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28. August 2019, 15:13 Uhr

Kinofilm über Maradona

Diego ging verloren

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Diego Maradona war einmal der Größte, danach fiel er tiefer als viele andere. Ein Kinofilm macht sich auf die Spur seiner Jahre in Neapel. Es ist ein Dokument des Ruhms und der Tragik zugleich.

Diese Augen. Diese Leere. Die Spieler von SSC Neapel sind auf der Weihnachtsfeier, fröhliches Gequatsche im Raum, mittendrin sitzt Diego Armando Maradona, und in seinen Augen steht die pure Tragik. Die Tragik eines Lebens in Herrlichkeit. Oder was danach aussieht.

Diese Augen sagen: Hilfe! Ich bin dabei, die Kontrolle über mein Leben zu verlieren.

Es ist unter all den eindrucksvollen Bildern dieses Dokumentarfilms über den wahrscheinlich größten Fußballer, den es je gab, das eindrucksvollste. Diego Maradona hat alles, was man haben kann, er wird vergöttert von den Fans, er hat Geld im Überfluss, und es ist die Hölle.

Der britische Regisseur Asif Kapadia hat sich durch seine Filme über Ayrton Senna und Amy Winehouse einen Ruf als renommierter Dokumentarfilmer geschaffen. Den Film über Maradona kann man dabei als Endpunkt einer Trilogie verstehen. Einer Serie über Idole und den Preis, den sie dafür zahlen, Idole zu sein: Senna, ein monströser Held für die Brasilianer. Sein plötzlicher Renn-Tod in Imola war ein Schock für die Welt. Winehouse, die an ihrer Berühmtheit vollständig zerbrach. Maradona, dem es im Grunde ähnlich geht, auch wenn er überlebt. Der Ruhm war zu viel.

Kapadia konzentriert sich in seinem gut zweistündigen Film auf die Maradona-Jahre in Neapel von 1984 bis 1991. Der Spieler ist auf dem Zenit seines Könnens, die ganze Welt wird Zeuge eines Fußballgenies. Maradona wird Weltmeister mit Argentinien, er erlöst die Tifosi in Neapel mit zwei Meistertiteln in Italien, er holt mit der SSC den Uefa-Pokal. Es könnten die glücklichsten Jahre in Maradonas Leben sein. Es werden die Jahre, in denen er sich verliert.

"Ich will einfach nur Maradona sein"

Als 23-Jähriger kommt Maradona nach Süditalien, er hat zwei frustrierende Jahre beim FC Barcelona hinter sich, in Neapel soll alles besser werden. Es soll das in Erfüllung gehen, was er sich wünscht: "Ich will einfach nur Maradona sein."

Aber das geht in dieser Stadt nicht. Neapel, der arme Süden Italiens, diese unergründliche Stadt, das Schmuddelkind, auf das die Italiener im wohlhabenden Norden mit Verachtung herabschauen, gedemütigt immer und immer wieder. Bei den Gastspielen der SSC in Mailand und Turin werden die Neapolitaner verspottet, bespuckt, heruntergemacht, als wären sie der Fußabtreter des Landes. Die Anhänger in den gegnerischen Kurven halten Plakate hoch, mit denen die Neapolitaner aufgefordert werden, sich zu waschen. Am besten solle der Vesuv noch einmal ausbrechen und die ganze Stadt mit einer Feuerwalze auslöschen. Neapel duckt sich unter der Verachtung - und plötzlich ist der Messias in der Stadt.

85.000 kommen zur Vorstellung Maradonas ins Stadio San Paolo, die erste Pressekonferenz versinkt im Chaos, ein Journalist fragt, ob die Camorra bei der Verpflichtung Maradonas die Hand im Spiel habe. SSC-Präsident Corrado Ferlaino weist den Reporter mit echter oder gespielter Empörung aus dem Saal, die Kamera schwenkt auf Maradona und seinen erstaunten, unschuldigen Blick. Was ist denn hier los?

