DFB-Vertragspoker Schlecht gebrüllt, Löw

Der Deutsche Fußball-Bund hat der sportlichen Leitung um Joachim Löw und Oliver Bierhoff die Machtverhältnisse klar gemacht. Dem Bundestrainer und seinem Teammanager wurde dabei ihre Selbstsicherheit zum Verhängnis. Die WM-Chancen muss das aber nicht beeinflussen.

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Joachim Löw hat am Mittwoch runden Geburtstag gefeiert. Der Bundestrainer wurde 50 Jahre alt. Die festliche Stimmung reichte allerdings nicht besonders lang hin. Das Geschenk, das sich Löw am Donnerstag erhoffte, hat ihm der Deutsche Fußball-Bund schlicht verweigert. Statt Feierlaune herrscht einen Tag nach der überraschenden Entscheidung Katerstimmung beim DFB.

Es gibt keinen vorzeitig verlängerten Vertrag für Löw - und alle Beteiligten gehen massiv beschädigt aus der Präsidiumssitzung des DFB heraus. Verbandschef Zwanziger, da er die Vertragsverlängerung zu oft und zu voreilig bereits als beschlossene Sache verkündet und sie gar schon per Handschlag besiegelt hatte. Und die sportliche Leitung um Löw und Teammanager Oliver Bierhoff. Sie hat sehr hoch gepokert und sich verzockt.

Viele rätseln jetzt, warum Löw und Bierhoff die eigentliche Formsache Vertragsverlängerung durch kurzfristige Nachbesserungswünsche verkompliziert haben. Beim DFB fühlte man sich jedenfalls kalt erwischt, dass die sportliche Leitung noch einmal nachlegen wollte, Bonuszahlungen verlangte und in Person von Bierhoff ein Vetorecht bei künftigen Besetzungen des Trainerjobs.

Löw konnte sich nach dem Handschlag mit Zwanziger aus dem Dezember in einer starken Verhandlungsposition fühlen. Die relativ souveräne Qualifikation für die WM in Südafrika im Rücken, dazu die nicht von allen erwartete Vize-Europameisterschaft 2008 haben Löw und Bierhoff sehr selbstsicher werden lassen - eine Selbstsicherheit, die sich auch im Auftreten vor dem DFB-Präsidium niedergeschlagen haben soll.

Misstrauen vor allem gegen Bierhoff

Selbstsicherheit und Überheblichkeit sind allerdings Schwestern - vor allem Bierhoff pflegt zuweilen eine Art selbstverständlicher Arroganz, die bei einigen in dem 18-köpfigen Spitzengremium des DFB gar nicht gut ankommt. Die Nachforderungen, die er und Löw gestellt haben, waren jetzt willkommener Anlass, vor allem den Teammanager seine Grenzen aufzuzeigen und die Machtverhältnisse zu demonstrieren.

Das haben Löw und Bierhoff als Protagonisten des sportlichen Leitungsteams, zu dem auch Assistent Hans-Dieter Flick, Chefscout Urs Siegenthaler und Torwarttrainer Andreas Köpke gehören, falsch eingeschätzt. Was verwundert, da beide vor vier Jahren als Teil der Klinsmann-Entourage schon einmal im WM-Jahr vor die Wand gelaufen waren. Damals war der Wunschkandidat Klinsmanns für das Amt des Sportdirektors, Hockeybundestrainer Bernhard Peters, von den DFB-Granden gnadenlos versenkt worden. Klinsmann, Löw und Bierhoff mussten kleinlaut die Nominierung des vom DFB bevorzugten Matthias Sammer hinnehmen.

Damals allerdings war die Position des Klinsmann/Bierhoff-Lagers noch weit schwächer als das von Löw und Bierhoff heute. Es gab noch kein Sommermärchen, Klinsmann arbeitete quasi auf Kredit. Das ist bei Löw anders. Und diese Stärke hat ihn und Bierhoff unvorsichtig oder zumindest undiplomatisch werden lassen.

"Staat im Staate" Nationalmannschaft

Die sportliche Leitung sieht sich selbst mit einem gewissen Recht als den Kernbereich für alles, was die Nationalmannschaft betrifft. Bierhoff und Löw lassen sich extrem ungern in ihre Zuständigkeitsbereiche hereinreden und versuchen gleichzeitig, die eigenen Kompetenzen nach und nach auszubauen. Die "Frankfurter Rundschau" schreibt in ihrem Kommentar davon, dass beim DFB die Angst vor einem "Staat im Staate" umgehe - und genau das ist es, was Löw und Bierhoff anstreben, um ohne große Kontrolle ihr Konzept durchzuziehen.

Den DFB-Präsidenten wissen sie dabei weitgehend hinter sich. Dieses grundsätzliche Vertrauen aufs Spiel zu setzen, indem man eigene Zusatzforderungen ohne vorherige Absprache auf den Tisch packt und den Präsidenten damit blamiert, wird allerdings von vielen Beobachtern als fahrlässig empfunden. Löw und Bierhoff haben sich für ein bisschen zu unersetzbar gehalten. Dass es auch vernünftig sein kann, erst einmal das Abschneiden bei der WM abzuwarten, um dann einen neuen Vertrag auszuhandeln, scheint nicht Teil ihrer Vorstellungswelt zu sein.

Die Sorge, dass mit diesem Konflikt der sportliche Erfolg in Südafrika aufs Spiel gesetzt werde, dürfte allerdings deutlich übertrieben sein. Manchmal hilft bei der Einordnung ein beruhigender Blick in die Fußball-Geschichte. 1974 stand der damalige Bundestrainer Helmut Schön sogar wenige Tage vor Turnierbeginn noch ganz kurz vor dem Rücktritt, weil Spieler und DFB sich nicht über die WM-Prämien einigen konnten. Am Ende hielt Franz Beckenbauer den Weltmeisterpokal in der Hand.

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