Diego Maradona beim FC Barcelona »Bis auf schwanger zu werden, ist ihm hier alles passiert«

Massenschlägerei, mythische Tore, Zwielichtigkeit: Zwei Jahre spielte Diego Maradona für den FC Barcelona. Auch wenn der Erfolg ausblieb, war es ein Miniatur-Crashkurs in allem, was ihn später epochal gemacht hat.
Von Florian Haupt, Barcelona
Diego Maradona spielte von 1982 bis 1984 bei Barça

Diego Maradona spielte von 1982 bis 1984 bei Barça

Foto: Michel Barrault / Onze / Icon Sport / Getty Images

Es ist eine dieser Nachrichten, die in Windeseile durch Barcelona wehen: Diego Maradona ist tot. Beim Fußballtraining der Kinder mischt sich der Schock mit den Erinnerungen einer ganzen Elterngeneration. Ein Süditaliener erzählt, dass er eigentlich am Abend noch hätte arbeiten müssen, aber sein lokaler Geschäftspartner ihn gerade einfühlsam gefragt habe: Sollen wir es lieber verschieben? Dabei ist der zwar Süditaliener, aber nicht mal Napoli-Fan.

Der argentinische Fußball-Weise Jorge Valdano, Mitspieler Maradonas beim WM-Sieg 1986 und spanischer TV-Experte, muss die Schalte von der Champions League bei einer Frage nach Maradona abbrechen, weil ihn die Tränen sprachlos machen. Die Familie des damaligen WM-Trainers Carlos Bilardo schaltet den Fernseher aus, um dem schwer kranken Senior die fatale Nachricht zu verheimlichen. In Argentinien wird eine dreitägige Staatstrauer ausgerufen und in Maradonas zweiter Heimat Neapel verkündet der Bürgermeister die Umbenennung des örtlichen Stadions. Und weltweit gab es am Mittwochabend wohl Gesprächsgruppen wie die der Fußballeltern in Barcelona.

Maradona und Bernd Schuster, die gemeinsam für Barça spielten, verband eine Freundschaft

Maradona und Bernd Schuster, die gemeinsam für Barça spielten, verband eine Freundschaft

Foto: imago images / Sven Simon

Wobei sie hier schon noch mal einen besonderen Touch haben: Auch bei Barça hat Maradona schließlich mal gespielt. Und so kennt fast jeder einen, der von den Verhandlungen um Maradona filmreife Räuberpistolen erzählen kann. Oder einen, der im Betreuerstab von Barça arbeitete, als Maradona in der Kabine hundertmal eine Orange über Fuß, Kopf und Schulter jonglierte. Als die Teamkollegen dann witzelten, mit einer Orange könne das doch jeder, machte er dasselbe noch mal mit einer Limone. 

Die Zuschauer kamen, um ihm beim Aufwärmen zuzusehen

1982 bis 1984 spielte er in Barcelona: nach Argentinien, vor Neapel. Es waren die einzigen Jahre, in denen das Publikum schon eine halbe Stunde vor Anpfiff in den Camp Nou kam – bloß, um ihm beim Aufwärmen zuzuschauen. Zwei Jahre, 38 Tore, ein spanischer Pokalsieg, eine »Hepatitis« – zu den Anführungszeichen später mehr – und eine weitere lange Pause wegen des vielleicht berühmtesten Fouls der Fußballgeschichte.

Zwei intensive Jahre, zwei Maradona-Jahre. »Bis auf schwanger zu werden«, sagt sein damaliger Mitspieler Lobo Carrasco, »ist ihm hier alles passiert«.

1982 steigt Maradona, 21-jährig, in einem hellblauen Trimm-dich-Zweiteiler und mit braunem Lederbeutel in der Hand aus dem Flugzeug und wundert sich in seinem ersten Interview über die damals unvorstellbar hohe Ablöse von geschätzt sechs Millionen Dollar. Im dritten Versuch hat ihn Barça aus Argentinien losgeeist. Beim ersten Mal 1978 hatte man nicht genug Geld, beim zweiten Mal verbot die argentinische Militärdiktatur den Transfer. Jetzt, im Sommer der Fußball-WM in Spanien, ist es so weit.

Rückblickend kann man sagen, Maradona erlebt in Barcelona einen Miniatur-Crashkurs in all dem, was ihn später in Neapel so epochal machen wird. Das Medieninteresse ist gigantisch, die Fallstricke sind es auch.   

Von hinten fast bewusstlos getreten

Maradona kommt mit Frau und Familie, bald folgen immer mehr Freunde. Vom »Clan« sprechen sie in Barcelona. Vereinsfunktionäre berichten, dass sich schon mal bis zu 40 Personen in Maradonas Haus über der Stadt tummeln, wenn seine Frau nicht da ist. Angeblich besorgen sie auch leichte Mädchen aus dem verruchten Zentrum. Nach einem grandiosen Saisonbeginn Maradonas liegt Barça in der Spitzengruppe, als er erkrankt. Die offizielle Version ist Hepatitis. Bis heute sprechen Insider davon, dass es sich in Wirklichkeit um eine Geschlechtskrankheit handelte. 

