DFB-Verfahren vor dem Aus Es war einmal ein Sommermärchen-Prozess

Der DFB-Prozess von Bellinzona war von vornherein zum Scheitern verurteilt - das lag nicht nur an der Coronakrise. Die Ermittler haben sich blamiert.
DFB-Prozess in Bellinzona: Eintragen, reingehen, sich verflüchtigen

DFB-Prozess in Bellinzona: Eintragen, reingehen, sich verflüchtigen

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Samuel Golay/ dpa

Am Montag ist dann alles vorbei. Der 27. April ist eine Art Datumsgrenze für das Verfahren der Schweizer Behörden in Sachen DFB-Sommermärchen. Ab diesem Tag sind die Vorwürfe gegen die früheren hohen Fußballfunktionäre Wolfgang Niersbach, Theo Zwanziger und Horst R. Schmidt verjährt, das Verfahren ist an dem Punkt angelangt, an dem man es schon von Beginn an gesehen hat: vor dem Aus. Eine Blamage für die Ermittler, ein Desaster für die Wahrheitssuche.

Die Coronakrise hat dem Prozess vor dem Schweizer Bundesstrafgericht in Bellinzona nur den Rest gegeben, zum Scheitern verurteilt war er schon vorher. Nach zwei Prozesstagen im März musste das Verfahren bereits ausgesetzt werden, weil sich der ehemalige DFB-Chef Niersbach aufgrund eines Corona-Verdachts in der Familie in Quarantäne begeben hatte. Niersbach war einen Tag zuvor überraschend vor Gericht erschienen, obwohl er zunächst angekündigt hatte, dem Prozess fernbleiben zu wollen. Danach machte er den Corona-Verdacht öffentlich - der damit auch alle Prozessbeteiligten betraf.

Bezeichnender Auftritt: Niersbach betritt lachend das Bundesstrafgericht im schweizerischen Bellinzona

Bezeichnender Auftritt: Niersbach betritt lachend das Bundesstrafgericht im schweizerischen Bellinzona

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Aber ordnungsgemäß hätte das Gericht das Verfahren ohnehin kaum bewerkstelligen können. Im Oktober 2015 hatte der SPIEGEL den nebulösen Geldfluss von 6,7 Millionen Euro rund um die Vergabe der Fußball-WM 2006 an Deutschland enthüllt. Fünf Jahre später sind die Details dieser Operation immer noch nicht geklärt, fünf Jahre lang haben es die Ermittler nicht geschafft, den Schleier vor den Transaktionen zwischen DFB, Fifa und dem Strippenzieher Mohamed Bin Hammam aus Katar zu lüften. Vor allem haben sie es jahrelang nicht geschafft, den Fall vor Gericht zu bringen.

Die Verjährungsfrist im Nacken

Die Schweizer Bundesanwaltschaft hat sich so lange vor allem mit sich selbst beschäftigt, bis das Verfahren am Ende hektisch vor Gericht gebracht wurde, um das Gesicht zu wahren, mit der Verjährungsfrist im Nacken. Von der Schlüsselfigur der Affäre, dem damaligen Organisationskomitee-Chef Franz Beckenbauer als Angeklagten , hatte sich das Gericht da schon längst verabschiedet, Beckenbauers Anwälte hatten entsprechende Atteste vorgelegt, die ihren Mandanten von der Anklagebank entbunden hatten.

Zwanziger, Niersbach und Schmidt hatten zudem vorzeitig deutlich gemacht, was sie von der Anklage und dem bevorstehenden Prozess hielten: nichts. Als das Verfahren im März dann endlich begann, glänzten die drei deutschen Beschuldigten mit Abwesenheit. Lediglich der vierte Angeklagte, der Schweizer Ex-Fifa-Generalsekretär Urs Linsi, war erschienen. Schon da war die ganze Angelegenheit eine Farce.

Die "Süddeutsche Zeitung" spricht in diesem Zusammenhang sogar von der "wohl größten Justizaffäre der Schweiz". Sie bezieht sich dabei vor allem auf die Rolle des Chefanklägers Michael Lauber, der schon im Vorfeld des Prozesses eine denkbar unglückliche, man kann auch sagen zwielichtige Rolle spielte.

Laubers Erinnerungslücken

Mehrfach traf sich Lauber, der als Bundesanwalt den gesamten Komplex der Fifa-Korruption zu bearbeiten hatte, mit Fifa-Boss Gianni Infantino zu äußerst informellen Zusammenkünften. Er wollte sich anschließend nur unzureichend bis gar nicht an diese Treffen erinnert haben, ordnungsgemäß protokolliert wurden sie ohnehin nicht. Die "Süddeutsche Zeitung" will zudem erfahren haben , dass bei einem Treffen ein junger Staatsanwalt dabei gewesen sein könnte, der ebenfalls direkt mit dem Fifa-Verfahren betraut war. All dies legte den Verdacht von Einflussnahme und Befangenheit nah, Lauber ist seitdem massiv in der Kritik.

Das alles rührte sich zu einer unguten Melange zusammen, die für einen angemessenen Prozess nichts mehr übrig ließ. Dass DFB-Chef Fritz Keller am Freitag nun ankündigte, man werde sich den gesamten Vorgang noch einmal prüfend vornehmen, mag ehrenwert klingen, die Erfolgsaussichten sind aber zweifelhaft. "Es ist höchst unbefriedigend, ja frustrierend, dass wir noch immer kein abschließendes Bild rund um die infrage stehenden Abläufe der WM 2006 haben", sagte Keller. Dabei will ihm zumindest niemand widersprechen können.

Noch liegt der Fall auch bei der Frankfurter Staatsanwaltschaft, die den Schweizer Ermittlern den Vortritt ließ. Ob sie nach dem offensichtlichen Debakel der Kollegen den Fall jetzt noch einmal vor Gericht bringt, ist offen. Um die Anklage - in Frankfurt wird ausschließlich wegen des Vorwurfs der Steuerhinterziehung ermittelt - gab es in den Vorjahren schon reichlich juristisches Hickhack. Sie wurde erst abgeschmettert, dann doch noch zugelassen.

In Bellinzona wird das Gericht am Montag wahrscheinlich nur verkünden können, dass das Verfahren ohne Urteil beendet und eingestellt wird. Es ist das Ergebnis von Schlamperei, Verzögerung, Ermittlungsfehlern und taktischen Spielchen. Wenn das Verfahren um den DFB-Prozess die "wohl größte Justizaffäre der Schweiz" ist, dann ist die Sommermärchen-Affäre selbst wohl der größte Skandal der deutschen Fußballgeschichte. Nur juristisch aufgearbeitet wird dieser Skandal nicht.

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