Die Analyse Frankreich ist ein verdienter Europameister

Wenn das Finale der Europameisterschaft auch einiges an italienischen Überraschungen zu bieten hatte, so gibt es doch keinen Zweifel, dass am Ende die richtige Mannschaft gewann.

Von Herbert Neumann


Das Spielbild des Europameisterschaftsfinales zwischen Italien und Frankreich war von Beginn an anders als erwartet. Die Fachleute mitsamt ihren im Vorhinein geäußerten Theorien wurden Lügen gestraft: Beide Mannschaften neutralisierten sich. Italien wirkte reifer und erwachsener. Frankreich dahingegen nervös, lässig-überheblich, ohne Esprit und klare Ideen.

Die Azzurri agierten offensiver, als dies zu erwarten war, für ihre Verhältnisse zündeten sie teilweise sogar ein regelgerechtes "Offensiv-Feuerwerk" ab. Dennoch blieb das Spiel größtenteils ausgeglichen und enttäuschend langweilig, was allerdings den gehemmt wirkenden Franzosen zuzuschreiben war.

Zidane war in einem von Albertini und Di Biagio geknüpften Netz gefangen und kam nicht dazu, seinem Team die gewohnten Impulse zu geben. Djorkaeff lief ohne Plan über das Spielfeld. Dugarry ließ im Absatz einiger Aktionen auf mehr hoffen, war aber in der Fortsetzung derselben unglücklich. Henry zeigte seine Schnelligkeit, die er aber, isoliert wie er war, gegen mindestens zwei Abwehrspieler nie erfolgreich ausspielen konnte. Thuram und Lizarazu schienen von einem unsichtbaren Seil gefesselt zu sein und kamen selten zu Offensivaktivitäten.

Der überraschend in der Anfangsformation stehende, kantige Delvecchio verursachte zusehends Panik bei Desailly und Blanc, wenngleich seine unorthodoxe Spielweise zunächst unproduktiv blieb. Während Totti sich schlau zwischen Deschamps und Viera "versteckte", unterstützte Fiore immer wieder die Angriffe der Italiener.

Das Resümee der ersten Halbzeit war folglich schnell gezogen: viel Mittelfeldgeplänkel, beschäftigungslose Torhüter und unerwartet viele weißgekleidete Italiener in der Hälfte der Franzosen. Der Weltmeister spielte mit angezogener Handbremse, und für den vom bisherigen Verlauf des Turniers verwöhnten Fußball-Gourmet war die dargebotene Magerkost wie ein Schlag ins Gesicht. Die überflüssigen "Holland"-Rufe einiger frustrierter Oranje-Fans im Rotterdamer Stadion waren respektlos und Zeichen eines an dieser Stelle unangebrachten "Superieur"-Gehabes.

Das 1:0 war keine Sensation

Wenige Minuten nach dem Wechsel geschah etwas Ungewöhnliches. Del Piero kam für Fiore - notabene ein Angreifer für einen Mittelfeldspieler. Da auch die Franzosen angesichts dieses überraschenden Schachzugs von Trainer Dino Zoff für einige Minuten paralysiert wirkten, war der wenig später resultierende Führungstreffer der Italiener keineswegs unlogisch. Eine Sensation war das 1:0 durch Delvecchio auf Grund des bis dahin Gesehenen allerdings nicht mehr.

Von nun an spielten die nervösen Franzosen nicht nur gegen eine leidenschaftlich spielende Squadra Azzurra, sondern auch gegen sich selbst. Von kollektiv vorgetragenen Angriffen war weiterhin nichts zu sehen. Alles blieb Stückwerk, und nur Einzelaktionen verursachten einen Hauch von Gefahr.

Albertini verhinderte nach wie vor mit auffallender Fairness und der Unterstützung seiner Mannschaftskollegen die Umsetzung der Ideen Zidanes. Ohne schmutzige Tricks blieb Italien auf den Beinen.

Beide Mannschaften zeigten uns innerhalb weniger Tage ihre unterschiedlichen Gesichter. Frankreich war teilweise desolat. Italien schlüpfte Oscar-reif in die Rolle des erfahrenen Verführers, der sich das Beste für den Schluss aufhebt.

Diese Spiel bewies wieder einmal, dass nüchterne, kluge Vorab-Analysen nicht wirklich ernst zu nehmen sind, mögen sie auch noch so kompetent sein. Der Fußball unterliegt Gesetzen, die mit denen des richtigen Lebens wenig gemeinsam haben. Dass die "Meister" im Verteidigen eines Vorsprungs, den sicher geglaubten Sieg noch aus den Händen gegeben haben, unterstreicht diese These nur. Und doch schien es wie eine Bestrafung für zuvor begangene "Delikte". Es reicht eben nicht aus, nur einmal aus der verordneten Destruktions-Disziplin auszubrechen und Klasse zu zeigen. Der Beweis, dass die italienische Mannschaft einen durchaus ansprechenden Offensiv-Fußball spielen kann, wenn sie nur will, macht sie noch verdächtiger.

Frankreich ist im gesamtem Kontext des Turniers gesehen ein verdienter Sieger. Die Italiener waren heldenhaft, sind aber nicht der Katalysator eines künftigen offensiven, schönen Fußballs. Portugal und Holland haben den Respekt aller verdient - für die Hilfestellung zur Entwicklung des deutschen Fußballs allemal.



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