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23. Februar 2005, 09:03 Uhr

DFB-Wunderelf

Als Netzer die Tiefe des Raumes entdeckte

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Fußballfans schwärmen noch heute von der deutschen Nationalelf, die 1972 den EM-Titel holte. So elegant agierte nie wieder eine Auswahl des DFB, nicht einmal die, die zwei Jahre später Weltmeister wurde. Ein Spieler kreierte bei der Endrunde in Belgien gar einen neuen Stil.

Kreativkicker Netzer: "Kunst, Eleganz, Fantasie"
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Kreativkicker Netzer: "Kunst, Eleganz, Fantasie"

Berlin - Günter Netzer schwante Böses. "Franz, wenn wir hier weniger als fünf Stück kriegen, haben wir ein Riesenresultat erzielt", flüsterte er seinem Mitspieler Beckenbauer zwei Minuten vor dem Anpfiff in den Katakomben des Londoner Wembley-Stadions zu. Es war der 29. April 1972, Deutschland gastierte zum Viertelfinal-Hinspiel der Europameisterschaft vor 100.000 Zuschauern in der heiligen Stätte des englischen Fußballs, und die Aussichten waren so schlecht wie das Wetter an diesem Abend.

Noch nie hatte eine deutsche Mannschaft auf englischem Boden gewonnen, die Bundesliga litt noch immer unter dem Skandal um gekaufte Spiele, und die Nationalspieler aus Bayern und Gladbach machten in ihren Vereinen zuletzt auch keine gute Figur. Grund genug also für Netzer, mit geringen Erwartungen in das Match gegen die Engländer zu gehen. Knapp zwei Stunden später jedoch war der Grundstein für einen Mythos gelegt. 3:1 hatte Deutschland in Wembley gewonnen, acht Wochen später jubelte die ganze Nation über den Triumph bei der Europameisterschaft in Belgien und vor allem über den nahezu perfekten Fußball, den die Mannschaft um die Korsettstangen Beckenbauer und Netzer spielte.

"Ein Traumfußball aus dem Jahr 2000", schrieb nicht etwa die "Bild", sondern die euphorisierte französische Sportzeitung "L'Equipe". Und in der Tat, so leichtfüßig und bar jeder Anstrengung hatte noch keine deutsche Mannschaft zuvor gekickt. "Die Welt rieb sich die Augen und erkannte bei den Deutschen die Möglichkeit der Kunst, der Eleganz, der Fantasie", schrieb Jahre später der Feuilletonist Helmut Böttiger. Dabei hatten die Sportjournalisten im Lande 1971 noch den technisch sehr limitierten Berti Vogts zum "Fußballer des Jahres" gewählt. Eine seltsame Zeit.

Es war die Zeit, als DFB-Debütanten wie der 19-jährige Paul Breitner das Abspielen der Nationalhymne als "überflüssig und schädlich für die Konzentration" bezeichneten und sich dafür drei Spiele auf der Reservebank einhandelten. "Das passte natürlich zu der ihm zugeschanzten politischen Meinung", sagte Bundestrainer Helmut Schön. Sein Auftreten passte zu seinem Starensemble, er fand die richtige Mischung aus Zuckerbrot und Peitsche, autoritäres Gehabe war fehl am Platz.

Doch nicht nur der Ton einiger Spieler war frech, Breitner oder auch der ebenfalls blutjunge Uli Hoeneß ließen ihren Worten auf dem Platz Taten folgen und vertraten ihre Rolle ebenso aggressiv und offensiv wie ihre Meinungen. "Ich bin lediglich ein Mensch, der versucht zu tun, was er will", sagte Breitner, das galt für sein Auftreten außerhalb des Platzes und sein Spiel gleichermaßen. In den EM-Partien sahen seine Gegenspieler meistens nur die Hacken des Münchners. Zusammen mit Torwart Sepp Maier, Hans-Georg Schwarzenbeck, Franz Beckenbauer und Horst-Dieter Höttges sorgte er in der Defensive dafür, dass der Gegner nur selten in den Genuss einer Torchance kam; die Deutschen kassierten in vier Spielen gerade einmal zwei Treffer.

Rebell Breitner: Zur Strafe auf die Ersatzbank
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Rebell Breitner: Zur Strafe auf die Ersatzbank

Beckenbauers Interpretation des letzten Mannes bewirkte, dass die Deutschen schon damals oft quasi mit einer Dreierkette spielten, Schwarzenbeck war der zentrale Mann in der Abwehr. Der "Putzer des Kaisers" bei Bayern und in der Nationalelf galt oft nur als Beckenbauers biederer Gehilfe. Aber um seine Rolle ausfüllen zu können, reichten Schwarzenbeck alleine Zulieferertugenden nicht. Der Taktikexperte Uli Fuchs ("taz" und "Hattrick") urteilte einmal über "Katsches" effektives Spiel: "Dazu brauchte es mehr als einen stumpfen, kopfballstarken Treter."

