DFL in der Coronakrise Geld ist Zeit

Durch die vereinbarte Zahlung der TV-Tranche werden Bundesliga- und Zweitligaklubs vorerst vor dem Kollaps bewahrt. Zu verdanken haben sie das auch der Arbeit des DFL-Präsidiums - angeführt von Christian Seifert.
Christian Seifert, Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga (DFL)

Christian Seifert, Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga (DFL)

Foto: Arne Dedert/ dpa

Es war eine gute Woche für Christian Seifert, den obersten Krisenmanager des deutschen Fußballs. Seit dem Ausbruch der Covid-19-Pandemie und der Unterbrechung der Saison kurz vor dem 26. Spieltag kämpfen der Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga (DFL) und seine acht DFL-Präsidiumskollegen darum, den Profiklubs die Geschäftsgrundlage zu retten. Am Donnerstag gelang dabei ein erster Durchbruch.

Nach langen Verhandlungen mit den TV-Rechteinhabern Sky, ARD, ZDF und DAZN erhält die DFL demnächst einen großen Teil der noch ausstehenden vierten Tranche der Fernsehgelder für die aktuelle Saison. Dabei handelt es sich um 270 bis 280 Millionen Euro. Zwar twitterte der Dachverband  am Freitag, dass es noch keine "vertraglich fixierte Vereinbarung mit Sky" gebe, was formal auch richtig ist. Aber der Deal steht, wie der SPIEGEL erfuhr.

Jenes so dringend gebrauchte TV-Geld wird an die Klubs weitergereicht. Deren Kassen hatten sich zuletzt bedrohlich geleert. Weil nicht gespielt wurde, hatten die Vereine keine Einnahmen. Mitarbeiter auf den Geschäftsstellen wurden in Kurzarbeit geschickt, Spieler zum Gehaltsverzicht aufgefordert. Es hieß, dass bis zu 13 der 36 Erst- und Zweitligaklubs in ernsthafte wirtschaftliche Nöte geraten würde, würde die Saison aufgrund der Pandemie abgebrochen und damit die vierte TV-Geld-Tranche ausbleiben.

"Der Fußball ist damit noch nicht gerettet"

Doch nun macht sich eine erste Erleichterung breit. "Wir haben Zeit gewonnen. Das nährt die Hoffnung auf Besserung in der aktuellen Krise", sagt einer, der mit dem Vorgang vertraut ist.

Dank der Millionen vom Fernsehen werden die Klubs erst einmal wieder frische Finanzmittel erhalten. Dann hängt vieles davon ab, ob und wann es weitergeht im Spielbetrieb. Die Auswirkungen der Krise werden die Vereine mithin noch lange spüren. Zuschauereinnahmen bleiben mindestens noch bis zum 31. August aus, denn die Bundesregierung hat vorerst bis dahin Großveranstaltungen untersagt. Sogenannte Geisterspiele schmerzen nicht nur die Zweitligaklubs, die stärker auf Ticketverkäufe angewiesen sind.

Zudem muss erst noch geklärt werden, wann die neue Saison beginnen kann. Davon hängt ab, wann die erste TV-Geld-Tranche für die Spielzeit 2020/2021 überwiesen wird. Die Fernsehgelder, deren Zahlung jetzt vereinbart wurde, fungieren vor diesem Hintergrund als Überbrückung, bis das Geschäft wieder seinen gewohnten Gang gehen kann. "Der Fußball ist damit noch nicht gerettet", ist zu hören.

Zu verdanken haben die Klubs den Geldfluss auch dem Verhandlungsgeschick Seiferts, der im permanenten Austausch mit den TV-Lizenznehmern gestanden haben soll. Dass er Sky und Co. dazu bringen konnte, die ausstehenden Millionen größtenteils freizugeben, obwohl noch immer nicht klar ist, ob der Restart der Bundesliga zeitnah ohne Zuschauer erfolgen kann, sei "eine Meisterleistung", sagt ein Fußballmanager: "Die bezahlen für eine Ware, ohne genau zu wissen, dass sie geliefert wird."