»Wenn Diego immer fit gewesen und länger dageblieben wäre, hätten wir drei- oder viermal nacheinander den Europapokal gewonnen – so viel besser war er als der Rest«, sagt der damalige Teamkollege Julio Alberto in der spanischen TV-Dokumentation »FC Maradona«. Ohne ihn aber verliert der deutsche Trainer Udo Lattek den Job und Barça die Meisterschaft. In der zweiten Saison läuft es unter Maradonas Landsmann César Luis Menotti ähnlich. Auch, wenn Maradona diesmal unschuldig ist.

Maradona mit seinem deutschen Trainer Udo Lattek beim FC Barcelona

Maradona mit seinem deutschen Trainer Udo Lattek beim FC Barcelona

Foto: imago sportfotodienst / imago images/WEREK

Sieht man heute die Bilder der Fouls an ihm, wirken sie in ihrer skrupellosen Brutalität geradezu irreal. Auch und gerade Spanien war damals nicht Tiki-Taka-Land, sondern gespickt mit harten Verteidigern, wie sie Maradona schon bei der WM mit dem Italiener Claudio Gentile kennengelernt hatte. »Ich weiß, dass es viele Gentiles gibt, aber ich vertraue auf die spanischen Schiedsrichter«, sagt er am Anfang. Er vertraut umsonst.

Im September 1983 tritt ihn Athletic Bilbaos Andoni Goikoetxea, der zwei Jahre zuvor mit Bernd Schuster schon einen anderen Barça-Star auf den Operationstisch beförderte, von hinten fast bewusstlos. »Es muss wohl erst jemand sterben, bis sich etwas ändert«, schimpft Trainer Menotti.

So, wie bei Maradona immer alles global ist, wird es auch dieses Foul. Ob der allgemeinen Entrüstung wird der »Schlächter von Bilbao« für 18 Partien gesperrt, und auch wenn er letztlich nur sechs absitzen muss, beginnt mit jenem Abend ein Prozess, an dessen Ende ein besserer Stürmerschutz im Weltfußball steht.

Maradona selbst sollte ihn allenfalls in zartem Anfangsstadium erleben – auch deshalb sind Vergleiche quer durch die Zeit, etwa mit Lionel Messi, so unnütz. Nur so viel: Wenn der heutige Barça-Star hier in der Dauerschleife als bester Spieler der Geschichte bezeichnet wird, dann steckt darin wohl auch die sublimierte Ignoranz eines unbequemen Gedankens: dem, dass man es mit Maradona verbockt hat.

Nach monatelangem Ausfall Maradonas reicht es auch in seiner zweiten Saison nur zum Pokalfinale. Wurde 1983 gegen Real Madrid gewonnen, wartet 1984 der denkbar ungünstigste Gegner: Bilbao. Schon vorher wird von beiden Seiten provoziert, auf dem Platz wieder getreten, und nach Barças 0:1-Niederlage entgleist der Revanchismus in einer Feldschlacht, in der Maradona vorneweg mit Kung-Fu-Tritten auf die Gegner losgeht. Es ist sein letztes Spiel für Barça.

Wegen der zu erwartenden Sperre, der zunehmend ungemütlichen Presse und dem zerrütteten Verhältnis mit Präsident Núñez erachten beide Seiten einen Wechsel für das sinnvollste. Neapel zahlt rund acht Millionen Dollar, und Maradona geht hoch erhobenen Hauptes.

Was bleibt, sind unerklärliche Dribblings, Flanken per Fallrückzieher und zwei mythische Tore. Eines bei Real Madrid, als er den Ball nur ins leere Tor zu schieben braucht, aber vorher noch mal Gegenspieler Juan José ins Leere rutschen lässt (und sich später im Spiel dafür entschuldigt, dass der dabei mit dem Gemächt in den Pfosten knallte). Sowie ein einzigartiger Lupfer im Europapokal bei Roter Stern Belgrad: aus dem Lauf heraus von der Strafraumgrenze im hohen Bogen eines Dreipunktewurfs beim Basketball, bejubelt von 100.000 jugoslawischen Fans im »kleinen Maracanã«.

»Mir ist nicht wichtig, was du mit deinem Leben gemacht hast. Mir ist wichtig, was du mit meinem gemacht hast«

 Maradonas ehemaliger Mitspieler Monchi Rodríguez

Was bleibt, ist aber auch die Erinnerung an einen Menschen, der schon in jungen Jahren als Anführer voranging. »Man wird im Team von damals niemanden finden, der schlecht über Diego redet«, sagt der Stürmer Paco Clos. Ein Mensch, der geliebt wurde, vergöttert und verführt. Was bleibt, ist auch der Einstieg in Partys und Kokain. Es gibt Beobachter, die wollen es ihn schon früh in seiner Barça-Zeit konsumieren gesehen haben, andere datieren den Einstieg auf seine letzten Wochen in der Stadt. Angeblich tauchte es auch schon in einem Polizeibericht an den Präsidenten Núñez auf.

Gegen Ende seiner Karriere spielte Maradona noch einmal eine Saison in Spanien, beim Sevilla FC. Der damalige Ersatztorwart und heutige Sportdirektor Monchi Rodríguez zitierte am Mittwoch zum Abschied einen Satz, den mindestens eine Generation bedenkenlos unterschreiben kann: »Mir ist nicht wichtig, was du mit deinem Leben gemacht hast. Mir ist wichtig, was du mit meinem gemacht hast.«