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DFB-Sportgericht zum Phantomtor Ein richtig falsches Urteil

Dem DFB blieb bei seinem Urteil zum Phantomtor nichts anderes übrig, als den Protest der Hoffenheimer abzuweisen. Zu eng sind die Vorgaben der Fifa. Aber der Schiedsspruch zeigt auch, wie sehr sich das Fußball-Regelwerk der Moderne verweigert.

Man kann den Richterspruch zum Phantomtor, auf ein Wiederholungspiel zu verzichten, mutlos nennen. Man kann darin das Ignorieren der Mehrheitsmeinung der Fußballfans sehen, ein Verstecken hinter den Vorgaben der Fifa. Alles statthaft.Trotzdem hat das DFB-Sportgericht unter Vorsitz des kalauernden Vorsitzenden Hans E. Lorenz die richtige Entscheidung getroffen. Es war ja gar kein anderer Urteilsspruch möglich, schließlich war der einzige Maßstab für das Gericht die aktuelle Rechtslage im Weltfußball.

Der Weltverband Fifa gibt vor, dass Tatsachenentscheidungen des Schiedsrichters in höchstem Maße zu respektieren seien. Und um nichts anders handelte es sich bei dem Fehlgriff von Fifa-Referee Felix Brych, das Nicht-Tor des Leverkuseners Stefan Kießling anzuerkennen. Brych hatte sich auf seine Assistenten verlassen, eine andere Wahl hatte er nicht. Wenn keiner erkennt, dass der Ball irregulär den Weg ins Tor fand, dann kann man auch nicht anders entscheiden.

Gesetzt den Fall, der DFB hätte jetzt tatsächlich ein Wiederholungsspiel angesetzt: Wie lange hätte es bis zum nächsten Protest gedauert? Ist ein Tor, das aus klarer Abseitsposition erzielt und dennoch anerkannt wird, der nächste Grund für eine Wiederholung? Und wenn nicht, warum nicht? Warum hat niemand ein Wiederholungsspiel verlangt, als Hoffenheims Kevin Volland in der Partie gegen den 1. FC Nürnberg wenige Wochen zuvor ein einwandfreies Tor gelang, der Schiedsrichter aber nicht erkannte, dass der Ball hinter der Linie war? Was und wer macht den Unterschied? Wie irregulär darf es denn bitte schön sein?

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Kießlings Phantomtor: Kopfball, Außennetz, Drama

Foto: Marius Becker/ dpa

Schiedsrichter machen Fehler, manchmal harmlose, manchmal spielentscheidende. Das System Fußball hat den Fehler integriert, er ist Teil von ihm.

Und genau darüber sollte man streiten. Das Phantomtor von Sinsheim hätte eine bleibende Bedeutung, wenn künftig nicht nur intensiv über technische Hilfsmittel diskutiert würde, sondern wenn endlich etwas passierte. Es wird Zeit für den Videobeweis.

Der Fußball, das Millionengeschäft, das internationale Premiumprodukt des Sports, überwacht von Dutzenden Kameras, die jeden Winkel der Partie ausleuchten, leistet sich die technische Unterstützung eines Kreisligavereins in den siebziger Jahren. Der Vorsitzende Richter hat in seiner Urteilsbegründung formuliert: "Die falsche Tatsachenentscheidung gehört zum System." Besser kann man die gesamte Absurdität in einem Satz nicht zusammenfassen.

Viele andere Sportarten, vom Eishockey bis zum Tennis, haben vor Jahren bereits technisch aufgerüstet, um genau solche Fehlerquellen aus dem System zu verbannen. Nur der Fußball beharrt nach wie vor darauf, dass der Fehler nun einmal dazugehört. Als sei die Branche Spitzenfußball immer noch eine folkloristische Angelegenheit wie das Schützenfest auf der Dorfwiese. Das ist grob fahrlässig. Und unglaublich antiquiert.

Akteure wie Kießling oder Brych können genau wegen dieser Denkweise tagelang wie die Bösewichte oder Deppen vorgeführt werden, weil ihnen jedes TV-Bild in Sekundenschnelle ihren Fehler nachweist. Wenn Fifa und Uefa ihr Regelwerk modernisiert hätten, wäre der Schiedsrichter durch einen kurzen Hinweis aufs Videobild von seinem Irrtum überzeugt gewesen. Das Spiel wäre ohne größere Aufregung weitergegangen, und Leverkusen hätte womöglich trotzdem gewonnen.

Die Torlinientechnik, die nach jahrelangem Hin und Her nun kommen soll, ist ein Anfang. Aber nicht mehr als das. Der Videobeweis muss im Spitzenfußball eingeführt werden. Es hätte längst passieren müssen.

Dass es ihn auch im Jahr 2013 noch nicht gibt, ist Pech für 1899 Hoffenheim. Der Ungeliebteste der Ungeliebten in der Liga hat durch den Vorfall immerhin an Sympathien im deutschen Fußball gewonnen, weil er als bedauernswerter Loser dasteht. So einer wird immer gemocht. Das Bild vom Hopp-Club, der ständig von seiner Nähe zum DFB profitieren soll, ist jedenfalls künftig nur noch schwer haltbar.

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