging nicht rein. So endete ihre lange und erfolgreiche Karriere beschwingt.

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privado 20.08.2016
1. Bravo
Super, ich gönne es den deutschen Fussball-Damen und der fleissigen Frau Neid, völlig neidlos.
darkside63 20.08.2016
2.
Ehrlich gesagt, verfolge ich Frauenfussball bei weitem nichtg so intensive wie einige andere Sportarten. Trotzdem ist einem, die zuletzt lautere Kritik an Frau Neid kaum entgangen. Nach ihrem nun perfektem Abgang als Bundestrainerin muss man aber sicher eines fetshalten: Frau Neid hat im Laufe ihrer Karriere mit den deutschen Frauen alles erreicht - EM, WM, Olympia gewonnen - mehr kann man nicht erreichen. An diesem Punkt abzutreten ist sicherlich das pefekte Ende einer Karriere und man muss einfach anerkennen, was diese Frau für den druscthen Frauenfussball erreicht hat. Glückwunsch dazu!
zaunreiter35 20.08.2016
3. *Sonnenbrille aufsetz*
Mir ist es hier irgendwie zu hell. Trotzdem. Sie haben ja recht, Herr Buchheister. Aus der Ferne gesehen hat Frau Neid all ihren Kritikern die Argumentationsgrundlage entzogen. Wenn sie die Demut für sich entdeckt hat - wie Sie es beschreiben - sollte sie sich bei Pia Sundhage und deren Spielerinnen bedanken und mehrere Kästen Bier (oder auch mehrere Runden Caipis ins schwedische Haus liefern lassen), dass die ihr die US-Girls und die Frauen um Marta aus dem Weg geräumt haben. Diese beiden Frauen auf der Trainerbank - Neid und Sundhage - gehören wie andere ehemalige Spielerinnen und spätere Trainerinnen, wie z.b. Powell, Pauw, Pichon - zu einer Generation, die sich die Akzeptanz noch erarbeiten mussten. Ich hab noch Neids Hilflosigkeit von vor 10 Monaten im Auge, als sie gegen die USA nach dem 0:2 in Starre verfiel. Das war gestern anders. Zum Spiel: Man könnte niederknien, ob der Fähigkeiten von Dzenifer Marozsan, die auch irgendwie ihr Talent vergeudet. Trotzdem war es auch gestern wieder ein hartes Stück Brot. Eine Annike Krahn wird nie eine Spieleröffnerin sein, eine Saskia Bartusiak wird auch weiterhin - in den Niederungen der Bundesliga - durch den Strafraum herumirren, neben der Olympiamedaille für Alex Popp sollte man ihr auch gleichzeitig den Oscar verleihen für die besten Fallsucht-Einlagen. Das mediale Märchen endet für Sylvia Neid gut. Sie hat was sie wollte. Sie wird nun "Frühstücksdirektorin". Die Schwester im Geiste Angela Merkels, Friede Springers und Liz Mohns. Sie wird nun Chefin derer, die junge Mädels scouten. Im Netz existieren ja bei der FAZ oder der ZEIT ja genug Artikel, die sich mit der Tugendhaftigkeit und Disziplin der deutschen Frauennationalmannschaft beschäftigen. Sie werden zwar nie die Popularität einer Abby Wambach, einer Hope Solo oder Alex Morgan haben oder auch erreichen, aber jetzt sind die deutschen Frauen auch Olympiasieger. Ich gratuliere hiermit herzlich den Spielerinnen zu ihrem Olympiasieg.
karend 20.08.2016
4. Glückwunsch!
Frauen, das war klasse - herzlichen Glückwunsch! Frau Neid wünsche ich weiterhin viel Erfolg und Vergnügen. Kritiker wird es immer geben. Schließlich ist es einfacher, andere zu kritisieren. Aber: "Die Kritik an anderen hat noch keinem die eigene Leistung erspart." Noël Coward
frame 20.08.2016
5.
NEID-lose Anerkennung !
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