DFB und Corona Löw versteht die Welt nicht mehr

Terminengpässe, Finanzfragen und Hilfe für Vereine: Der Deutsche Fußball-Bund hat in der Coronakrise zahlreiche Baustellen. Bundestrainer Joachim Löw gerät ins Grübeln.
Pressekonferenz beim DFB mit Abstand

Pressekonferenz beim DFB mit Abstand

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Pool/ Getty Images

Als Bundestrainer ist man es gewohnt, nach vielem gefragt zu werden - auch nach Dingen, die nicht originär mit dem Fußball zu tun haben: gesellschaftliche Fragen, politische Angelegenheiten. Und Joachim Löw hat in seinen langen Jahren im Amt meist den Eindruck hinterlassen, dass dies nicht das Feld ist, auf dem er sich am wohlsten fühlt. Aber sich beim Thema Coronakrise zu Wort zu melden, das schien dem 60-Jährigen am Mittwochnachmittag bei der Pressekonferenz des Deutschen Fußball-Bunds ein echtes Anliegen zu sein.

Ungewöhnlich ausführlich sprach Löw darüber, dass "nichts mehr ist, wie es vorher war". Die Welt habe ein "kollektives Burn-out erlebt", und Löw hatte das Gefühl, als ob "sich die Erde ein bisschen stemmt und wehrt gegen die Menschen und ihr Tun". Wogegen sie sich vermeintlich wehrt, das machte er dann auch noch deutlich: "Macht, Gier, Profit, noch bessere Resultate, Rekorde standen im Vordergrund. Umweltkatastrophen wie die Brände in Australien haben uns nur am Rande berührt."

Ungewöhnliche Sätze von Löw auf einer auch von der Struktur her ungewöhnlichen Pressekonferenz. Die Journalisten waren per Skype zugeschaltet, Löw und Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff saßen daheim im Homeoffice in Freiburg und München, DFB-Chef Fritz Keller und Pressesprecher Jens Grittner hatten auf dem Podium in der Frankfurter DFB-Zentrale den empfohlenen Sicherheitsabstand eingehalten. "Wir halten uns an die Regeln", sagte Keller.

Keller zitiert Reinhard Mey

Der Fußball geht derzeit zumindest verbal in Sack und Asche, auch Keller, Bierhoff und Löw betonten wiederholt, wie die Bedeutung des Sports angesichts der Pandemie in sich zusammengeschrumpft sei. "Was uns gestern groß und wichtig erschien, erscheint uns heute nichtig und klein", nahm Keller Anleihen bei Reinhard Mey und dessen Song "Über den Wolken": "Der Fußball tritt im Moment in den Hintergrund."

Gleichzeitig aber müssen die Verantwortlichen den Spagat hinbekommen, einen möglichen Spielbetrieb für wann auch immer vorzubereiten , Hilfspläne für die Vereine zu schmieden und ohnehin darüber nachzudenken, wie man die wochenlangen, vielleicht monatelangen Ausfälle des laufenden Betriebs abfedert. Und dass es dort derzeit mehr offene als beantwortete Fragen gibt, auch das machte diese Pressekonferenz deutlich.

"Wir müssen in Szenarien denken", sagte Keller, und mehr bleibt den Funktionären im Moment auch nicht übrig. Spielbeginn vielleicht im Mai, vielleicht auch erst im Juni, wer weiß das heute schon? "Alles, was wir planen, kann morgen schon überholt sein", sagte der DFB-Boss. Die für den März geplanten Länderspiele gegen Italien und Spanien, die dem Coronavirus zum Opfer gefallen sind, könnten im Juni nachgeholt werden, sagte Löw. Auf den Juni drängen aber auch schon die Ligen, um ihre Saison zu Ende zu spielen. Und auch der Europapokal würde wohl noch sein Recht für diesen Monat einfordern. Das wird alles sehr eng.

Finanzierung noch völlig offen

So ungewiss die Terminplanung im Schatten von Corona ist, so unsicher ist auch, wie die finanziellen Lasten der Krise verteilt und geschultert werden. Gehaltsverzicht der Hochbezahlten im Fußball, das geistert seit Tagen als Stichwort durch den Fußball und hat teilweise schon heftige ablehnende Reaktionen provoziert. Auch beim DFB werden üppige Gehälter gezahlt, zum Beispiel an Bierhoff und an Löw. "Die beiden Herren sind schon freiwillig auf mich zugekommen und haben etwas in der Richtung angedeutet", sagte Keller und meinte einen Lohnverzicht.

Die Nationalspieler haben sich derweil entschlossen, für soziale Zwecke zur Linderung der Coronakrise zu spenden, 2,5 Millionen Euro seien dabei zusammengekommen, Löw sieht darin den Beleg, "welch unsichtbares Band" die Nationalmannschaft zusammenhalte.

Von Solidarität ist derzeit viel die Rede, wie sie innerhalb des Fußballs aussieht, das ist aber noch vollständig ungeklärt. "Was von den Vereinen kommt, ist eine ganz andere Frage", sagte Bierhoff. Für ihn sei aber klar, dass "die Großen die Gemeinschaft zu unterstützen haben". Dass von den Großen dies nicht jeder für selbstverständlich erachtet, hat allerdings vor Tagen schon Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke deutlich gemacht.

Dieses Thema wird den Fußball noch eine ganze Weile beschäftigen, vielleicht sogar an den Rand einer Zerreißprobe bringen. Das könnte dem Bundestrainer dann neue Gründe zum Grübeln liefern.

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