Frankreich-Trainer Didier Deschamps Wer gewinnt, hat recht

Vor der WM in Russland hätten sich viele Franzosen einen anderen Nationaltrainer als Didier Deschamps gewünscht. Mit dem Titelgewinn hat sich das geändert. Aber geliebt wird der "General" noch immer nicht.
Didier Deschamps nach dem WM-Triumph

Didier Deschamps nach dem WM-Triumph

Foto: REUTERS

Jürgen Klopp soll seinen Spielern vom FC Liverpool vor dem Champions-League-Finale gegen Real Madrid gesagt haben: "Wenn ihr gewinnt, ist es euer Verdienst. Wenn ihr verliert, ist es meine Schuld." Viel besser kann man nicht ausdrücken, wie undankbar der Trainerberuf ist. Das weiß auch Didier Deschamps, der am Dienstagabend (20.45 Uhr, TV: ARD, Liveticker: SPIEGEL ONLINE) mit der französischen Nationalmannschaft die DFB-Auswahl empfängt.

Seit Deschamps die Équipe Tricolore im Jahr 2012 übernommen hat, musste er sich vor allem anhören, was er alles falsch machte. Dass Frankreich bei der WM 2014 ins Viertelfinale und bei der Heim-EM zwei Jahre später ins Endspiel eingezogen ist, verdankte die Grande Nation ihren starken Spielern. Die bitteren Niederlagen wurden dem Trainer angelastet.

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Mal wurde seine Kaderzusammenstellung kritisiert, dann hieß es, er treffe in wichtigen Momenten die falschen Entscheidungen. Konzeptlos sei er, schrieben die Zeitungen in der Heimat. Außerdem verstehe er es nicht, aus der außerordentlich talentierten Spielergeneration, die ihm zur Verfügung steht, das Optimum herauszuholen.

Lieber Zidane als Deschamps

Trotz und nicht wegen Deschamps, so die allgemeine Wahrnehmung, wurde Frankreich im Vorfeld der Weltmeisterschaft 2018 als Favorit gehandelt. Eine bittere Heimniederlage gegen Kolumbien zum Auftakt ins WM-Jahr trübte die Vorfreude auf das Turnier ebenso wie das Unentschieden gegen die USA Anfang Juni. Zu diesem Zeitpunkt hofften nicht wenige Franzosen, dass Deschamps in Russland krachend scheitern würde.

Schließlich stand mit Zinédine Zidane ein wesentlich beliebterer und auf Vereinsebene erfolgreicherer Coach bereit, um das Amt des Nationaltrainers zu übernehmen. Möglicherweise hat auch "Zizou" selbst darauf spekuliert, Nachfolger seines ehemaligen Mannschaftskameraden zu werden, als er Real Madrid im Mai nach dem dritten Champions-League-Triumph in Folge überraschend verlassen hatte.

Zinédine Zidane

Zinédine Zidane

Foto: GENYA SAVILOV/ AFP

Doch die ganz eigene Dynamik bei der Bewertung von Trainerleistungen funktioniert in beide Richtungen: So sehr Niederlagen dem Ruf des Coaches schaden und alle Erfolge schnell vergessen machen, so sehr helfen Siege dabei, Schwächen zu überdecken und Kritiker zum Schweigen zu bringen.

Nur vier Monate nach dem dürftigen 1:1 gegen die Vereinigten Staaten erscheinen alle Gedankenspiele über eine Ablösung Deschamps wie Fiktionen aus längst vergangener Zeit. Ein gewonnenes Endspiel hat ausgereicht, um den bestenfalls geduldeten Trainer in einen gefeierten Meistermacher zu verwandeln. Vergessen sind die Pfiffe der französischen Fans, die es noch während des zähen dritten WM-Vorrundenspiels gegen Dänemark gegeben hatte. Genauso wie der böse Vorwurf des "Anti-Fußballs", den die frustrierten Belgier nach dem Halbfinale geäußert hatten.

