Anzeige bei der Ethik-Kommission DFB-Vize Koch soll Funktionäre bedroht haben

DFB-Vizepräsident Rainer Koch ist bei der Ethikkommission des Verbands angezeigt worden. Er soll nach SPIEGEL-Informationen Funktionäre bedrängt haben, damit sie einen seiner Vertrauten in einen Ausschuss wählen.

DFB-Vize Rainer Koch: Im Stil der alten Garde
Tom Jacobs/ REUTERS

DFB-Vize Rainer Koch: Im Stil der alten Garde

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Der Brief kam am Montag. Sechs Seiten, Empfänger: Die Ethik-Kommission des Deutschen Fußball-Bunds. Absender: Christian Pothe, seit 2013 Vorsitzender des DFB-Jugendausschusses. Der Rechtsanwalt und ehemalige Vize-Präsident des FC St. Pauli erhebt nach SPIEGEL-Informationen in seinem Schreiben Vorwürfe gegen Rainer Koch, den für Amateure zuständigen 1. Vizepräsidenten des DFB, der den weltgrößten Sportfachverband derzeit auch als Interimschef führt.

Koch, so Pothe, habe "gegen die in der Satzung und im Ethikkodex festgeschriebenen Grundsätze 'Ethischen Verhaltens' verstoßen". Eine Untersuchung durch die Kommission oder den Kontrollausschuss beziehungsweise das DFB-Sportgericht sei deshalb zwingend geboten.

Pothes Vorstoß trifft den DFB in schwierigen Zeiten. Seit der Sommermärchen-Affäre 2015 ist der Verband immer wieder ins Zwielicht geraten - von Lustreisen und Trinkgelagen für Spitzenfunktionäre bis hin zu dubiosen Zahlungen und Geschenken für den im April zurückgetretenen Präsidenten Reinhard Grindel.

Neuer Präsident, neuer DFB?

Auf dem 43. Ordentlichen Bundestag, der am Freitag in Frankfurt beginnt, wollte die DFB-Spitze mit dieser unrühmlichen Vergangenheit abschließen. Ein neuer Präsident, eine neue Struktur, ein neuer, sauberer DFB. Das war der Plan, den auch der amtierende Interimschef Koch in den vergangenen Wochen immer wieder beschworen hat.

Dass ausgerechnet Koch, der vielen als klassischer Vertreter der alten Funktionärsgarde gilt, sich selbst an der Spitze der Reformer verortete, sorgte und sorgt im DFB für Erstaunen. Ihm offen entgegenzutreten, das traute sich jedoch bislang niemand. Schließlich ist Koch nicht nur DFB-Vize, sondern auch Präsident des Bayerischen und des Süddeutschen Fußballverbands. Ein Mann mit Macht, die er offenbar flächendeckend einsetzt, um seine Position zu festigen und auszubauen.

Im Brief, den Pothe an die Ethikkommission geschrieben hat, geht es um die Wahl von Mitgliedern des Jugendausschusses auf dem Bundesjugendtag des DFB 2016. Als Kandidaten bewerben konnten sich je ein Vertreter der fünf Regionalverbände des DFB; der Kandidat für den sechsten Posten sollte, laut Satzung, nicht regionalverbandsbezogen vorgeschlagen werden. 2016 war dies ein Mann aus Berlin, der gute Chancen hatte, gewählt zu werden.

Treffen im Hospitality-Bereich

Doch Koch wollte, wie Pothe schreibt, einen Mann seines Süddeutschen Fußballverbands als angeblich unabhängigen Bewerber in das Gremium schicken. Am Rande eines U-19-Länderspiels habe Koch deshalb "im Hospitality-Bereich des Stadions zweimal das Gespräch mit mir" gesucht und deutlich gemacht, "dass er von mir erwarten würde, dass ich dafür Sorge trage, dass ein noch von ihm zu benennender Vertreter aus dem Bereich des Süddeutschen Fußballverbands die sechste Position bei den 'weiteren Mitgliedern des Jugendausschusses' übernehmen kann".

