Der Fall Süle und die Folgen für den DFB Der schwerste Gegner der Nationalelf: die Coronadebatte

Nicht Liechtenstein, nicht Armenien – Hansi Flick macht der Positivtest im eigenen Team im Moment am meisten zu schaffen. Der Bundestrainer ist genervt, DFB-Direktor Oliver Bierhoff zieht einen gewagten Vergleich.
Hansi Flick: »alles dazu gesagt«

Hansi Flick: »alles dazu gesagt«

Foto:

Darius Simka / imago images/regios24

Am Ende der Pressekonferenz wurde dann doch noch eine Frage zum morgigen Gegner der deutschen Fußballnationalmannschaft, Liechtenstein, gestellt. Das mag auch etwas mit dem übersichtlichen sportlichen Wert des Liechtensteiner Fußballs zu tun haben, allerdings hätten es wohl auch prominentere Teams im Moment schwer, die mediale Aufmerksamkeit beim DFB auf sich zu ziehen.

Seit Dienstag hat man das Gefühl: Corona ist der derzeit mächtigere Gegner als die Fußballer aus dem Fürstentum.

Der Wirbel um den positiven Test von Innenverteidiger Niklas Süle und die daraus resultierende Abreise von vier weiteren Nationalspielern, die sich in Quarantäne zu begeben haben, hat seine Spuren hinterlassen. Bundestrainer Hansi Flick wirkte vor der Presse sichtlich angesäuert: »Das haben wir uns alles anders vorgestellt.«

»Ziemlich viel Hektik«

Am Montagabend habe er eigentlich geplant, »alle Spieler noch einmal mitzunehmen für eine Bilanz«, wo man stehe nach fünf siegreichen Partien unter Flick, und wie man sich aufs WM-Jahr 2022 vorzubereiten gedenke. Stattdessen herrschte »ziemlich viel Hektik«, nachdem das Testergebnis für Süle bekannt geworden war.

Dass danach Joshua Kimmich, Karim Adeyemi, Serge Gnabry und Jamal Musiala ebenfalls die Heimreise antreten mussten, kann einem wie Flick, der an der Grenze zum Perfektionismus arbeitet, nicht recht sein. »Als Trainer kann ich mir nur wünschen, dass solche Dinge künftig nicht mehr vorkommen.«

Aber wie man dies genau in Zukunft vermeiden will, zu diesem Punkt ließ sich Flick nicht aus der Reserve locken. Ob er etwa künftig nur noch Spieler einladen werde, die definitiv geimpft sind, dazu mochte der Bundestrainer nichts sagen.

»Es ist meine Überzeugung: Der einzige Weg, aus der Pandemie herauszukommen, ist, sich impfen zu lassen.«

Bundestrainer Hansi Flick

Stattdessen äußerte er nach zwei, drei Nachfragen in diese Richtung den Wunsch, nicht mehr zum Thema Corona befragt zu werden, er habe »alles dazu gesagt«. Das Thema, die ständigen Medienanfragen dazu, das hat Flick schon als Trainer des FC Bayern schnell genervt. Die derzeitige Situation ist allerdings nicht so, dass man der Thematik als Bundestrainer so einfach ausweichen kann.

So sah er sich dann doch genötigt, zu betonen: »Es ist meine Überzeugung: Der einzige Weg, aus der Pandemie herauszukommen, ist sich impfen zu lassen« – und er schob noch hinterher: »Gerade im Fußball.« Das kann man als Appell in Richtung des ungeimpften Kimmich verstehen. Auch wenn Flick gleichzeitig Wert auf die Feststellung legte, dass »derzeit jeder das Recht hat, das zu verweigern«.

Bierhoff zieht Vergleich zu Enke

Der Bundestrainer gab sich damit zurückhaltender als vor ihm DFB-Nationalmannschaftsdirektor Oliver Bierhoff. Bierhoff versuchte bei einer vorgelagerten Pressekonferenz anlässlich einer Preisverleihung der Robert-Enke-Stiftung, Parallelen zwischen dem Fall des Nationaltorwarts, der vor zwölf Jahren Suizid beging, und Kimmich zu ziehen.

»Man sieht das jetzt auch bei Jo Kimmich«: DFB-Manager Oliver Bierhoff. Im Hintergrund Teresa Enke

»Man sieht das jetzt auch bei Jo Kimmich«: DFB-Manager Oliver Bierhoff. Im Hintergrund Teresa Enke

Foto: Stuart Franklin / Getty Images

Der Tod Enkes sei ein »einschneidendes Ereignis« gewesen, das ihm immer präsent bleibe, »auch wenn ich daran denke, wie zuletzt auf Jogi Löw eingeprügelt worden ist und wie er an den Pranger gestellt wurde, und man sieht das jetzt auch bei Jo Kimmich«, deutete Bierhoff einen zumindest gewagten Vergleich an.

Kein Gag, kein Spruch von Müller

Derartig vermeintliche Analogien verkniff sich Flick, der Bundestrainer sagte lediglich abwägend: »Wir sind schon ein bisschen gläsern, aber in der Öffentlichkeit stehen wir auch besonders in der Verantwortung.«

Corona und kein Ende – wie überdrüssig sie beim DFB dieses Themas mittlerweile sind, war auch bei Thomas Müller spürbar. Kein lockerer Spruch, kein simpler Gag, ein ernsthafter Müller präsentierte sich, »das ist auch einfach nicht lustig«, sagte der Bayern-Profi.

Müller versuchte sichtlich, die gesamte aufgeregte Debatte auf den Boden zu holen. »Ich verstehe nicht, warum dies hier so überdramatisiert wird, die gesamte Gesellschaft ist jeden Tag mit Corona befasst.« Dass angesichts der gegenwärtigen Lage auch bei einem geimpften Spieler wie Süle ein Test positiv anschlägt, »ist in diesen Tagen nichts Ungewöhnliches«.

Mitleid jedoch mit seinem Teamkollegen Kimmich, der jetzt die beiden Länderspiele verpasse, das wiederum sei nun auch nicht angebracht, so Müller: »Die Regeln gibt es ja nicht erst seit gestern. Das Setting, das wir gestern erlebt haben, stand für jeden lange fest.« Gemeint war, dass derjenige in Quarantäne gehen muss und mindestens die beiden kommenden Länderspiele verpassen wird, der als Kontaktperson eins eines Infizierten ungeimpft ist.

Flick fand, dass »es fast vorhersehbar war, dass so etwas auch beim DFB mal passiert«.

Die nächsten Länderspiele nach Liechtenstein und Armenien Sonntag stehen erst im März im Programm. Ob es bis dahin andere Regeln, ein anderes Setting gibt, ist völlig offen. Zumindest ist für Flick genug Zeit, das zu tun, was er am Mittwoch angekündigt hat: »Mir in aller Ruhe zu überlegen, welche Konsequenzen wir daraus ziehen.«

Bis zum März sind es zwar noch mehr als vier Monate, aber wenn man eines aus der Pandemie gelernt hat, dann das, was Flick zum Schluss sagte: »Das wird uns noch länger beschäftigen.«

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.