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21. August 2019, 20:04 Uhr

Versammlung von DFB und DFL

Neue Spielmacher und harte Grätschen

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Der Ligachef Christian Seifert teilt gegen den alten DFB aus, während der künftige Präsident Fritz Keller vorgestellt wird. Doch auch in Seiferts DFL brodelt es.

Der Chefdiplomat tritt ab, und der Ton in der Deutschen Fußball-Liga (DFL) wird schärfer: Das ist nur ein Ergebnis eines ereignisreichen Tages in Berlin, der die Machtstruktur im deutschen Fußball nachhaltig verändert hat. Reinhard Rauball, 72, verabschiedete sich in der Generalversammlung aller Vereine der ersten und zweiten Bundesliga nach zwölf Jahren DFL-Präsidentschaft. Er erntete stehende Ovationen, eine goldene Anstecknadel und eine persönliche Laudatio des Bayern-Chefs Karl-Heinz Rummenigge, der Rauballs Leistungen, seinen Charme, seine Diplomatie rühmte.

Dass Rauball die Zwischentöne beherrscht, zeigte er bei der DFL-Versammlung in einem Berliner Edelhotel: "Die DFL hat ein eigenes Profil", sagte er in seiner Rede, "ohne Skandale, glaubwürdig, nah am Menschen." Ein warmer Satz, der erst durch den Kontrast zum Deutschen Fußball-Bund (DFB) seine Spitze entfaltete: Skandalumwittert, unglaubwürdig, von der Basis entrückt, all das wird dem krisengeschüttelten DFB derzeit vorgeworfen. Rauball führt den Verband nach dem Rücktritt des Präsidenten Reinhard Grindel kommissarisch, gemeinsam mit dem Vizepräsidenten Rainer Koch.

Seifert kritisiert den DFB

Beide Verbände befinden sich aktuell im Wandel, bekommen neue Strukturen und ein neues Management. Es geht um die Macht im deutschen Fußball, um viel Geld und dessen Verteilung. Am Mittwoch hat sich das Führungspersonal für diese Herausforderungen formiert. Besonders Christian Seifert, der alte starke Mann und der neue noch stärkere Mann der DFL, stimmte keine rauballschen Zwischentöne an. Sondern sprach Klartext.

Der DFB habe in den vergangenen Jahren bei den europäischen und internationalen Verbänden Uefa und Fifa "signifikant an Einfluss und an Bedeutung verloren", sagte Seifert im Anschluss an die Versammlung. Ein DFB-Präsident sei auf internationalem Parkett dazu da, Netzwerke zu knüpfen und Koalitionen mit anderen Ländern zu schmieden. Deren Vertreter sollten sich auf die deutsche Position verlassen können - "das war in den letzten Jahren nicht der Fall", sagte Seifert. Es war ein Nachtreten mit Anlauf gegen Grindel, über dessen Rücktritt Seifert unverhohlen kaum Bedauern gezeigt hatte.

Das war nicht geplant

Unter der neuen DFB-Führung soll endlich Ruhe einkehren. Sie trägt das gütig dauerlächelnde Gesicht des Freiburger Vereinspräsidenten Fritz Keller, der am Mittwoch sowohl von den DFB-Landesverbänden als auch von den DFL-Vertretern als neuer DFB-Präsident nominiert wurde. "Die Aufgabe stand nicht in meiner Lebensplanung", sagte Keller, und es tue ihm weh, nach 25 Jahren bei seinem Verein zugunsten des DFB kürzer zu treten. "Aber der Fußball ist es wert", sagte der 62-Jährige.

Unter Keller soll sich das Amt verändern, er soll nicht die alleinige Verantwortung tragen. Rainer Koch bemühte eine Fußballmetapher, um Kellers Job zu beschreiben: Der DFB brauche einen Spielmacher im Mittelfeld, der Bälle verteile und den Überblick behalte. Keller solle sich nicht wie ein Stürmer in die Zweikämpfe im Strafraum stürzen. Keller wird also nur zurückhaltend im operativen Geschäft mitwirken. Und Koch soll anstelle des Präsidenten die internationalen Kontakte pflegen.

Das "Übel" des DFB

Als diese neue Rolle des DFB-Präsidenten in den vergangenen Tagen bekannt geworden war, hatte es Kritik an der vermeintlichen Entmachtung und dem DFB-Präsidenten als Grüßonkel gegeben. Das nutzte DFL-Chef Seifert, um über den alten DFB zu poltern: Er könne diese Diskussion überhaupt nicht nachvollziehen. Die Zeit der "Alleinherrschaft, des von oben nach unten Durchregierens mit eiserner Hand" sei nun vorbei. "Ich glaube tatsächlich, dass das in den letzten Jahren eines der Übel war", sagte Seifert.

Der 50-Jährige kämpft im internationalen Wettbewerb des Spitzenfußballs um Aufmerksamkeit für die deutsche Liga. DFB-Querelen kann er nicht gebrauchen, und klare Worte kann er sich leisten, denn seine Macht im deutschen Fußball ist so groß wie nie. Denn Reinhard Rauball trat nicht nur ab - er nahm das Amt des DFL-Präsidenten gleich mit. Als oberster Repräsentant der Klubvereinigung fungiert künftig Seifert, als Geschäftsführer der DFL GmbH und gleichzeitig als Präsidiumssprecher des DFL e.V. Damit lägen "operative Verantwortung und kommunikative Vertretung nach außen in einer Hand", hieß es in einer DFL-Mitteilung.

Mit der Vereinigung der 36 Profi-Vereine hat Seifert nun sogar beide Hände voll zu tun. Die zeremoniellen und meist einstimmigen Abstimmungen für Präsidium, Stellvertreter und Ausschussmitglieder wurden diesmal von einem Machtkampf überschattet. Der Geschäftsführer von Borussia Dortmund, Hans-Joachim Watzke, hatte am Vorabend der Versammlung verärgert seine Kandidatur zurückgezogen, offenbar weil er sich einer Front mittelgroßer Vereine gegenüber sah. In Berlin rauschte er dann vor Ende der Veranstaltung davon. So blieb musste ausgerechnet Karl-Heinz Rummenigge, Chef von Bayern München, Watzke verteidigen.

Ärger um den Mittelstand der Fußballklubs

Dass sich "16 oder 17 Klubs" vorab getroffen und abgesprochen hätten, sei ihnen "natürlich auf die Nerven gegangen", sagte Rummenigge am Rande der Veranstaltung. "Das habe ich seit der Gründung der DFL noch nie erlebt." Er bedaure, dass Watzke sich nicht zur Wahl gestellt habe. "Ich hätte ihn vielleicht noch intensiver bitten sollen." Die "Mittelstand"-Koalition um Klubs wie den Hamburger SV und Hertha BSC ermahnte er, "schnellstens in den Kreis aller zurückzukehren und sich nicht zu separieren". Seifert sagte, das DFL-Haus solle innere Geschlossenheit zeigen. "So wie es in den letzten Wochen war, darf es nicht weitergehen."

Spätestens bei der Frage nach der Gelderverteilung aus TV-Einnahmen wird sich zeigen, ob die "Mittelstand"-Koalition den großen Vereinen aus Dortmund und München Zugeständnisse abringen kann. Bis dahin wird es noch dauern. Zunächst steht der DFB-Bundestag an, bei dem Fritz Keller voraussichtlich mit mindestens überwältigender Mehrheit zum Präsidenten gewählt werden wird - passend zu seinem Motto: "Nur gemeinsam geht's."

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