Zum Tod von Diego Maradona Die Größe und die Tragik

Der vielleicht größte Fußballer der Welt ist tot, aber er war so viel mehr als ein Sportler. Diego Armando Maradona hat die höchsten Höhen und die tiefsten Tiefen eines Lebens durchgemacht.
Ein Nachruf von Peter Ahrens

Diego Armando Maradona war größer als der Fußball. Viel größer. Sicher, er war einer der besten Fußballer der Welt, vielleicht war er auch der Beste der Welt, es gibt seit Jahren diese kleinlichen Vergleiche mit Pelé, mit Lionel Messi, wem denn nun der Ruhm dieses Titels gebühre. Diego Maradona war von ihnen derjenige, der die Menschen am meisten angerührt hat. Ein einziges großes Schicksal: sein Spiel, sein Leben, seine Tragik. Eine Tragik, zu der gehört, dass er schon mit 60 Jahren sterben musste.

Diego Maradona, der auf dem Platz seine Gegner überforderte, weil er ihnen in allem überlegen war, und der außerhalb des Platzes vom Leben überfordert war. Diego Maradona, der Messias von Neapel, ein Argentinier, der dem Süden Italiens die Würde zurückgab und dabei von der Verehrung erdrückt wurde. Diego Maradona und die Hand Gottes, die mithalf, Argentinien zum Weltmeister zu machen. Gott, Messias, das sind die Kategorien, in denen sich Maradona bewegte.

Fußballerisch war er ein Ereignis, jeder sollte sich froh und glücklich schätzen, der ihn noch hat spielen sehen. Er vernaschte die Gegenspieler reihenweise, seine Sololäufe auf dem Feld, bei denen er vier, fünf, sechs Verteidiger stehen ließ, als wäre ihm völlig egal, ob sie da sind oder nicht. Alle Welt kennt sein berühmtes Handtor gegen England, das 1:0 im Viertelfinale bei der WM 1986, aber sein zweites Tor in dieser Partie, als er von der Mittellinie losrannte und sich von nichts und niemandem auf diesem Planeten aufhalten ließ, bis er den Ball ins Tor geschossen hatte, ist ein Ölgemälde des Fußballs. Bei einer Versteigerung brächte es Millionen ein. Sein Fußball war Kunst, es gibt ein berühmtes Video von einem Aufwärmprogramm Maradonas vor einem Uefa-Cup-Spiel beim FC Bayern in München. Maradona tanzt, jongliert, flirtet mit dem Ball. Gab es je eine solche Einheit?

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Die Abwehrspieler haben ihn über den gesamten Platz gejagt, sie haben ihn versucht umzuhauen, wenn er seine Haken schlug, ihn mit allen Mitteln zu stoppen, meistens vergeblich, weil sie zu langsam waren für ihn. Andoni Goikoetchea von Athletic Bilbao ist es gelungen. Seine brutale Attacke gegen den jungen Maradona im Dress des FC Barcelona war pure Körperverletzung, der Jungstar fiel drei Monate lang verletzt aus. Als er wieder spielen konnte, musste Barça im Pokalfinale gleich erneut gegen Bilbao antreten. Die Partie endete in einer Massenschlägerei auf dem Platz. Maradona mittendrin, die Emotionen waren zu groß. Selbst für einen Verein wie den FC Barcelona, der von den großen Emotionen lebt.

Diego Maradona im Dress des FC Barcelona

Diego Maradona im Dress des FC Barcelona

Foto: imago images / Horstmüller

Maradona und Barcelona, das war eine Mesalliance, Maradona und Neapel, das war Liebe. Für zwölf Millionen Euro, das muss man sich heute mal vorstellen, lotste ihn Napolis Präsident Corrado Ferlaino nach Italien. Maradona wurde dort bereits wie ein Erretter empfangen, 75.000 Menschen beim ersten Training. In der Stadt war man Demütigungen gewohnt, man lebte mit ihnen, der Norden mit seinen Großvereinen in Mailand und Turin spuckte auf die verachteten Neapolitaner, bei den Auswärtsspielen wurden sie auf übelste Weise verspottet, beschimpft, beleidigt.

