Die WM im TV Drive in Unterföhring

"Es gibt Reis, Baby!" - die tägliche Kolumne bei SPIEGEL ONLINE zur Fußball-WM. Heute: Die WM gerät im Fernsehen zunehmend zu einer bierernsten Angelegenheit. Alkoholfrei, versteht sich.

Von Ralf Klassen


Heute, am nunmehr 15. Tag seit Beginn unserer Aufzeichnungen, haben wir jenen Zustand erreicht, um den uns die ganze Welt beneidet: Die Augen fokussiert auf den schwarzen Kasten ("Das Runde muss ins Eckige"), der Körper trotz extremer Beanspruchung in einer nahezu schwerelosen Verfassung, alle Sinne geschärft für die Aufnahme auch kleinster Details: "Auf der Ersatzbank der Tunesier alles Unbekannte." Mit einem Satz: Auch der deutsche Fan ist eine Turniermannschaft.

Ja, wir bräuchten mittlerweile nicht mal mehr die deutsche Mannschaft, um dieses Turnier jetzt durchzustehen. Wo andere Nationen ("Ohne Frankreich spielen wir WM") sich ohne ihr Team mit Scham und Schande vom Bildschirm zurückziehen, dreht der deutsche Fernsehfan erst richtig auf. Und entdeckt bei seiner Bilanz nach den ersten zwei Wochen WM-TV immer interessantere Einzelheiten.

Zum Beispiel bei diesem berüchtigten Werbespot mit dem Seitenblick unserer Elf auf das ploppende Bitburger. Wenn man beim Schnitt auf Sepp Maier den Hintergrund ganz genau betrachtet, bemerkt man, dass es sich um den gleichen, Stahlplatten-gesäumten Lagerraum handeln muss, wie in den Weltklasse-Schiffspots von Nike. Wo also die Figos, Rauls und Carlos' unter Aufsicht des diabolischen Eric Cantona um ihr Leben ballern, trinken unsere Jungs ein Bier. Ein alkoholfreies Bier namens "Drive". Nun ja.

Das Schlimmste ist die Häppchenkost

Wer dagegen richtig in Fahrt ist, dass sind die Premiere-Kommentatoren. "Tor in Yokohama", schreit es auf der Konferenzschaltung - aber anstatt aus einem dreitausend Kilometer entfernten Stadion schreit der Kollege nun in Unterföhring, vom Studio nebenan. Das ist weniger Vortäuschung falscher Tatsachen - schließlich weiß jeder, wie bitter es um den Kirchschen Reiseetat bestellt ist - als vielmehr jammerschade für die Premiere-Kollegen.

Kommentiert für Premiere: Marcel Reif

Kommentiert für Premiere: Marcel Reif

Denn wenn man mal all den Ärger um die verkauften und verschlüsselten Spiele beiseite lässt, muss man anerkennen, dass die - egal ob nun vor Ort in Asien oder im Abseits des Münchener Vororts - einen richtig guten Job machen. Fast wirkt es so, als wirke sich das knappe Budget positiv auf die Gesamtleistung aus: Angesichts leerer Kassen hat man sich bei Premiere wieder auf das Wesentliche konzentriert - den Sport. Statt Schnickschnack an der Seitenlinie beweisen die, dass das digitale Fernsehen für Live-Ereignisse dieser Größenordnung zumindest vom technischen Prinzip her unschlagbar ist.

Ach ja, live: Die Penetranz von Sat.1, jeden Abend in ihrer "ran"-Sendung um 21.15 Uhr noch so zu tun, als wüsste noch niemand von den Ergebnissen und eine Art Live-Konferenz vorzugaukeln, ist lächerlich. Wie überhaupt die "Ranisierung" der Fußball-WM eine der größten Demütigungen ist, die dieser Sport hier zu Lande medientechnisch jemals erfahren hat. Dieses Studio. Dieses Publikum. Über diesen Experten Paul Breitner hatten wir an gleicher Stelle ja schon geurteilt. Aber das Schlimmste ist die Häppchenkost: Ein Kracher wie Italien gegen Mexiko, aufbereitet in 12 Minuten, schrumpft da auf die Größe von "Wolfsburg gegen 1860".

"Die Kleinen haben immens aufgeholt"

Apropos Mexiko, und auch, wenn wir Gefahr laufen, uns zu wiederholen: Wer die Chance hatte, bei Premiere Marcel Reifs Analyse über die Mexikaner zu hören, der wird erst recht sauer, wenn er die versammelten Fachkräfte Fußball-Deutschlands bei den immer gleichen Sätzen erwischt wie "Dieses Favoritensterben ist unglaublich" oder "Die Kleinen haben immens aufgeholt". Mal sehen, wann sich diese Kommentare selbst verschlucken, wenn die "Kleinen" uns "Große" in den nächsten Jahren weiter so verprügeln.

Aber mit den Kommentatoren wollen wir uns ein anderes Mal eingehender beschäftigen. Zur Überbrückung empfiehlt sich die Website der Familie Ahlers (www.familie-ahlers.de), einer dem Scherz in jeder Form aufgeschlossenen Sippe. Dort gibt es auch eine Rubrik mit den besten Fußballsprüchen aller Zeiten. Unser absoluter Lieblingsspruch stammt übrigens von Gerd Rubenbauer, gesprochen bei einer vergangenen WM, als der Fifa-Beauftragte an der Seitenlinie die verbleibende Spielzeit anzeigt: 1 Minute. Darauf Rubi: "Jetzt wechselt Jamaika den Torhüter aus."

Das ist doch unerreicht, oder?



© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.