Bundestrainer Schön wollte zunächst nicht auf den Bayern-Vorstopper Schwarzenbeck zurückgreifen: "Dann lachen uns doch alle aus." Doch der "Kaiser" sprach das letzte Machtwort: "Man muss auch Leute haben, die mal reinhauen." Schwarzenbeck war immer dann zur Stelle, wenn Beckenbauer wieder einen seiner zahllosen Ausflüge unternahm und den Ball nach vorne trieb. Ohne den Bayern-Profi und Netzer wäre die EM-Elf von 1972 nicht mal die Hälfte wert gewesen. Auch das Zusammenspiel dieser beiden Kreativkräfte klappte ausgezeichnet. Stürmte der eine nach vorne, sicherte der andere ab.

"Das haben wir nicht erst vom Bundestrainer absegnen lassen, sondern einfach beschlossen. Wir haben das auf unsere Kappe genommen und für uns entwickelt. Und es hat ja auch funktioniert", erzählte Netzer, der mit diesem Prinzip bereits am Bökelberg Erfolge gefeiert hatte und zur Kultfigur avanciert war. Der Gladbacher mit dem raumgreifenden Schritt benötigte nur diese wenigen Spiele zwischen Wembley und dem EM-Finale, um sich in den Erinnerungen der Fußballfans zu verewigen. Die von "FAZ"-Feuilletonist Karl-Heinz Bohrer so hübsch formulierte "Tiefe des Raumes", aus der Netzer angeblich stets gelaufen kam, ist seitdem als Dimension im Fußball fest verankert.

Bundestrainer Schön (l., mit Torjäger Müller): "Dank der Deutschen wieder brillanten Fußball in Europa"
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Bundestrainer Schön (l., mit Torjäger Müller): "Dank der Deutschen wieder brillanten Fußball in Europa"

Netzer hat danach keine nennenswerten Länderspiele mehr bestritten, stets stand ihm der Kölner Wolfgang Overath im Wege, wohl auch, weil diesen auf dem Platz der letzte Biss auszeichnete. "Wenn ich Ehrgeiz gehabt hätte, wäre ich ein zweiter Pelé geworden", sagte Netzer einmal rückblickend. So reichte es immerhin für den einen Günter Netzer, der bei den Spielen der EM 1972 ein ums andere Mal vom eigenen 16er losstürmte, den Ball eng am Fuß, die Arme weit ab vom Körper, und so viele Angriffe der Deutschen einleitete.

Wo Beckenbauer seinen Schwarzenbeck hatte, konnte Netzer auf "Hacki" Wimmer zurückgreifen, der ihm immer den Rücken freihielt. "Wimmer ist Alltag, ich bin Sonntag", philosophierte Netzer über seinen Gladbacher Kollegen, der sich nicht nur durch seine Laufbereitschaft und seinen Einsatzwillen auszeichnete, sondern auch die Fähigkeit besaß, mögliche Löcher im deutschen Mittelfeld frühzeitig zu erkennen und entsprechend zu reagieren.

Der Lohn wartete auf Wimmer im Finale, als er gegen völlig überforderte UdSSR-Spieler auch genügend Gelegenheiten hatte, sich mit in den Angriff einzuschalten, und kurz nach der Pause sein erstes Länderspieltor zum 2:0 erzielte. Sonst blieben die Treffer natürlich dem "Bomber der Nation", Gerd Müller, vorbehalten. Jürgen Grabowski, Jupp Heynckes oder der Schalker Erwin Kremers passten ebenfalls optimal in die Mannschaft, aber die Tore schoss Müller. Eins in Wembley, beide Treffer zum 2:1-Halbfinalsieg gegen Gastgeber Belgien und zwei der drei Tore beim 3:0 im Finale gegen die Sowjetunion - Müller dominierte in den gegnerischen Strafräumen.

"Dank der Deutschen gibt es jetzt wieder jenen brillanten Fußball in Europa, den die Ungarn früher so unnachahmlich zeigten", befand anschließend der "Daily Telegraph" aus England. Karl-Heinz Heimann vom "Kicker" sah die Sache schon nüchterner: "Ich hoffe, das Wort vom deutschen Kraftfußball, das ja nie stimmte, ist jetzt endgültig in der Mottenkiste verschwunden." Da irrte er. Genauso wie Netzer vor dem England-Spiel.

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