Maradona hat dieses Gefühl der Schmach, das die Stadt immer und immer wieder erlitt, verstanden. Er hat das nachgefühlt, der Arbeitersohn aus Villa Fiorito, dem Armenviertel am Rande von Buenos Aires. Der Trotz, es all jenen zu zeigen, die mit dem Finger auf die Schmuddelkinder weisen, der hat ihn und die Stadt vereint. Maradona fühlte sich angestachelt, und es folgten seine sportlich größten Jahre.

Im Zenit schon der Kern des Absturzes

Er führte die SSC Neapel zum allerersten Meistertitel in Italien, in der Saison 1986/1987, und die Stadt explodierte. Sie feierte einen ganzen Sommer lang, mehr noch als Argentinien im Sommer zuvor gefeiert hatte. Maradona machte erst sein Heimatland zum Weltmeister, dann seine zweite Heimat zum Landesmeister. In diesem Jahr war Diego Maradona auf dem Zenit seines Könnens, und zu seinem Leben gehört, dass der Keim des Abstiegs darin schon gelegt war. Abstieg ist noch zu schwach, Absturz trifft es eher. Die Begeisterung, die grenzenlose Verehrung, das alles war zu viel, viel zu viel für diesen Spieler, zu viel für diesen Menschen. Es gibt Sportler, über die es den Satz gibt: Er will doch nur spielen. Diego Maradona wollte nur spielen.

Als Meister in Neapel

Als Meister in Neapel

Foto: Massimo Sambucetti / AP

Er genoss den Ruhm auch, aber genoss ihn im Übermaß. Drogen, die Camorra, all die Speichellecker, die sich um ihn scharrten und Geld mit ihm machen wollten, die ihm einredeten, was das Beste für ihn sei und was doch das Schlechteste war. Dazu kam die medial ausgeschlachtete Vaterschaftsaffäre um seinen unehelichen Sohn.

Maradona wollte nur noch weg, Ferlaino wollte seinen Goldesel nicht gehen lassen. Die Zeit in Neapel, die die glücklichste hätte sein können, wurde zum Fiasko. Menschlich, später auch sportlich. Der Dokumentarfilmer Asif Kapadia hat dieser Zeit Maradonas in Neapel vor einem Jahr ein filmisches Denkmal gesetzt, berührend, verstörend. Es gibt vor allem eine Emotion, mit der man diesen Film sieht: grenzenloses Mitgefühl.

Nach Neapel ging es eigentlich nur noch abwärts, und immer wieder gab es die Versuche, Anker zu werfen, irgendwo, zurückzufinden in die Bahn, aus der er geworfen war. 1994, alle hatten ihn eigentlich abgeschrieben, feierte er bei der WM noch einmal ein Comeback, nach dem 4:0 über Griechenland feierte die Welt die Wiederauferstehung des Diego Armando Maradona. Er schien wieder voll da zu sein, bei seiner vierten Weltmeisterschaft. Ein paar Tage später wurde sein positiver Dopingtest bekannt. Der Nationalspieler Diego Maradona kam danach nicht mehr zurück.

Krankenhausaufenthalte und Trainerstationen wechselten sich ab, bei der WM 2010 in Südafrika entzauberte die Elf von Joachim Löw Argentiniens Team, trainiert von Maradona. All seine Bemühungen, im Trainergeschäft Fuß zu fassen, ob in den Emiraten, in Mexiko oder bei unterklassigen argentinischen Vereinen, sie waren meist von kurzer Dauer. Alkohol, Drogen, Entzug – mal und mal wurde Maradona davon eingeholt. Ein verzweifelter Mensch, mit dem Versuch, sein Leben wieder und wieder in den Griff zu bekommen, wieder und wieder zu scheitern, und die ganze Welt schaute ihm dabei zu.

Seinen 60. Geburtstag hat Maradona Ende Oktober noch begehen können, danach wurde er erneut mit schweren gesundheitlichen Problemen ins Krankenhaus eingeliefert. Und diesmal half nichts mehr, auch nicht das Beten seiner Landsleute. Der Körper, er wollte nicht mehr. Argentinien verordnet sich eine dreitägige Staatstrauer.

Diego Maradona ist jetzt im Himmel. Wie traurig. Aber es ist der Platz, der ihm gebührt.