DFB-Training Leiden mit Leibchen

In Genf soll die deutsche Fußball-Nationalmannschaft eine Einheit werden. Aber wie läuft eigentlich eine Trainingseinheit ab? Es gibt Sonne und Schatten, Sonderschichten für die Abwehr - und Verwirrung um Oliver Kahn. Protokoll einer schweißtreibenden Angelegenheit.

Aus Genf berichtet


9:59 Uhr. Jürgen Klinsmann ist pünktlich, eine Minute vor dem offiziellen Beginn der Trainingseinheit kommt der Bundestrainer auf den Platz, neben ihm Fitnesscoach Oliver Schmidtlein. Die Sonne brennt über dem Genfer Stadion, Klinsmann trägt eine dicke rote Trainingsjacke und eine kurze schwarze Hose. Das ist wahrer Teamgeist: Er wird in den kommenden 90 Minuten seine Spieler von der Seitenlinie aus beobachten - aber trotzdem schwitzen.

10:07 Uhr. Oliver Bierhoff ist da. Der DFB-Teammanager (lange Ärmel, lange Hose) setzt sich zunächst auf die Ersatzbank, dort ist es schattig. Bierhoff trägt Sonnenbrille, die Frisur sitzt.

10:20 Uhr. Die Spieler kommen auf den Platz, Co-Trainer Joachim Löw bildet mit den Fitnesscoaches einen Kreis. Teambildende Maßnahme auch auf dem Rasen: Stürmer Lukas Podolski muss Hütchen aufstellen, alle zehn Meter ein orangefarbenes. Oliver Kahn fehlt.

10.24 Uhr. Vier Gruppen haben sich gebildet. Zwei bestehen aus neun Spielern, Michael Ballacks Team darf sich im Schatten aufwärmen, die andere Gruppe schwitzt in der Sonne, die Kicker tragen blaue, gelbe und orangefarbene Leibchen. Lukas Podolski ist mit den Hütchen fertig und darf auch in den Schatten. Tim Borowski und Mike Hanke üben separat mit Schmidtlein, Sondertraining in der Sonne. Torwarttrainer Andreas Köpke schießt die Keeper noch wärmer, aber nur Jens Lehmann und Timo Hildebrand. Wo bleibt Kahn?

10.30 Uhr. Endlich ist Kahn da, er trägt wie Lehmann schwarz, lange Ärmel, lange Hose. Der Platz ist mittlerweile übersät mit gelben und orangefarbenen Hütchen und gelben und orangefarbenen Spielern. Kahn steht etwas abseits und macht den "Hampelmann".

10.36 Uhr. Die beiden großen Gruppen haben die Aufgabe, den Ball vom gelben Leibchen über ein blaues zum orangefarbenen und wieder zurück zum gelben zu spielen. In der Sonnengruppe sticht ein schwarz gekleideter Spieler heraus. Es ist Kahn, um seinen Hals baumelt ein gelbes Leibchen wie ein nasses Handtuch. Bahnt sich da für die WM eine Sensation an?

10.47 Uhr. Kahns Gruppe spielt sechs gegen drei, der Torwart offenbart solide Technikgrundlagen und lässt sogar Oliver Neuville aussteigen. Ab und an ruft er laute Kommandos. Es scheint fast, als solle Kahn die neue Abwehr-Geheimwaffe werden.

10.55 Uhr. Getränkepause.

11.10 Uhr. Nach dem Fitness- der Taktikteil. Geübt wird der Angriff gegen die Viererkette, in der jedoch Kahn fehlt. Der fängt in der anderen Hälfte Flanken von Köpke, eine rutscht ihm durch die Finger. Ist es die ungewohnte Position? Die Viererkette bilden Marcell Jansen, Jens Nowotny, Robert Huth und Arne Friedrich. Eine Vorentscheidung um die Stammplätze bei der WM ist aber noch nicht gefallen, denn wenig später kommen auch Per Mertesacker und Christoph Metzelder zu ihrem Recht. Immer wieder unterbricht Co-Trainer Löw die Aktionen, spricht mit Ballack und Torsten Frings, später brüllt er "Schneller!" und "Komm!". Auf der rechten Seite bleibt Jungstar David Odonkor unauffällig - im Gegensatz zu seinen Schuhen. Die leuchten orange.