Erfahrungen im Kampf gegen den Niedergang

Christian Seifert hat Erfahrung im Kampf gegen den Niedergang. Der 50-Jährige war von 2000 bis 2005 Vorstand der KarstadtQuelle New Media AG, einem Tochterunternehmen der KarstadtQuelle AG, das sich um den Umbau des Internethandelns kümmern sollte. Seifert erlebte damals aus der Nähe, wie der Mutterkonzern daran krankte, dass in einer sich verändernden Welt falsche Entscheidungen getroffen wurden. 2009 beantragte das KarstadtQuelle-Nachfolgeunternehmen Arcandor Insolvenz. Ein deutscher Traditionsbetrieb war den Bach herunter gegangen. "Diese Erfahrung möchte ich nicht noch einmal erleben", sagte Seifert 2018 der "Zeit". Mit der Bundesliga, einem weiteren deutschen Traditionsbetrieb, sollte das nicht passieren.

In der Welt des Fußballs, die mitunter geprägt ist von Emotionen, galt Seifert lange Zeit als Fremdkörper, als Zahlenmensch und kühler Rechner. Manche Vereinslenker, vor allem jene, die selbst mal Nationalspieler waren, hielten ihm vor, er habe zu wenig Ahnung vom Fußball. Seifert hat all das Gerede hinter seinem Rücken meist nie viel ausgemacht. Er sagt, die Bundesliga sei ein "großer Zirkus, der jeden Tag Programm hat".

"Er ist in der aktuellen Situation ein Glücksfall"

Christian Heidel, ehemaliger Schalke- und Mainz-Manager, über DFL-Geschäftsführer Christian Seifert

Jetzt, da sich Klubs in finanziellen Schwierigkeiten befinden, sind wohl viele froh über Seiferts straffes, strategisches Vorgehen. "Er ist in der aktuellen Situation ein Glücksfall", sagt Christian Heidel dem SPIEGEL. Heidel war bis März 2019 Manager des FC Schalke 04, ein Klub, der in der Coronakrise am Rande des Kollaps steht.

Seiferts Management in den vergangenen Tagen wirkte wie choreografiert. Anfang dieser Woche schickten er und die Zweitliga-Beauftragten im DFL-Präsidium den Vereinsbossen einen Brief, in dem diese angehalten wurden, sich mit öffentlichen Äußerungen zu den geplanten Geisterspielen zurückzuhalten. Es sollte nicht so aussehen, als reklamiere der Fußball eine Sonderrolle für sich . Tatsächlich verstummten die meisten Klubvertreter. Im Hintergrund sprach derweil Seifert diskret mit den politischen Entscheidungsträgern in Berlin und in den Behörden.

Die Debatte um Geisterspiele geht weiter

Als am Mittwoch nach einer Videokonferenz der Ministerpräsidenten mit Kanzlerin Angela Merkel Maßnahmen zur Lockerungen des Alltags bekannt gegeben wurden, war von der Fortsetzung der Bundesliga keine Rede. Möglich, dass mancher Klubmanager davon überrascht war. Seifert wohl eher nicht. Denn schon tags darauf erklärte der Länderchef aus Bayern, Markus Söder, er halte Geisterspiele für "denkbar".

Dass wiederum nur einen Tag später die Einigung der DFL mit den TV-Partnern durchsickerte, mag Zufall gewesen sein. Vielleicht aber auch nicht.

Anfang Mai, so der Plan der DFL, soll die Bundesligaspielzeit in leeren Arenen fortgesetzt werden. Es gibt Fans, vor allem solche aus der Ultra-Szene, die die DFL und die Klubs für dieses Vorhaben kritisieren. Die Anhänger würden sich wünschen, dass die Bundesliga einen Schritt zurück macht. Die Fußballliebhaber wollen keine Geisterspiele, mit denen einfach nur das Geschäftsmodell der Liga gerettet wird. Sie wünschen sich einen Fußball, der in Zeiten von Corona Solidarität mitlebt und die Aufgeblasenheit ablegt.

Die Debatte mit den kritischen Anhängern müssen jetzt die Klubs führen. Seiferts Job ist es, weiter daran zu arbeiten, dass der Ball bald wieder rollt und die Geschäftsgrundlage der Klubs damit gerettet wird. Sollte die Politik Geisterspielen tatsächlich zustimmen, hätten er und die DFL ihren Job erledigt.

Gut möglich, dass er dann zumindest von den Klubbossen als Retter gesehen wird.

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