Bayerns Champions-League-Sieg Die Unschlagbaren

Zum zweiten Mal in seiner Geschichte hat der FC Bayern das Triple gewonnen. Dabei schien der Klub noch im Herbst vor einer schweren Saison zu stehen. Dann begann Bayern zu gewinnen - und hörte einfach nicht mehr auf.
Champions-League-Sieger: Es ist Robert Lewandowskis erster Titel

Champions-League-Sieger: Es ist Robert Lewandowskis erster Titel

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Julian Finney / dpa

In dem Moment, in dem die Spieler des FC Bayern wussten, dass sie es geschafft hatten, rannten die meisten einfach los. Die Ersatzspieler fluteten auf den Rasen; Thomas Müller zerrte an Corentin Tolisso und Tolisso zerrte an ihm; draußen tanzte und hüpfte das Trainerteam um Hansi Flick. 

David Alaba feierte nicht mit. Bayerns Abwehrchef ging zu Neymar. Hinter dem Pariser Superstar lag kein gutes Spiel, er vergab vorne Chancen, hinten schlief seine Abwehr nur einmal, aber das war einmal zu viel gewesen. 0:1 hatte PSG dieses Finale der Champions League verloren. Ein ganzes Europacupjahr lang hatte Paris getrickst und gesiegt, auf souveräne, dramatische, beeindruckende Weise. Gereicht hat das nicht. Neymar kamen die Tränen. 

Alaba tröstete ihn, legte seine Stirn gegen die von Neymar. Die Zärtlichkeit, die in dieser Geste lag, war anrührend.

 Für Lewandowski der erste Champions-League-Sieg

Während Alaba Neymar tröstete, sank ein paar Meter weiter Robert Lewandowski auf die Knie. Bayerns Stürmer riss am eigenen Trikot, dass es spannte, irgendwo musste er hin mit seiner Energie. Dann vergrub Lewandowski das Gesicht im Trikot. 

Alaba hatte das schon erlebt. Er war 2013 Teil der Mannschaft, die unter Jupp Heynckes das Triple gewann und es seither vergeblich wieder und wieder versucht hatte. Für Lewandowski aber war es der erste Champions-League-Sieg.

Fußballer werden viel zu oft an den Titeln gemessen, die sie gewinnen, statt an der Leistung, die sie bringen. Lewandowski hat ein überragendes Jahr hinter sich, eigentlich sind es überragende Jahre. Aber während viele seiner Teamkollegen in seiner Altersklasse und mit seinem Status 2013 die Königsklasse und 2014 die WM gewonnen hatten, fehlte ihm ein solch gigantischer Erfolg in der Vita. Für ihn wird sich dieses Spiel anfühlen wie der Einlauf ins Ziel beim Marathon.

An diesem Abend unüberwindbar: Manuel Neuer im Bayern-Tor

An diesem Abend unüberwindbar: Manuel Neuer im Bayern-Tor

Foto: David Ramos/POOL/EPA-EFE/Shutterstock

Vorher, als das Spiel in seinen letzten Zügen war, breitete Torwart Manuel Neuer beide Arme aus und blieb in dieser Pose im Fünfmeterraum stehen. In diesem Augenblick erschien er so groß, dass das Tor hinter ihm geradezu winzig wirkte. Neuer hatte gerade schon wieder einen kaum zu haltenden Ball pariert. Diesmal zwar nach einem Abseitspfiff, das Tor hätte nicht gezählt, aber Neuer, so schien es, wollte den Pariser Angreifern etwas beweisen: dass sie anrennen und dribbeln und schießen konnten, wie sie wollten - gegen ihn würden sie ja doch nicht treffen.

Er selbst wirkte tatsächlich unüberwindbar. Für die Bayern-Defensive galt das nicht.

Denn die besseren Chancen des Endspiels hatte eigentlich PSG. Neymar scheiterte frei stehend an Neuer, Mbappé traf aus bester Position den Ball nicht voll und stupste ihn mehr in Richtung Tor, als dass er ihn schoss, jeweils hätte ein Treffer das 1:0 bedeutet. Später vergab Marquinhos vor Neuer das mögliche 1:1. Die Bayern hatten zwar auch ihre Gelegenheiten, aber wenn Neuer nicht bei ihnen gespielt hätte, hieße der Sieger wahrscheinlich Paris.

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Bayern gewinnt als erstes Team jedes Spiel einer Champions-League-Saison

Das aber wird man schnell vergessen, was nicht zuletzt an der Stärke dieser Bayern liegt. Niemand dürfte auf die Idee kommen, diesen Titel als unverdient zu bezeichnen.