Er wird es bald merken. Kapadias Bilder, gesammelt aus Privatarchiven, aus Fernsehaufnahmen, unterlegt mit Maradonas schleppender Erzählstimme im Hintergrund, sie hetzen, sie verfolgen den Superstar auf Schritt und Tritt, so wie die Neapolitaner ihn verfolgt haben. Wenn man je von übermenschlichen Erwartungen sprechen kann, dann sind es die, die die Stadt, der Verein, die Menschen an diesen 23-jährigen jungen Mann haben. Und es geschieht das denkbar Schlimmste: Er wird ihren Erwartungen gerecht.

1987 wird SSC Neapel italienischer Meister, zum ersten Mal in seiner langen Vereinsgeschichte, alle wissen, wem sie das zu verdanken haben. Die Stadt schäumt über, tagelang, wochenlang, es ist die vollständige Ekstase von Hunderttausenden, die Befreiung aus all den Erniedrigungen. Der Schutzpatron der Stadt, San Gennaro, hatte seine Schuldigkeit getan. Neapel hat nun einen neuen Heiligen: San Diego. Heiliger, ach was, ein Gott. Maradona ist auf dem Höhepunkt. Und vom Höhepunkt aus kann es nur bergab gehen. Kein Mensch erträgt es, ein Gott zu sein.

Maradona, der Junge aus Villa Fiorito, dem Armenviertel von Buenos Aires, er, der eigentlich nur spielen will, ihm steigt das alles zu Kopf. Er genießt es, und er hasst es, dieses Leben als Überirdischer. Er stürzt sich ins Nachtleben, man sieht ihn immer öfter mit den Brüdern Giuliano an seiner Seite. Das sind nicht irgendwelche netten Brüder, auch wenn sie sich so geben, sie sind die Camorra. Sie versorgen den Liebling der Massen mit Kokain, mit Groupies, Maradona kokst und feiert von Montag bis Mittwoch, ab Donnerstag trainiert er fürs Wochenende. Eine Gratwanderung, die Maradona irgendwann nicht mehr durchhält.

Fernando Signorini, Maradonas Mädchen für alles, Berater, Manager, Personal Coach, sagt im Film: "Es gibt Diego, und es gibt Maradona. Für Diego würde ich ans Ende der Welt gehen, für Maradona keinen einzigen Schritt tun." Je länger Diego Maradona in Neapel ist, desto mehr wird er Maradona, Diego verschwindet.

Die hektischen Schnitte, die grobkörnigen Bilder von damals, sie erwecken im Kinosaal das schaurige Gefühl, live dabei zuzusehen, wie sich ein Superstar kaputtmacht.

Als sich die junge Neapolitanerin Cristiana Sinagra an die Öffentlichkeit wendet mit der Mitteilung, sie erwarte von Diego Maradona ein uneheliches Kind, und der Fußballer das wider besseres Wissen leugnet, hat das Land seinen Skandal. Ab jetzt bricht alles über ihm zusammen. Ermittlungen, Verhöre und die Paparazzi, vorher schon überall, geben nun keinen Moment mehr Ruhe. Maradona will nur noch weg, weg aus Neapel, aber Ferlaino lässt ihn nicht gehen, seinen Goldfisch. Erst 1991, Maradona ist gesperrt, verfemt, darf er Italien verlassen. Es ist eine Flucht.

Am Ende dieses zutiefst beeindruckenden Films macht Kapadia einen jähen Zeitsprung ins Jahr 2004. Es zeigt einen aufgedunsenen Diego Maradona im TV-Studio, gebrochen, ein Bild des Jammers. Ein Mann, der mit dem, was in Neapel passierte, nie mehr zurechtgekommen ist. Es ist ein Anblick, der einem das Herz brechen möge. Wer ihn sieht, wer den Film sieht, wird nie mehr über Diego Armando Maradona spotten. Den Größten des Fußballs.

Maradona sagt im Film: "Auf dem Spielfeld wird das Leben unwichtig. Alles andere wird unwichtig." Die Tragik des Diego Maradona ist, dass es ein Leben außerhalb des Spielfelds gibt.

Diego Maradona, Regie: Asif Kapadia. 130 Minuten. Ab dem 5. September im Kino

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