DFB-Vizepräsidentin Ratzeburg "Respekt vor Frauen, die sich ins Tor stellen"

Was für die deutschen Männer gilt, trifft auch auf die Frauen zu: Im Tor der Fußball-Nationalmannschaft stehen stets herausragende Keeper. Das Magazin "11FREUNDE" sprach mit DFB-Vizepräsidentin Hannelore Ratzeburg über spezielle Charaktere zwischen den Pfosten und Angst vor dem Ball.

Nationaltorhüterin Angerer: "Da kam nie ein böses Wort von ihr"
REUTERS

Nationaltorhüterin Angerer: "Da kam nie ein böses Wort von ihr"


Frage: Frau Ratzeburg, haben Sie selbst auch mal im Tor gespielt?

Ratzeburg: Um Himmels Willen. Ich habe auf so ziemlich jeder Position im Verein gespielt, aber in diesem Fall habe ich immer gesagt: "Leute, erspart mir das!" Ich wäre bestimmt aus dem Tor gegangen, wenn die anderen scharf geschossen hätten.

Frage: Ehrlich eingestandene Angst?

Ratzeburg: Sagen wir mal, Respekt vor den Frauen, die sich ins Tor stellen und ja damit rechnen müssen, dass so ein Ball auch mal mit einer großen Wucht angeflogen kommt. Okay, Sie haben recht: Wahrscheinlich hatte ich Schiss.

Frage: Wie war das in den frühen Zeiten des Frauenfußballs? Waren es vornehmlich die etwas Unsportlichen, die in den Kasten mussten?

Ratzeburg: Das kann ich bestätigen. Es war auch nicht der beliebteste Job. Aber manchmal gab es doch Frauen, die gesagt haben: "Ich gehe ins Tor", weil sie zu bequem fürs Lauftraining waren.

Frage: Wer war die erste herausragende Torfrau, an die Sie sich erinnern können?

Ratzeburg: Bei uns in der Mannschaft gab es eine, die aus dem Handball kam. Die hatte anfangs nur ein paar Probleme mit den Abmessungen des Tores. Aber sie hatte ein beeindruckendes Stellungsspiel, und ziemlich flink war sie auch.

Frage: Gab es damals Torwarttraining?

Ratzeburg: Die Torhüterinnen wurden in der Anfangszeit ziemlich vernachlässigt. Die haben einfach bei den Übungen der anderen ein bisschen mitgemacht. Ihr spezielles Training bestand darin, dass am Ende alle auf die Kiste gehauen haben.

Frage: Ein großer Unterschied zu heute?

Ratzeburg: In den unteren Klassen ist das wahrscheinlich immer noch so. Im Leistungsbereich sieht es natürlich ganz anders aus, da hat sich das Bewusstsein verändert. Bei der Nationalelf trainieren Leute wie Silke Rottenberg und Michael Fuchs, die früher selbst mal im Tor gestanden haben.

Frage: Kommen wir zu den überragenden deutschen Torhüterinnen. Was fällt Ihnen zu Marion Isbert ein?

Ratzeburg: Man sagt ja, dass Linksaußen und Torwarte spezielle Menschen seien, und für Marion Isbert gilt das ganz bestimmt. Immer kesse Sprüche, immer ein bisschen flippig. Die hatte das gewisse Etwas, nach dem Motto: "Macht euch mal keine Sorgen, ich regel das schon." Ihre Sternstunde hatte sie bei der Europameisterschaft 1989, als sie im Elfmeterschießen einen nach dem anderen gehalten und dann der Italienerin selbst noch einen reingehauen hat.

Frage: Silke Rottenberg?

Ratzeburg: Silke hat immer hart an sich gearbeitet. Sie ist sehr ehrgeizig und hat all die Jahre hohe Ansprüche an sich gestellt. Das gibt sie jetzt als Trainerin an die Nachwuchstorhüterinnen weiter.

Frage: Nadine Angerer?

Ratzeburg: An ihr habe ich besonders bewundert, wie sie damit umgegangen ist, lange Jahre nur die Nummer zwei in der Nationalmannschaft gewesen zu sein. Sie hat sich auf die Bank gesetzt, ohne zu murren, und geduldig darauf gewartet, dass ihre große Chance kommt. Dabei hätte ich es durchaus verstanden, wenn sie irgendwann keine Lust mehr gehabt hätte, immer nur die zweite Geige zu spielen. Doch da kam nie ein böses Wort von ihr, das rechne ich ihr hoch an.

Frage: Haben Sie eine Lieblingstorhüterin?

Ratzeburg: Ich bewundere jeden Menschen, der sich ins Tor stellt.

Frage: Müssen Torfrauen besondere Charaktere sein?

Ratzeburg: Das weiß ich nicht, vielleicht ist das auch nur ein Spruch. Aber wenn ich mir etwa eine Nadine Angerer anschaue, mit ihrem Auftreten, ihrem Outfit und ihrer Persönlichkeit, dann ist da schon etwas dran.

Das Interview führte Jens Kirschneck



© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.