Die Analyse Es herrscht Klärungsbedarf

Nach dem Auftaktspiel gegen Rumänien sollte die Besetzung einiger spielentscheidender Positionen im deutschen Team neu überdacht werden.

Von Herbert Neumann


Überraschend begannen die Rumänen das Spiel gegen Deutschland mit der offensiven Variante, ohne eine zusätzliche Absicherung für Hagi. Die Mannschaft von Erich Ribbeck startete durch die Abwesenheit von Automatismen erwartungsgemäß verunsichert; die Abstimmungsprobleme in der Abwehr und im Spielaufbau waren unübersehbar.

Rumänien störte die Spielentwicklung der deutschen Mannschaft früh, und das 1:0 in der 5. Minute bestätigte sie, damit fortzufahren. Daraus resultierten häufig Rückpässe auf Oliver Kahn oder lange, schwer zu kontrollierende Bälle auf die Angreifer Rink und Bierhoff. Rumänien zeigte das variantenreichere Kombinationsspiel. Hagi, Ilie und Moldovan waren stets gefährlich.

Deutschland spielte mit einer Dreier-Abwehr ohne klare Zuteilung und ohne freien Mann. Dadurch kam Lothar Matthäus häufig in 1:1-Situationen, die seine mangelnde Fitness offenbarten. Nach der ersten großen Chance durch Oliver Bierhoff, die symptomatisch nach einem Eckball erfolgte, wurde das Spiel der Deutschen mutiger. Die Manndecker Nowotny und Linke schalteten sich häufiger ein.

Nach dem Ausgleich durch Scholl und den darauffolgenden gesteigerten Offensivbemühungen der Deutschen hatten die Rumänen große Probleme im zentralen Mittelfeld und waren oft in Unterzahl. Doch das Team von Erich Ribbeck machte dort zu wenig aus seiner numerischen Übergewicht, auch weil Jeremies dem Spiel keinerlei Impulse gab.

Zweite Halbzeit

Mit Beginn der zweiten Halbzeit stellte der rumänische Trainer Emerich Jenei von einem leicht variierten 4-4-2- auf ein 3-5-2-System um: Hinten herrschte eine klare Mannzuweisung, Dorinel Munteanu rückte mehr nach innen, um dem überforderten Galca zu helfen. Insgesamt bekam das Spiel in dieser Phase eine deutliche Physiognomie, wirklich besser wurde es jedoch nicht.

Jeremies hatte nach wie vor viel Raum und schien endlich auch gemerkt zu haben, dass er mehr Initiative nehmen muss. In der Abwehr spielte Deutschland fast nur noch Eins-gegen-eins. Nowotny und der eingewechselte Rehmer konnten dabei ihre Schnelligkeit ausspielen. Matthäus blieb bis zu seiner Auswechslung in der 77. Minute unsichtbar. Zu diesem Zeitpunkt aber war das Spiel längst erstorben. Beide Mannschaften nahmen keinerlei Risiko mehr, den Sieg zu suchen.

Fazit

Die deutsche Mannschaft hat keineswegs enttäuscht. Sie zeigte in einigen Phasen, dass sie durchaus im Stande ist, gut zu spielen. Auf dem hohem Spielniveau einer Europameisterschaft scheint mir die Aufstellung eines nicht im Vollbesitz seiner Kräfte befindlichen Lothar Matthäus - trotz dessen Routine - nicht gerechtfertigt. Die Position des zentralen Abwehrspielers, also die, die Matthäus in Lüttich einnahm, muss konkret definiert werden. Ihre Ausgestaltung kann nicht dem jeweils eingesetzten Spieler überlassen werden.

Die Interpretation der Rolle des zentralen Mittelfeldspielers muss wahrscheinlich von Spiel zu Spiel neu überdacht werden. Wenn ein Spieler wie Jens Jeremies dort eingesetzt wird, ohne eine direkten Gegenspieler zu haben, ist er weniger effizient für die Mannschaft. Hier könnte ein Spieler wie Michael Ballack sehr viel mehr für die Spielentwicklung tun.

Über links war so gut wie keine Angriffswirkung zu sehen. Christian Ziege konnte aus dem Raum, den der offensive Petrescu ihm ließ, keinerlei Kapital schlagen.



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