11.35 Uhr. Das Training auf dem Platz ist beendet, nur nicht für die Viererkette. Nowotny, Huth, Friedrich, Jansen, Mertesacker und Metzelder müssen eine Sonderschicht einlegen. Verschieben, rauslaufen, zurückfallen lassen - Löw ist unerbittlich und korrigiert immer wieder. Der beste Mann auf dem Platz ist aber der Co-Trainer selbst. Sicher am Ball und mit Übersicht.

11.36 Uhr. Oliver Kahn stapft die Treppen zum Fitnessraum hinauf, jetzt wird klar: Die Viererkette hat es geradezu gut unter der Sonne von Genf. Denn oben müssen die anderen noch an den schweren Geräten schuften, bis 12 Uhr. Später in den Katakomben wird Philipp Lahm auf die Bitte nach einem Kurzinterview antworten: "Jetzt nicht, ich stinke so."



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Seite 1
Silvia, 23.03.2006
1.
---Zitat von sysop--- Kann Deutschland Weltmeister werden? ---Zitatende--- Nichts ist unmöglich ... ;-)
morandello, 23.03.2006
2. Realitätsverlust
Die Oeffentlichkeit reagiert extremer als in lateinamerikanischen Ländern-vor der Pause Konsternation und Depression. Dieser Sieg gegen die ersatzgeschwächten Amerikaner liess plötzlich viele wieder vom WM-Titel träumen. Klinsmann leidet meiner Meinung nach unter Realitätsverlust. Deutschland ist nicht so schlecht wie es nach Italien gemacht wurde, aber auch nicht so gut wie es jetzt wieder erscheint.
Haio Forler 23.03.2006
3.
---Zitat von sysop--- Nach der Italien-Pleite folgte der hohe Sieg gegen die USA. Hat Bundestrainer Jürgen Klinsmann mit seinem Team die Kurve doch noch gekriegt? Wie sehen Sie unsere Chancen bei der kommenden WM? Kann Deutschland Weltmeister werden? ---Zitatende--- Die Kurve ist noch ziemlich lang. Zu lang.
Umberto, 23.03.2006
4.
---Zitat von sysop--- Nach der Italien-Pleite folgte der hohe Sieg gegen die USA. Hat Bundestrainer Jürgen Klinsmann mit seinem Team die Kurve doch noch gekriegt? Wie sehen Sie unsere Chancen bei der kommenden WM? Kann Deutschland Weltmeister werden? ---Zitatende--- Die Chancen bei der kommenden WM sehe ich durch das gestrige Spiel nicht gewachsen. Sie sind aus der Kurve nicht rausgeflogen, aber ob sie die gekriegt haben? Eher auch nicht. Weltmeister werden kann die Mannschaft trotzdem, wenn alle Gegner beim Turnier beim Spiel gegen D "von der Rolle" sind.
sharala, 23.03.2006
5. Fussball-Fieber..
Warum ist es eigentlich so wichtig, wer gewinnt oder verliert? Ich schaue mir die Spiele an, weil es Spass macht, nicht weil ich jemanden bestimmten siegen sehen will. Leider ist auch der Spass nur noch selten zu haben, weil alle dermaßen unter Streß stehen, gewinnen zu müssen (vom Trainer bis zum letzten Spieler und zwar in allen Mannschaften), dass von Leichtigkeit, Freude und Spiellust nichts mehr übrig bleibt. Fussball scheint den Selbstwert der ganzen Nation zu bestimmen, gewinnt das Team sind alle selig, verliert es, wird jeder zerissen, der dafür verantwortlich gemacht werden kann. Gibt es nichts anderes, an dem der Selbstwert festgemacht werden kann oder ist er so im Keller, dass nur die Fußball"götter" wieder raushelfen können?
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