Er wisse gar nicht mehr so genau, gegen wen die Bayern letztmals verloren hätten, sagte Joshua Kimmich: "Leverkusen oder Gladbach". Es war Gladbach, und die Niederlage ist so lange her, dass man ihm das nicht verübeln kann. Am 7. Dezember 2019 war das gewesen, seither gab es noch ein Unentschieden Anfang Februar gegen Leipzig, und sonst: Sieg und Sieg und Sieg.

30 Pflichtspiele bestritten die Münchner seit jenem 1:2 gegen Mönchengladbach, 29 davon haben sie gewonnen, zuletzt 20 hintereinander. Als erstem Team überhaupt ist es den Bayern gelungen, jede Partie einer Champions-League-Saison für sich zu entscheiden.

"Wir haben eine Reise hinter uns, von A bis Z": Thomas Müller

"Wir haben eine Reise hinter uns, von A bis Z": Thomas Müller

Foto: Pool / Getty Images

Und was für welche. Das 8:2 gegen Barcelona wird so schnell nicht vergessen werden. Gegen die Premier-League-Klubs aus Tottenham und Chelsea gab es in vier Begegnungen 17:4 Tore. Insgesamt trafen die Bayern 43 Mal in ihren elf Spielen. Allein PSG spielte auf Augenhöhe. 

Dass der FC Bayern 2020 so unverwundbar wirkt, ist umso verblüffender, wo doch der FC Bayern 2019 noch im Herbst so verwundbar schien. Damals sah es so aus, als könnte dem Klub die schwächste Saison seit 2012 bevorstehen. Als nach einem 1:5 in Frankfurt Niko Kovac gehen musste und Flick übernahm, standen die Bayern in der Bundesliga auf dem vierten Platz, vier Punkte hinter Tabellenführer Gladbach. 

"Wir haben eine Reise hinter uns. Der Haufen ist Wahnsinn, von A bis Z", sagte Müller: "Wir kamen vom Gefühl im Herbst von relativ weit unten. Aber dann haben wir einen Lauf hingelegt, der sensationell ist."

 "Auch heute waren wir nicht fehlerfrei"

Sensation, ein großes Wort. Vielleicht zu groß, wenn man bedenkt, wie viel Geld der FC Bayern zur Verfügung hat. Der Umsatz, den der Klub generiert, ist größer als der von PSG. Die Münchner konnten es sich leisten, 80 Millionen Euro für Lucas Hernández auszugeben, einen Spieler, der im Finale auf null Minuten kam. Eigentlich sind sie einer der logischsten Kandidaten auf den Titel. 

Eine große Leistung haben die Bayern in diesem Jahr dennoch vollbracht. Wahrscheinlich fühlt sie sich gerade durch das Tief im Herbst noch etwas größer an. Und durch die Art und Weise, wie sie zuletzt gewannen: mit höchster Intensität pressend, cool vor dem Tor und mit dem Selbstverständnis, dass ihnen ja doch nichts und niemand etwas anhaben könne. "Auch heute waren wir nicht fehlerfrei", sagte Kimmich. "Trotzdem hatten wir schon ein bisschen dieses Gefühl der Unschlagbarkeit."

Kimmich sprach vom größten Tag seiner Karriere. "Es ist gar nicht so wirklich zu beschreiben, was man empfindet, mit so einer Truppe auf dem Platz zu stehen. Wenn man mit Brüdern so einen Titel gewinnt, ist es das Maximum, das man erreichen kann", sagte er.

Er selbst sorgte später noch für ein weiteres Bild, das einem in den Sinn kommen wird, wenn man später an dieses Endspiel zurückdenkt.

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Fotos zeigen Kimmich, wie er gemeinsam mit Serge Gnabry auf dem Rasen liegt, ein paar Meter daneben die Konfettireste der Siegesfeier. Aus dem Bild spricht Erschöpfung, Vertrautheit, Glück.

Kimmich und Gnabry kennen sich seit Kindheitstagen, sie spielten bereits Jahre lang in der Jugend des VfB Stuttgart zusammen, gelten als enge Freunde. Womöglich dachten sie ja, als sie da dicht beieinander lagen, Gnabry die Arme ausgebreitet, Kimmich die Hände vors Gesicht haltend, an jene Zeit zurück. An ihren Weg seither, der so unterschiedlich verlaufen war; Gnabry, der früh nach England ging, Kimmich, der in die dritte Liga wechselte. Und dass er sie beide hierhin führte: zum Champions-League-Sieg, auf den Fußballgipfel, und über ihnen nichts als der Nachthimmel von Lissabon.

Anmerkung der Redaktion: Das Zitat von Thomas Müller war in einer früheren Version verkürzt dargestellt. Diesen Fehler haben wir beseitigt.

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