DFB-Verteidiger Lahm "Ich kann auch später noch ins Ausland gehen"

Bei der WM machte er alles mit links, jetzt ist Philipp Lahm älter, erfahrener - und spielt im DFB-Team als rechter Verteidiger. Mit SPIEGEL ONLINE spricht der 24-Jährige über EM-Chancen, Traumtore, Jürgen Klinsmann als Bayern-Trainer - und gemütliche Autofahrten.


SPIEGEL ONLINE: Herr Lahm, haben Sie auf der Autobahn schon mal rechts überholt?

Lahm: Nein, warum?

SPIEGEL ONLINE: Auf Autobahnen gibt es ironische Plakate von Ihnen, auf denen steht: "Raser sind sooo cool". Eine Aktion des Verkehrssicherheitsrates.

Lahm: Ich wurde gefragt, ob ich das unterstützen würde. Und das mache ich gern.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind noch nie gerast?

Lahm: Nein, ich bin ein sehr gemütlicher Autofahrer.

SPIEGEL ONLINE: Auf dem Platz überholen Sie jetzt regelmäßig rechts. Auf Ihrer Lieblingsposition?

Lahm: Ja. Ich fühle mich als rechter Verteidiger.

SPIEGEL ONLINE: Vor einem halben Jahr hörte sich das noch nicht so konkret an.

Lahm: Ich bin froh, auch woanders spielen zu können. Aber ich fühle mich einen Tick besser als Rechtsverteidiger.

SPIEGEL ONLINE: Was können Sie denn dort besser?

Lahm: Kleinigkeiten. Man kann den Gegenspieler mit dem rechten Fuß angreifen, links hinten müsste ich den rechten Spann nehmen. Und unter Druck kann man im Zweifel immer die Linie entlang spielen. Das geht zwar mit links auch, aber eben nicht so präzise. Das sind minimale Unterschiede.

SPIEGEL ONLINE: Am 9. Juni 2006 haben Sie mit dem ersten WM-Tor gegen Costa Rica die ganze Euphorie damals erst richtig entfacht. Sie sind von links nach innen gezogen und haben mit rechts geschossen. Das geht jetzt nicht mehr.

Lahm: Da gebe ich Ihnen recht. Aber als Verteidiger hat man andere Aufgaben. Ich gehe nicht in das Spiel gegen Polen und sage, ich will wieder das erste Tor machen. Und einen Treffer wie gegen Costa Rica wird es dort sicher nicht geben.

SPIEGEL ONLINE: Das Tor verfolgt Sie nun schon seit zwei Jahren.

Lahm: Ja, es ist immer noch in meinem Kopf. Es gibt aber auch Schlimmeres.

SPIEGEL ONLINE: Es war ohnehin erst Ihr zweites und bisher letztes Länderspieltor. Sie treffen nur alle zwei Jahre.

Lahm: Stimmt, jetzt haben wir 2008, da wird's langsam wieder Zeit.

SPIEGEL ONLINE: Gab es einen Moment, in dem Sie entschieden haben: So, jetzt will ich nur noch rechts spielen?

Lahm: Nein. Ich habe früher schon auf dieser Position gespielt. Und ich fand immer, dass ich dort besser bin.

SPIEGEL ONLINE: Vor dem Trainingslager wurde bekannt, dass Sie bis 2012 bei den Bayern unterschrieben haben. Wie hat Jürgen Klinsmann Sie verführt, doch in München zu bleiben?

Lahm: Was heißt doch? Es stand ja nie fest, dass ich weggehe.

SPIEGEL ONLINE: Der Verein hat das Angebot an Sie zunächst zurückgezogen, nachdem Sie sich nicht auf eine Vertragsverlängerung einigen konnten. Alles sah nach einem Wechsel zu Manchester United aus.

Lahm: Es stand auf der Kippe, richtig. Ich habe natürlich überlegt bei diesen Top-Angeboten aus dem Ausland, zumal ich erst 24 Jahre alt bin. Es gab dann viele Gespräche, aber nicht nur mit Klinsmann, auch mit dem Bayern-Vorstand. Und dort wurde mir versichert, dass sich der Verein jedes Jahr punktuell verstärken will, um international den Anschluss wieder herzustellen.

