DFB-Trainerlehrgang Pauken nach Herberger

Olaf Thon, Uwe Kamps und Karsten Bäron drücken noch einmal die Schulbank. An der Deutschen Sporthochschule Köln erwerben im 49. Jahrgang ehemalige Fußball-Profis die Trainerlizenz des Deutschen Fußball-Bundes. Eine Lehrprobe.

Von Robert Mucha


Trainerlegende Herberger: Schwerpunkt auf theoretischem Unterbau
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Trainerlegende Herberger: Schwerpunkt auf theoretischem Unterbau

Im Seminarraum 108 A herrscht bereits vor zehn Uhr geselliges Treiben. Olaf Thon gibt jedem Mitschüler die Hand, Leiter Erich Rutemöller erkundigt sich bei Karsten Bäron nach den neuesten Entwicklungen beim HSV, und Mike Büskens ist auch schon da. Papiere werden ausgeteilt, in der Ecke steht ein Flipchart, dessen Frontblatt mit mysteriösen Kreisen und Pfeilen bemalt ist. Kurz vor Seminarbeginn ist Olaf Janßens Locher ein gefragtes Gerät.

Janßen, Thon, Büskens, Bäron und die anderen sind Teilnehmer des 49. Lehrgangs zum Erwerb der höchsten Trainerlizenz des Deutschen Fußball-Bundes an der Kölner Sporthochschule. Ein halbes Jahr lang sitzen Ex-Profis, ehemalige Amateurspieler und Sportwissenschaftler zusammen auf der Schulbank, um hinterher Profimannschaften trainieren oder ein Nachwuchsleistungszentrum als Koordinator leiten zu dürfen. Der Stundenplan ist dabei eng gesteckt, neben praktischen Übungen auf dem Platz liegt der Schwerpunkt auf dem theoretischen Unterbau. Rhetorik, Psychologie, Methodik und Pädagogik sind Elemente des Programms, dessen Grundzüge von den Altmeistern Sepp Herberger und Hennes Weisweiler entwickelt wurden und bis heute nahezu unverändert geblieben sind.

Vertrauen auf die Methoden von einst

Auch Rutemöller, der Ausbildungsleiter des DFB und zum vierten Mal Lehrgangsleiter, vertraut auf die Methoden von einst, ohne jedoch puristisch den alten Herren zu vertrauen. "Da die Fächerkombination gleich geblieben ist, haben wir versucht, durch neue zeitliche Strukturen den Kurs praxisnäher zu gestalten." Das bedeutet: weniger graue Theorie, mehr Arbeit am Objekt. Die muss dann nicht unbedingt auf dem Platz stattfinden, ein neu entwickeltes Element ist etwa die "Beobachtungsphase". In kleinen Projektgruppen besuchen die Teilnehmer Spiele, analysieren sie und präsentieren später die Ergebnisse dem ganzen Lehrgang. Die Europameisterschaft der U21-Junioren wurde so unter die Lupe genommen und im nächsten Sommer ist der Confederations Cup an der Reihe.

Neben der fachlichen Schulung hat Rutemöller dabei auch den sozialen Effekt im Auge. "Während dieser Projektarbeiten haben sich die Teilnehmer des Lehrgangs besser kennengelernt. Das hat sich positiv auf die Stimmung innerhalb des Kurses niedergeschlagen." Ohnehin sei der Teamgeist des aktuellen Lehrgangs ein ganz besonderer, was auch daran liegen mag, dass nicht wie früher die Räume an der Sporthochschule ständig wechselten. Inzwischen hat der Lehrgang eigene Räumlichkeiten und eine eigene Küche. "Das fördert den Gedankenaustausch zwischen den Seminaren", sagt Rutemöller.

