DFB-Vizepräsident Koch im »Aktuellen Sportstudio« Der Hintermann

Die DFB-Präsidenten kommen und gehen, Rainer Koch bleibt. Aber in der jetzigen Krise des Verbands kann es auch für den Fußball-Multifunktionär eng werden. Sein Auftritt im Sportstudio war jedenfalls kein Befreiungsschlag.
Rainer Koch und der DFB – eine lange Geschichte

Rainer Koch und der DFB – eine lange Geschichte

Foto: Fabian Frühwirth/FAF / imago images/FAF

Es sagt viel über Rainer Koch aus, dass nur wenige sagen können, wer Rainer Koch wirklich ist. Für die einen ist er der Königsmacher beim DFB, der Strippenzieher, die graue Eminenz, ein Hintermann und Machtmensch, der sich auch auf die Kunst der Intrige versteht. Sozusagen ein Fouché des Fußballs. Fouché, der Minister Napoleons, der alle Wendungen des Schicksals und der Politik mitzumachen verstand und am Ende immer noch da war, wenn alle anderen weg waren.

Für andere ist der ewige DFB-Funktionär Koch der wackere Interessenvertreter des Amateurfußballs im Verband, ein Fossil unter all den Turbokapitalisten des Spitzenfußballs, einer, der sich für die Kleinen starkmacht, wo alle anderen nur die Großen sehen. Rainer Koch selbst gehört zum Beispiel zu denen, die Rainer Koch so sehen.

Ist er im aktuellen Machtkampf im DFB der Schurke, oder ist er einer der Verkannten? Selbst das lässt sich in diesem komplizierten Konflikt jeder gegen jeden nicht so genau auseinandersortieren. Und Kochs Auftritt am späten Samstagabend im »Aktuellen Sportstudio« des ZDF trug wenig dazu bei, diese Fragen erhellender zu beantworten.

Multifunktionär als zweiter Vorname

Koch ist seit mehr als 16 Jahren Chef des Bayerischen Fußballverbands, er ist seit zehn Jahren Boss des Süddeutschen Fußballverbands, er ist Vizepräsident des DFB, er sitzt im Exekutivkomitee der Uefa. Das Wort »multifunktional« ist mittlerweile so etwas wie sein zweiter Vorname geworden. Wenn er sagt, es ginge ihm vor allem darum, »weiteren Schaden vom Fußball abzuwenden«, weiß man gerade nicht, in welcher Funktion er redet. Koch hat mehrere Präsidenten kommen und gehen sehen, er ist geblieben. Ob das allerdings so bleibt, ist derzeit offen. In der Öffentlichkeit wird sein Abgang offensiv diskutiert, teilweise gefordert. Der Mann, der gern in der zweiten Reihe agiert, steht im Scheinwerferlicht der Kritik wie nie zuvor.

Klar ist zumindest eines: In der aktuellen Führungskrise, die sich lange um den Gegensatz zwischen DFB-Chef Fritz Keller und Generalsekretär Friedrich Curtius rankte, ist Koch zu einer Schlüsselfigur geworden. Seit der DFB-Präsident seinen Vize mit dem unsäglichen Freisler-Nazi-Vergleich überzog, ist Koch jetzt auch medial eine Hauptperson der ganzen Affäre. Intern war es längst.

Nicht erst, nachdem Kellers Vorgänger Reinhard Grindel schwere Vorwürfe gegen Koch erhebt, zum Beispiel den Vorwurf, Koch habe schon früh von den Stimmenkauf-Vorwürfen um die Vergabe der WM 2006 gewusst, aber dazu geschwiegen. Nicht erst, seitdem die Rolle Kochs um die Verträge mit dem Medienberater Kurt Diekmann an die Öffentlichkeit gekommen sind. Nicht erst, seitdem Koch sich in der Vorwoche in aller Öffentlichkeit mit dem Boss der Deutschen Fußball-Liga, Christian Seifert, angelegt hat, die sich gegenseitig die Unwahrheit vorwerfen.

