WM-Analyse des DFB Trainer ernst, Manager smart

Beim ersten öffentlichen Auftritt nach dem WM-Debakel gab es gewaltige Unterschiede im Auftreten des Bundestrainers und des Teammanagers. Eindrücke aus dem Presseraum in München.
DFB-Pressekonferenz

DFB-Pressekonferenz

Foto: Alexander Hassenstein/ Bongarts/Getty Images

Um 13.53 Uhr gab es die Glückwunsche zum neuen Rekord: "Ich gratuliere Ihnen", sagte DFB-Medienchef Jens Grittner den versammelten Journalisten im Presseraum der Münchner Fußballarena, "das war die längste Pressekonferenz in der Geschichte des DFB. 110 Minuten, das haben wir noch nie geschafft."

Er zog sich lange hin, länger als ein Bundesligaspiel inklusive Nachspielzeit und Videobeweis, der erste Auftritt von Joachim Löw an der Seite von Oliver Bierhoff nach dem WM-Debakel in Russland. Es gab viel zu erzählen und zu erklären, aufzuarbeiten, und es gab auch viele Fragen zu beantworten. Weshalb man sich am Ende auch gar nicht wundern musste, warum die Pressekonferenz 1:50 Stunden dauerte, es hatte schon alles seine Berechtigung. Im Raum blieb eher die Frage hängen, ob es für diese Fehleranalysen wirklich zwei Monate gebraucht hätte.

So schwarz wie der V-Pullover von Joachim Löw

Es war ein Auftritt, der geprägt war von großen Unterschieden. Nicht nur Unterschiede zum Vorabend, als Bastian Schweinsteiger, der Weltmeister von 2014 und Symbolfigur des Triumphs von Maracanã, ebenfalls in München sein emotionales und viel umjubeltes Abschiedsspiel gegeben hatte. 14 Stunden später herrschte an gleicher Stelle aus gutem Grund gedämpfte Stimmung. Auf der Videowand hinter dem Podium im Medienraum liefen auch keine gefühlsseligen Bilder früherer Jahre mehr, die beherrschende Farbe war so schwarz wie der V-Pullover von Joachim Löw.

Unterschiede gab es aber vor allem im Auftreten von Joachim Löw und Oliver Bierhoff.

Joachim Löw

Joachim Löw

Foto: Sven Hoppe/ dpa

Der Bundestrainer wirkte schon beim Gang zu seinem Platz konzentriert und angespannt, mit ernstem Blick. Teammanager Bierhoff hingegen schien besserer Laune, ein lächelnder Fingerzeig zu einem Reporter, alles eher locker. Und diese Stimmung und Gemengelage blieb so auch bis zum Schluss.

25 Minuten sprach Löw, offen, schonungslos, selbstkritisch. In einer Deutlichkeit wie noch nie in seiner Zeit als Bundestrainer, was auch daran lag, dass er dazu in dieser Form bisher noch keinen Grund hatte. Er gab Einblicke in sein Seelenleben, blickte mitunter leidend, als habe er immer noch den WM-Blues, sprach von "Niedergeschlagenheit, großer Enttäuschung und großer Wut" in den Tagen nach dem WM-Aus. Konnte man ihm auch alles abnehmen.

"Das war meine allergrößte Fehleinschätzung"

Vor allem aber gab er sich die Hauptschuld am Desaster im Juni. Die falsche Taktik, zu sehr auf Ballbesitzfußball zu bauen, die spielerische Dominanz von 2014 weiter zu perfektionieren, wie er sagte, ohne zu erkennen, dass die Gegner sein System längst durschaut und entschlüsselt hatten. Immer wieder sagte er: "Das war meine allergrößte Fehleinschätzung, mein allergrößter Fehler." Und auch das fehlende Feuer, von dem er blumig sprach, dass bei den Spielern nur eine kleine Flamme brannte, zu wenig Leidenschaft vorhanden war, auch das schrieb er sich selbst zu: "Das wäre meine Aufgabe gewesen, das weiter zu forcieren."

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Foto: Bongarts/Getty Images

25 Minuten sprach Löw, zwischendrin griff er zur Fernbedienung, auf der Videowand erschienen im Schnelldurchlauf Zahlen und Daten, Vergleichswerte zwischen 2014 und 2018 bei Ballbesitz, Offensiv-Sprints, dass man in Russland wesentlich öfter aufs Tor schoss als in Brasilien - aber bekanntermaßen seltener traf. Und dass die Zeit zwischen Ballannahme und Abgabe 2014 im Schnitt 1,19 Sekunden betrug, 2018 aber 1,51. "Das hat dem Gegner die Möglichkeit gegeben, sich besser zu organisieren", erkannte Löw.

Statistiken wie aus der einst berühmten "ran"-Datenbank.

Oliver Bierhoff

Oliver Bierhoff

Foto: Sven Hoppe/ dpa

Und dann kam Oliver Bierhoff. Was bei Löw noch wie ein Schuldeingeständnis klang, hörte sich beim Teammanager eher wie eine Verteidigung an, wie Rechtfertigungen und Richtigstellungen. "Ich könnte stundenlang referieren", hob er an. So weit kam es zwar nicht, eine halbe Stunde wurde es trotzdem. Redete Bierhoff auch länger als Löw, inhaltlich war es deutlich weniger.

War das schon alles?

Bierhoff sprach über Eckpunkte wie Identität, Fannähe, Kommerzialisierung. Davon, "einiges klarstellen zu wollen". Er erwähnte, man sei doch auch an der Basis dran gewesen, mit einer öffentlichen Übungseinheit in Südtirol oder dass man dort mal mit dem Fahrrad zum Training gefahren sei. Manchmal streute er lächelnd Zwischenbemerkungen ein wie: "Zu meiner Zeit wäre das nicht möglich gewesen, mit dem Fahrrad zum Training zu fahren." Löw lächelte da nicht, er schaute während des ganzen Vortrags des Managers zu seiner Linken versteinert, manchmal kratzte sich Löw hinterm Ohr, trug Balsam auf die Lippen auf, trank eine Karaffe Wasser leer.

Viel wurde thematisiert in diesen knapp zwei Stunden, und doch blieb als Gefühl die Frage hängen: War das schon alles? Ist die Fehleraufarbeitung damit getan? Und ist der Kader für die nächsten beiden Spiele richtig? Kann Löw das Feuer wieder entfachen? Die ersten Antworten wird es nächste Woche Donnerstag beim Spiel gegen Frankreich geben. Es schien, so wie Löw immer wieder unruhig auf seinem Stuhl hin- und herwippte, hätte er gern gleich im Anschluss gespielt. Als könne er die Partie gegen den Weltmeister kaum erwarten.

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