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20. Mai 2012, 18:10 Uhr

Bayern-Profis vor der EM

Im tiefsten Loch

Aus Tourettes berichtet

Leerer Kopf, großer Frust: Nach der Finalpleite gegen Chelsea herrscht in München große Ernüchterung - doch der Stamm des Teams soll Deutschland zum EM-Titel führen. Bundestrainer Joachim Löw will die negative Stimmung abfedern. Dabei könnte ihm ein Blick auf die WM 2002 helfen.

Toni Kroos lag regungslos auf dem Rasen, Mario Gomez stand im Mittelkreis und starrte ins Leere. Bastian Schweinsteiger vergrub sein Gesicht unter seinem Trikot, was wohl dem Wunsch nach einer Flucht gleichkam. Drei der wichtigsten deutschen Nationalspieler wirkten in diesen Momenten völlig ausgelaugt, müde, leer.

Ein paar Tage in der Sonne mit Pool, Cocktails und freien Gedanken würden helfen, um die bittere Finalpleite gegen den FC Chelsea (4:5 nach Elfmeterschießen), eines der größten Dramen in der Geschichte der Champions League, zu verarbeiten. Doch Erholung sieht der Terminplan nicht vor. Stattdessen geht es in wenigen Tagen zur Nationalmannschaft nach Südfrankreich. Dort sind die drei als Eckpfeiler für das Projekt "Europameistertitel" eingeplant.

Gemeinsam mit ihren Teamkollegen Manuel Neuer, Jérôme Boateng, Phillip Lahm, Thomas Müller und Holger Badstuber sollen sie das DFB-Team zum ersten Turniertriumph seit 1996 führen. Bis auf Boateng werden sie wohl alle beim ersten Spiel gegen Portugal am 9. Juni (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) in der Startelf stehen.

Sieben Bayern-Profis als Stammspieler vorgesehen

Doch wie soll das funktionieren? Sieben Spieler in ein Team einzubauen, die in dieser Saison alle möglichen Titel auf die bitterste Art und Weise verpasst haben? Die nicht nur in der Liga und im Pokal gegen Borussia Dortmund unterlegen waren, sondern die zudem die Chance auf den wichtigsten Titel im eigenen Stadion haben verstreichen lassen? Ist es möglich, Gomez wieder zu dem gefürchteten Stürmer zu machen, der er insbesondere in der vergangenen Hinrunde war? Wie lässt sich Schweinsteigers Seelenheil nach dem vorentscheidend verschossenen Elfmeter wieder ins Lot bringen? Wie Müllers Frust abbauen, nachdem er so auf seinen ersten internationalen Titel hingefiebert hat?

"Eine Niederlage wäre schon ein Tiefschlag", hatte Bundestrainer Joachim Löw bereits vier Tage vor dem Finale gesagt. Wahrscheinlich konnte er sich zum damaligen Zeitpunkt aber noch nicht vorstellen, wie schwer sich dieser Tiefschlag anfühlen würde. Löw nannte als Erste-Hilfe-Maßnahme, dass "wir den Spielern zwei, drei Tage mehr freigeben, damit sie den Kopf freikriegen."

Demnach würden die Bayern-Stars nicht wie ursprünglich geplant am 25. Mai in Frankreich landen, sondern sich noch das anschließende Wochenende zur Erholung gönnen dürfen. Dementsprechend hätte Löw die gesamte Mannschaft lediglich sechs Tage gemeinsam im Trainingslager, bevor es am 31. Mai (20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) zum Israel-Testspiel nach Leipzig geht.

Bei der WM 2002 halfen vor allem Gespräche

"Wir werden die Jungs wieder aufbauen. Mit uns können sie noch einen Titel gewinnen", sagte Teammanager Oliver Bierhoff: "Man darf sich das nicht so vorstellen, dass die Spieler hier ankommen, man irgendeinen Zaubertrank rausholt und dann ist alles gegessen. Bei Philipp Lahm mache ich mir beispielsweise gar keine Sorgen. Es ist einfach die Empathie von uns und den Mitspielern gefragt, jeden einzeln hier vernünftig aufzufangen."

Welches Rezept dabei helfen kann, weiß der ehemalige Stürmer am besten. Immerhin stand der Ex-Kapitän des DFB-Teams bei der WM 2002 mit gleich fünf Spielern von Bayer Leverkusen in einem Team.

Die Werkself hatte in den Wochen zuvor neben dem Pokal, die Meisterschale und ebenso die Champions-League verloren und belegte genau wie aktuell der FC Bayern München dreimal den zweiten Rang. Trotzdem spielte die Mannschaft anschließend ein herausragendes Turnier, wurde am Ende zwar erneut Zweiter, feierte dies aber als großen Erfolg, da kaum ein Experte ein solches Ergebnis im Vorfeld für möglich gehalten hatte.

Nationaltrainer Rudi Völler verriet damals, dass er etliche Einzelgespräche mit den Bayer-Spielern führte, sie immer wieder aufzurichten versuchte. Letztendlich half aber nur eines: "Wir wollten einfach endlich mal etwas gewinnen. Darauf haben wir uns voll fokussiert", sagte der damalige Leverkusener Bernd Schneider.

Dieses Bewusstsein werden Löw und Bierhoff nun auch in ihre niedergeschlagenen Bayern-Akteure verpflanzen müssen. In den wenigen Tagen vor der EM wird es für das Trainerteam wohl weniger darum gehen, Spielautomatismen einzustudieren, als die Köpfer der Spieler freizubekommen - und den Hunger auf Erfolge zu wecken.

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