Zeitweilig als Kreuzverhör

Eine Menge Themen, eine Menge komplizierter Sachverhalte auch – und das machte auch das Gespräch, das Sportstudio-Moderatorin Kathrin Müller-Hohenstein mit Koch führte, so unergiebig. Müller-Hohenstein führte das Interview zwar wiederholt als Kreuzverhör, aber es ging nie in die Tiefe. Ein Schauplatz wechselte den nächsten, Koch wand sich zwar, konnte sich aber immer wieder mit der Autobiografie vom Sachwalter des Amateurfußballs herausretten. Am Ende stand man als Zuschauer ratlos davor. »Wir machen weiter mit Bremen gegen Leverkusen.«

Zum Beispiel die Sache mit dem Medienberater Diekmann. Müller-Hohenstein zitierte aus einer Mail, die Diekmann 2016 angeblich an Koch geschrieben hatte und in der sich der Medienberater über den damaligen Verbandsboss Grindel lustig machte. Koch behauptete, diese Mail nie bekommen zu haben, und vermutete, der Mailaccount Diekmanns sei gehackt worden, sonst habe die Mail ja nicht an die Öffentlichkeit kommen können. Müller-Hohenstein: »Diese Mail liegt uns vor.« Koch: »Ich kenne diese Mail nicht. Woher haben Sie die?« Müller-Hohenstein: »Wir haben unsere Quellen.« So ging es hin und her. Pingpong ohne Erkenntniswert. Dass die »Süddeutsche Zeitung« über diese Mail bereits berichtet hatte und dass Koch selbst auf seinem Facebook-Account schon am Tag zuvor darauf eingegangen war, all das erfuhr man leider nicht.

So ging es rauf und runter. Müller-Hohenstein versuchte wiederholt, Koch auf einen möglichen Rücktritt festzulegen, »weil ja drei von vier Protagonisten bald nicht mehr da sind«: Keller, Curtius und Schatzmeister Stephan Osnabrügge waren damit gemeint, denen sie keine Zukunft mehr gab. Nur Koch wolle nicht gehen, sollte das signalisieren. Keller hat allerdings auch noch keinen Hinweis gegeben, dass er zurücktreten will, im Gegenteil, das fiel dann wieder unter den Tisch. Ebenso wie die Rolle der DFL, die Keller stützt, nicht thematisiert wurde. So wurde es Koch leicht gemacht, sich immer wieder als guter Mensch der Amateure darzustellen. Als einer, der nur das tut, was zu tun ist: »Ich sehe mich nicht in der Opferrolle, ich habe nur meine Pflicht getan.«

»Wir schießen gleich noch auf die Torwand«

Koch, dem vorgeworfen wird, in der Causa Hopp als Hardliner gegen die Fans aufgetreten zu sein, der in der Vergangenheit gegen interne Gegner wiederholt die Ellbogen ausgefahren haben soll, dessen Rolle in den Verdächtigungen im Gefolge der Steuerrazzia beim DFB offen ist – es gibt so viele Angriffspunkte, die sich im Lauf der Koch'schen Funktionärsjahre angesammelt haben, dass man mit ihm wahrscheinlich ein zweistündiges hartes Gespräch führen müsste, um das nur einigermaßen nachzuhalten. Die Fünf-Minuten-Happen zwischen den Bundesligabeiträgen reichten dazu nicht aus, sosehr sich Müller-Hohenstein auch mühte. »Wir schießen gleich noch auf die Torwand. Nicht weglaufen!«

An jener Torwand dann versuchten sich sowohl Koch als auch sein Herausforderer, ein Jugendfußballer, vergeblich an einem Treffer und blieben beide bei null. Auf ganzer Linie ein Sieg für die Amateure, dieser Abend. Das müsste Rainer Koch doch gefreut haben.

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.