Sportler-Trainer-Beziehung Phantasien werden beflügelt

Immer wieder kommt es zwischen Trainern und ihren Athleten zu grenzüberschreitenden Annäherungen. Der Sport begünstige den Missbrauch von Machtverhältnissen, erklärt der Rechtspsychologe und Forensiker Niels Habermann. Oft spiele dabei das Wegsehen des Umfelds eine wichtige Rolle.

Niels Habermann ist Professor an der Fakultät für angewandte Psychologie der Hochschule Heidelberg. Er behandelt Straftäter mit sexuellen Präferenzstörungen sowie Persönlichkeitsstörungen und stellt psychodiagnostische Verfahren und Prognoseinstrumente bereit. Seit 2012 ist er Studiendekan für Rechtspsycholgie und zudem freier Mitarbeiter in der Forensischen Ambulanz Baden.

SPIEGEL ONLINE: Herr Habermann, was macht die Beziehung zwischen Trainer und Sportler für sexuelle Annäherungen so anfällig?

Habermann: Es gibt in Sportmannschaften immer eine Asymmetrie der Macht. Der Trainer hat das gewichtige Instrument der Aufgabenverteilung, er entscheidet, wem er seine Gunst zukommen lässt und wen er auf die Bank setzt. Dadurch kann er leicht Abhängigkeiten entstehen lassen - so wie im vorliegenden Fall.

SPIEGEL ONLINE: Kennen Sie ähnliche Fälle? Lässt sich eine Strategie erkennen?

Habermann: Es ist ein klassisches Vorgehen. Wenn jemand eine Neigung zu jungen Menschen hat, sucht er sich oft eine Position, die diese Neigung begünstigt. Im Sportverein kann schnell und völlig legitim Körperkontakt hergestellt werden, Phantasien werden beflügelt. Die Gefahr, dass es bei entsprechender Veranlagung tatsächlich zu sexuellen Übergriffen kommt, ist dann groß.

SPIEGEL ONLINE: Woran liegt es, dass Verantwortliche im Verein und auch Eltern von Betroffenen dieses Problem oft nicht bemerken?

Habermann: Wenn es zu solchen Annäherungen und Übergriffen kommt, stimmt die soziale Kontrolle nicht. Auf allen Seiten. Ich erlebe es immer wieder, dass Probleme in den betroffenen Kreisen schon lange zumindest im Ansatz bekannt sind, aber erst nach vielen Jahren öffentlich werden. Der Aufschrei auf der Opferseite ist dann stets groß, weil sich viele Eltern plötzlich bewusst werden, dass sie wegen Aussicht auf sportlichen Erfolg zu lange weggesehen, Anzeichen von Fehlentwicklungen bei ihren Kindern ignoriert haben.

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie damit sagen, dass auch das Opfer und sein Umfeld eine Mitschuld tragen?

Habermann: Nein, die Verantwortung liegt natürlich immer beim Täter, insbesondere, wenn es sich um einen Erwachsenen handelt und auf der Opferseite um Minderjährige. Aber man muss die strukturellen Rahmenbedingungen immer mitdenken, die so ein Verhalten begünstigen. Man muss sich bei lange hingezogenen Tatgeschehnissen auch fragen: Warum hat der Betroffene nicht früher etwas gesagt? Das geht nicht immer nur auf psychischen Druck oder eine Erpressung zurück. Oder auf starke Schamgefühle. Nicht selten haben sich Betroffene - mehr oder weniger bewusst - durch die Duldung oder eigene Beteiligung auch einen Vorteil erhofft.

SPIEGEL ONLINE: Einen Vorteil in sportlicher oder menschlicher Hinsicht?

Habermann: Beides. Ein Grund könnte zudem sein, dass das "Umworben werden" auch ein Stück weit als angenehm empfunden wurde, was für Betroffene natürlich schwer einzugestehen ist. Gerade junge Menschen, deren Bindungsbedürfnisse von zu Hause aus nicht immer ganz befriedigt wurden, weisen oft eine Bedürftigkeit auf, die geübte Täter schnell erkennen und sich zunutze machen.

SPIEGEL ONLINE: In unserem aktuellen Fall wurde ein 15- bis 16-Jähriger über eine lange Zeit mit doppeldeutigen SMS belästigt. Als er sich wehrte, ließ ihn der Trainer fallen. Wie schätzen Sie diese Situation ein?

Habermann: Die vorliegenden SMS sind, so wie sie hier berichtet werden, eindeutig grenzverletzend. Es wurde offenbar versucht, geplant und über Jahre eine sexuell konnotierte Abhängigkeit in einem sozial sehr anerkannten Kontext herzustellen, was die Aufdeckung regelmäßig erschwert. Ziel war es vermutlich, die Hemmschwelle des Jungen Stück für Stück herabzusetzen, bis er bereit für mehr wäre. Man nennt dieses Täterverhalten in der Fachsprache "Grooming".

SPIEGEL ONLINE: Können sich daraus strafrechtlichen Konsequenzen ergeben?

Habermann: Die Energie und Beharrlichkeit, die Täter für solches "Grooming" aufwenden, ist aus fachlicher Sicht oft beeindruckend und gleichzeitig ein entscheidender Beleg für ein sehr geplantes und kontrolliertes Vorgehen. Dahinter kann sich, muss aber nicht, eine sexuelle Deviation wie Pädophilie verbergen. Ob das Verhalten am Ende strafrechtlich relevant ist und eine Therapie notwendig erscheint, entscheidet aber allein das Gericht.

Das Interview führte Sara Peschke
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