"Frankreich könnte noch viel besser spielen"

Wer gewinnt, hat recht. So einfach ist das im Fußball. Und Deschamps hat am 15. Juli im Luschniki-Stadion von Moskau den Entwicklungsschritt zum Gewinner gemacht. Mittlerweile huldigen die Zeitungen dem 50-Jährigen, loben seine klare Spielidee und den Gemeinschaftssinn, den er der Mannschaft vermittelt hat.

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Foto: ERIC FEFERBERG/ AFP

Innig geliebt wird Deschamps deshalb in seiner Heimat aber noch immer nicht. Das liegt zum einen daran, dass er Baske ist und deshalb im Rest Frankreichs per se mit Skepsis betrachtet wird. Zum anderen ist er auch als Trainer immer der Typ geblieben, der er schon als Spieler war: eher Arbeiter als Künstler.

"Frankreich könnte noch viel besser spielen, wenn Deschamps früher nicht defensiver Mittelfeldspieler gewesen wäre", sagte Gary Lineker während der WM im Interview mit dem SPIEGEL und sprach damit aus, was viele dachten. Anstatt seinen herausragenden Offensivspielern alle kreativen Freiheiten zu lassen, steckte der Trainer das Team in ein striktes taktisches Korsett, das in erster Linie darauf ausgelegt war, keine Gegentore zu kassieren. Wie schon zu seiner aktiven Zeit gab Deschamps den humorlosen Spielverderber, der für Ordnung und Balance sorgt, ohne dabei besonders zu glänzen.

Das Spektakel und den Szenenapplaus überließ er stets anderen: Abédi Pelé und Alen Boksic zum Beispiel, als er 1993 mit Olympique Marseille zum ersten Mal die Champions League gewann. Und natürlich Zidane, dessen Abräumer und Schatten der "General" bei Juventus und in der Nationalmannschaft war. "Ich habe den Fußball nie des Spielens wegen gespielt, sondern immer des Gewinnens wegen", sagt Deschamps über Deschamps.

So wie einst Aimé Jacquet

Begeisterung bei feingeistigen Fans im Land des eleganten Michel Platini konnte er für diese Einstellung nicht erwarten, wohl aber den Respekt des Publikums, seiner Mannschaftskameraden und aller Verantwortlichen. Aufgrund seiner Führungsqualitäten und der damit verbundenen natürlichen Autorität war es Deschamps und nicht etwa Zidane, der Frankreich 1998 als Kapitän zum Weltmeistertitel führte.

Didier Deschamps für Juventus (l.)

Didier Deschamps für Juventus (l.)

Foto: Getty Images

Trainer war damals mit Aimé Jacquet ein ganz ähnlicher Typ wie Deschamps heute: Ein ruhiger und gewissenhafter Arbeiter mit klarem Konzept  und eher biederem Charme, ohne besonderen Flair und Starallüren. "Er wusste immer genau, was er warum tat", sagte Deschamps über Jacquet, der 1998 seinen Spielern das Rampenlicht überließ und selbst im Hintergrund blieb. Genauso machte es Deschamps beim zweiten französischen WM-Erfolg 20 Jahre später mit Paul Pogba, Antoine Griezmann und Kylian Mbappé.

Vielleicht lobt Pogba seinen Trainer auch deshalb in ähnlicher Form wie Deschamps damals. "Er weiß, wie man mit Spielern spricht, wie er seine Botschaften vermittelt", sagt der Mittelfeldstar von Manchester United. Ein viel größeres Kompliment könnte man dem "General" vermutlich nicht machen.

Nur über eins muss sich Deschamps im Klaren sein: Wenn die Ergebnisse ausbleiben, zeigt der Fußball sehr schnell wieder sein undankbares Gesicht. Dann kehren die Kritiker zurück und vergessen die Erfolge. Joachim Löw kann das mit Sicherheit bestätigen.

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