"Die spinnen, die Japaner!" Frisch geputzte Hinterteile

"Es gibt Reis, Baby!" - die tägliche Kolumne bei SPIEGEL ONLINE zur Fußball-WM. Heute: Bücken, lächeln und "rectal washing". Die ersten Eindrücke aus Japan.

Von Till Schwertfeger, Sapporo


Sapporo - In der aktuellen Ausgabe seines Verbandsorgans mahnt der Deutsche Fußball-Bund auf Seite 18 alle WM-Reisenden: "Wer hinfährt, sollte tolerant sein und staunen können." Vorsorglich hatte ich mich bereits durch den Ratgeber "Kulturschock Japan" mit einigen feinen Details des Alltags auf Nippon bekannt gemacht.

So wusste ich, dass sich die Japaner bei der ersten Begegnung des Tages mit der formellen Verbeugung (Oberkörper etwa 30 Grad abknicken und etwa drei Sekunden halten) begrüßen, ansonsten mit der informellen (15 Grad und eine bis zwei Sekunden verweilen). Als ich mich den lokalen Gepflogenheiten aber anpassen wollte, kam ich mir auf dem Weg zum Frühstückstisch im Hotel durch das Spalier der Kellnerinnen vor wie ein Oberkörperpendel und hätte fast das Büfett gerammt.

Verbeugungen sind übrigens außer bei Begrüßungen auch bei anderen Gelegenheiten üblich. Etwa beim Abschied, bevor man geht oder wenn man den Aufbruch ankündigt, beim Entschuldigen und beim Bedanken. Also fast immer. Und dabei lächeln die Japaner schön - allerdings nicht unbedingt vor Freude.

Gilt ganz besonders in Japan: Andere Länder, andere Sitten
AP

Gilt ganz besonders in Japan: Andere Länder, andere Sitten

Lächeln Japaner, tut sie dies vor allem, um Verlegenheit oder Verwirrung auszudrücken. Weil die wenigsten Englisch verstehen, obwohl es in der Schule erste Fremdsprache ist, erhalten die ausländischen Gäste auf Fragen meistens nur ein Lächeln als Antwort. Das ist nur mit Mühe zu erwidern, wenn einem nach 22-stündiger Anreise aus ungeklärten Gründen der Zugang zum Hotelzimmer verwehrt ist. Ich staunte nicht schlecht und bemühte mich, tolerant zu sein.

Schon im Foyer hatten mich die Schirmständer verblüfft. Dort haben die Gäste nämlich nicht nur Gelegenheit, ihren Parapluie zu deponieren, sondern wie ein Fahrrad anzuschließen. Vielleicht wäre ich mit diesem Beitrag ein Kandidat für die TV-Show "Koko-ga hendayo! Nihonjin". Übersetzt heißt das "Die spinnen, die Japaner!" Seit mehreren Jahren geben einmal pro Woche in Japan lebende Ausländer ihre Erfahrungen im Land der aufgehenden Sonne zum Besten.

Thematisieren könnte ich selbstverständlich auch das Hotel-WC, an dem verschiedene Knöpfe und Schalter installiert sind, so als könne man sich mit dem Ding in den Weltraum beamen. Der Klodeckel ist beheizt. Als ich die der Hightech-Schüssel beiliegende Broschüre "Operation instructions" entdeckte, hatte ich einen der Knöpfe schon gedrückt. Statt der Tour ins All gab es irdische Freuden. "Rectal washing" war programmiert.



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