Weiter heißt es: "Als Rainer Koch merkte, dass er an dieser Stelle nicht weiterkommen würde, drohte er mir, dass unter diesen Umständen dann auch ich seine Unterstützung verlieren würde und nicht mehr Vorsitzender des Jugendausschusses sein könne." Unmittelbar vor dem Bundesjugendtag machte Koch wohl auch anderen Funktionären Druck. Bei einer Tagung der Geschäftsführer der 21 Landesverbände des DFB in der Sportschule Oberhaching habe Koch, so Pothe, explizit darauf hingewiesen, "dass er eine Wahl" seines Kandidaten "beim Bundesjugendtag wünschen würde".

Auch im direkten Umfeld des Berliner Kandidaten soll Koch aktiv geworden sein und mit einer möglichen "Neuverteilung der Finanzmittel zu Lasten der Mitgliedsverbände des Nordostdeutschen Fußballverbands" gedroht haben für den Fall, dass sein Kandidat nicht gewählt werde. Ein offenbar überzeugendes Argument. Der Bewerber aus Berlin zog seine Kandidatur zurück - unter Hinweis auf den "Druck", dem er "ausgesetzt war" und um "Schaden vom Nordostdeutschen Verband" abzuwenden, wie im Wortprotokoll des Bundesjugendtags 2016 festgehalten ist.

Warum wartete Pothe drei Jahre?

Warum Pothe, angesichts dieser Beweislage, drei Jahre ins Land gehen ließ, ehe er den Fall der Ethikkommission vortrug, ist unklar. Eine entsprechende Anfrage des SPIEGEL ließ der Vorsitzende des DFB-Jugendausschusses unbeantwortet. Er wolle "zu laufenden, internen Verfahren nicht Stellung nehmen".

Dennoch könnte der Fall für Koch schon auf dem DFB-Bundestag zum Problem werden. Denn Pothe benennt gegenüber der Ethikkommission eine Reihe von Zeugen, allesamt Funktionäre in verschiedenen Gliederungen des DFB. Sollten die seine Schilderungen bestätigen, dürfte Koch schnell zur Belastung für den designierten DFB-Präsidenten Fritz Keller werden, der nach eigener Aussage noch eine Weile mit dem Multifunktionär aus Bayern als Vize weitermachen will. Ein Neuanfang mit einem Mann, der die eigenen Funktionäre drangsaliert und bedroht, würde alle Reformversprechen ad absurdum führen.

Koch selbst gibt sich unbeeindruckt. Detaillierte Fragen beantwortete er im Stil der alten Garde. "Der vorgetragene Sachverhalt" sei "nicht korrekt wiedergegeben", ließ er durch den DFB-Mediendirektor Ralf Köttker ausrichten.



insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
tomkey 26.09.2019
1. Ein Mops kam in Küche ...
... und stahl dem Koch ein Ei. In diesem Fall ist der Mops Herr Pothe und das Ei einfach die Macht des DFB-Altfunktionärs Koch. Einer dieser Typen die immer noch meinen, im Stile eines kleinen Diktators einen Verband führen zu müssen. Beim DFB scheint das ja immer noch Gang und Gäbe zu sein. Pfui Deibel!
malk101 26.09.2019
2.
Macht korrumpiert.
FK-1234 26.09.2019
3. Wann endlich
...verabschieden sich solche Leute vom DFB. Nach so vielen blamablen und inkompetenten Funktionären muss doch mal Schluss sein. Ein solcher Verband mit hierachischer Struktur bringt offenbar immer wieder abgehobene Autokraten hervor, die meinen alle Rechte zu haben ihre Macht zu missbrauchen.
Skakesbier 26.09.2019
4. Einem Verband,
der nach dem (lange absehbaren) desaströsen Auftritt der sog. 'Mannschaft' bei der WM 2018 nicht das komplette Präsidium, die Spitzen aller Regionalverbände, Bierhoff, Löw und das aus Frankfurt oktroyierte Träningsssystem nach Qatar oder Papua Neuguinea verschenkt hat, ist eh nicht zu helfen!
chilischweiz 26.09.2019
5. Die Nationalmannschaft spielt doch nicht besser...
... wenn der DFB einen auf "Ethik" macht. Wenn er die WM 2006 für nur sechs-zehn Millionen nach Deutschland geholt hat, war das ein genialer Schachzug
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