Mindestens ebenso wichtig wie das gute Auskommen unter den Kursanten ist Rutemöller jedoch die Verzahnung der einzelnen Schwerpunkte. Anders als früher wird verstärkt interdisziplinär gearbeitet, die Dozenten harmonisieren ihre Programme und stets wird auf die Relevanz der Inhalte für die tägliche Arbeit der Trainer geachtet. Denn viel stärker als zu Herbergers Zeiten sind sie öffentliche Personen, ihre Arbeit wird nicht mehr allein an taktischen Finessen gemessen, sondern auch daran, wie die Trainer ihr Verhältnis zu den Medien und zum Publikum gestalten. Denn ein Übungsleiter, so lehrt es die Praxis, kann fachlich noch so versiert sein - schafft er es nicht, seine Botschaften an die Mannschaft und an die Medien zu vermitteln und bringt er Pressekonferenzen nur stammelnd hinter sich, wird er schnell Schwierigkeiten bekommen.

Ausbilder Rutemöller (r.), Schüler Thon (3.v.l.): Vornehmlich Heiterkeit
Oliver Heisch

Ausbilder Rutemöller (r.), Schüler Thon (3.v.l.): Vornehmlich Heiterkeit

Wie kurz im Trainerlehrgang die Wege zwischen Theorie und Praxis sind, zeigt sich sehr schnell. Methodik steht in der ersten Einheit auf dem Programm, gelehrt von Dr. Stefan Lottermann. Der kickte einst für Eintracht Frankfurt und bittet nun Volker Ippig, den ehemaligen Keeper von St. Pauli, nach vorn. Es geht um Leistungsanalysen und deren Methoden im Kraft- und Schnelligkeitsbereich, ganz konkret: den Nieder-Hoch-Sprung. Volker Ipppig klettert also auf das Dozentenpult und springt hinunter. Keine wirklich gelungene Übung, unter den Lehrgangsteilnehmern sorgte die karge Performance für große Heiterkeit. Es wird vernehmlich gegluckst, bei Büskens, Kamps und den anderen.

Doch so heiter sich manche Stunde gestaltet, der Lehrgang ist keine sechsmonatige Feuerzangenbowle. Schon die Eingangsvoraussetzungen haben es in sich, wer hier sitzt, besitzt mindestens die A-Lizenz des DFB und hat ein Jahr lang als verantwortlicher Trainer im Amateurbereich, im Jugendleistungsfußball, in einem der Landesverbände oder als Co-Trainer bei den Profis gearbeitet. Nur wenige der Teilnehmer werden später bei einem Profiverein auf der Trainerbank sitzen, um gerade einmal 36 Plätze in den beiden ersten Ligen herrscht seit jeher ein unerbittlicher Konkurrenzkampf und jedes Jahr kommen mit den Lehrgangsabsolventen weitere hinzu. Aber Co-Trainer ist auch schon ein schöner Posten.

Stationstraining: die Lehrprobe des Olaf Thon

Inzwischen haben die zukünftigen Scheininhaber das Methodikseminar absolviert und die Stimmung steigt, denn nun geht es auf den Platz. Schnell sind zwei Ecken aufgebaut und Rutemöller bittet zum beliebten Kreisspiel "Fünf gegen zwei". Traditionell müssen die Jüngsten zuerst in die Mitte und kollektiv wird gejohlt, als der Jahrgang 1976 auch nach zwanzig Ballkontakten den Ball immer noch nicht erobert hat und zur Strafe eine weitere Runde im Kreis bleiben muss. Büskens, der Schalker, hat derweil an der Seitenlinie Platz genommen. Das Knie ist noch lädiert, zwei Krücken helfen, an Mitspielen ist derzeit noch nicht zu denken. Ein Umstand, der ihm grade in der Anfangsphase des Lehrgangs zu schaffen machte. Doch die gute Laune hat er nicht verloren. "Das Geile ist, den Jungs beim Spiel zuzusehen, oder Bäre?" Bäron, ebenfalls nur Trainingskiebitz, grinst und blickt dann wieder in Richtung Platz, wo Olaf Thon gerade seine Lehrprobe abhält.

  • 1. Teil: Pauken nach Herberger
  • 2. Teil


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