SPIEGEL ONLINE: Ist der Abstand so groß?

Lahm: Wenn man nur im Uefa-Cup spielt, ist der Abstand sehr groß. Das Ziel ist, regelmäßig in der Champions League weit zu kommen. Und gerade ich als Münchner möchte dann natürlich ein Teil davon sein.

SPIEGEL ONLINE: Und Sie sind auch als rechter Verteidiger eingeplant?

Lahm: Beim FC Bayern weiß man, dass ich dort am liebsten spiele.

SPIEGEL ONLINE: Steht das auch in Ihrem Vertrag? Jürgen Klinsmann hat sich in seiner Zeit als Bayern-Stürmer eine Stammplatzgarantie schriftlich geben lassen.

Lahm: Nein, das steht da nicht drin. Ich habe ja auch kein Problem, mal auf links zu spielen. Aber nicht die meiste Zeit.

SPIEGEL ONLINE: Welchen Anteil hatte denn Klinsmann daran, dass Sie verlängert haben?

Lahm: Ich habe meine Entscheidung nie vom Trainer abhängig gemacht. Aber ich kenne ihn von der Nationalmannschaft, und ich weiß deshalb ungefähr, was mich erwartet. Das Training und das Umfeld werden extrem professionell sein. Und das war mir wichtig. Ich habe jetzt zweimal in der Bundesliga das Double gewonnen, nun will ich aber auch international Erfolg haben. Das geht nur, wenn alles auf höchstem Niveau ist.

SPIEGEL ONLINE: Sie hätten es mit einem Wechsel nach Manchester oder Barcelona leichter haben können. Die Clubs spielen regelmäßig um die Champions League mit.

Lahm: Ja, mich reizt auch die andere Kultur, eine andere Sprache. Aber ich habe mich gefragt, was ich wohl mache, wenn hier bei Bayern etwas Großes passiert und ich nicht dabei bin. Ich kann ja auch später noch wechseln.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sehr deutlich gesagt, dass Bayern in der kommenden Saison beim Gewinn der Champions League noch keine Rolle spielen kann. Hat sich Ihre Meinung geändert?

Lahm: Nein, die steht. Ich habe gesagt, dass es sehr schwer wird, nächstes Jahr ins Finale zu kommen. Möglich ist es. Aber die Vergangenheit hat gezeigt, dass meistens die Mannschaften ins Endspiel kommen, die zuvor regelmäßig im Viertel- oder Halbfinale waren, wie Manchester oder Chelsea. Es braucht Zeit.

SPIEGEL ONLINE: Ist der EM-Titel realistischer?

Lahm: Nein, der ist genauso schwer zu gewinnen. Es gibt bei keiner EM den großen Favoriten, es sind immer mehrere Nationen, die eine Chance haben. Ab dem Viertelfinale ist alles möglich.

SPIEGEL ONLINE: Umso wichtiger ist das erste Gruppenspiel gegen Polen.

Lahm: Richtig. Wenn wir dort mit einer Niederlage starten, wird es sehr schwer.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat sich die Mannschaft seit 2006 entwickelt?

Lahm: Sehr positiv. Fast jeder hat schon ein großes Turnier gespielt, alle sind erfahrener geworden. Wir haben die EM-Qualifikation souverän bewältigt. Wir sind deutlich weiter als vor zwei Jahren.

SPIEGEL ONLINE: Und Sie persönlich?

Lahm: Ich habe mich vor allem defensiv verbessert. Mein Spiel ist vielleicht nicht mehr so spektakulär wie bei der WM. Aber auf internationalem Niveau kann man auch nicht immer spektakulär spielen. Es ist wichtiger, seine Position bestmöglich auszufüllen. Das habe ich gut in den Griff bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Sie galten 2006 als unverbraucht und frech auf dem Platz. Wollen Sie davon nicht manchmal wieder etwas zurückhaben?

Lahm: Nein, es ist schon okay, dass ich erfahrener geworden bin. Und älter. Ich bin ja jetzt schon 24. (lacht)

Aufgezeichnet von Christian Gödecke



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