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Diego Armando Maradona: Wie ein Beatle - oder gleich alle vier

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Ariel Magnus

Diego Maradona Der Ewige

Ariel Magnus
Von Ariel Magnus
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Wenn seine Nationalmannschaft spielt, dann tanzt, trinkt und torkelt Diego Maradona auf der Tribüne - bis er umkippt. Warum verehren wir Argentinier einen so offensichtlich kaputten Typen? Gerade auch deshalb.
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Foto: Maximiliano Luna/Télam

Ariel Magnus, geboren 1975 in Buenos Aires, ist ein argentinisch-deutscher Schriftsteller. Zuletzt erschien sein Roman "Die Schachspieler von Buenos Aires", in dem er die Schacholympiade 1939 und die Geschichte seines Großvaters miteinander verwebt. Die deutsche Ausgabe liegt bei Kiepenheuer u. Witsch vor. Magnus lebt in Buenos Aires.

Erst mal ganz klar vorweg gesagt: Auch vielen, vielen Argentiniern ist Diego Maradona unaussprechlich peinlich. Als Fußballspieler nicht zu übertreffen, das geben sie gerne zu, als "Mensch" aber untragbar, mitunter verwerflich.

Seine ärmliche Herkunft und die unverzeihliche Tatsache, dass er trotzdem reich geworden ist; dann seine Drogensucht, auch wenn die niemandem mehr geschadet hat als ihm selbst; überhaupt sein so wenig gentlemanhaftes Aussehen und Benehmen (ach, hätten wir einen Beckenbauer!); und dazu noch seine Liebe zu Fidel Castro, die in der Folge alle linksorientierten Regierungen der Region erfasste. Diego sammelte genügend Gründe, sich verhasst zu machen. Und trotzdem sieht man die argentinische Fahne in den russischen Stadien, wo die Sonne der Nation von anderen Göttern begleitet ist: Perón - Papst Franziskus - Maradona.

Jede Tat, jedes Wort ist Stoff für Berichterstattung

Argentinien ist ziemlich reich an ehemals weltberühmten Fußballspielern, Batistuta und Caniggia, um nur zwei zu nennen, die aber dann in das mehr oder weniger normale Leben zurückgefunden haben. Maradona hat diesen Schritt nie gewagt, es ist, also ob er immer noch am Ball wäre. Früher mit Tor um Tor, dann mit Skandälchen um Skandälchen. Journalisten angeschossen…, aber halt nur mit einem Luftgewehr. Plötzlich aufgetauchte uneheliche Kinder,… aber doch am Ende anerkannt. Er hat sich einen Platz in der Öffentlichkeit verschafft, der seinesgleichen nicht kennt. Lange vor Twitter lieferte jede Tat und jedes Wort Maradonas Stoff für Berichterstattung.

Und er liefert immer noch. Ob er rückfällig wird oder krank, dicker oder dünner, sich diese oder jene neue Frisur verpasst, sich mit seinen Ex-Frauen oder seinen - wohlgemerkt gut erzogenen und intelligenten - Töchtern streitet, ob er angekommen ist, egal wo, oder rausgeschmissen wurde, egal warum, alles erfahren wir, als ob er Teil der Familie wäre. Der problematische Teil. Und wenn er da ist - im Krankenhaus, im Stadion, im Restaurant - wirkt er wie ein Beatle, oder gar wie alle vier zusammen.

Wieso denn nur? Nicht nur sind seine heldenhaften Fußballtage längst vorbei. Als Trainer, neulich im arabischen Raum, demnächst in Weißrussland, und früher bei der Nationalmannschaft, hat er nicht gerade brilliert (0:4 gegen Deutschland!). Woher also seine dauerhafte, unausweichliche Präsenz, vor allem, wenn es schon wieder WM-Zeit ist? An ausschließlich lächerlichen Figuren verliert sich das öffentliche Interesse schnell. Aber während Fußballspieler und Präsidenten kommen und gehen, Diego bleibt. Und immer im Mittelpunkt der Welt.

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WM-Turnier 1986: Maradona für die Ewigkeit

Foto: DPA

Denn Diegos Thema ist immer Diego. Schon in "La noche del Diez" ("Die Nacht der 10"), seiner TV-Show von 2005, hat er mit sehr berühmten Gästen Interviews geführt, bei denen seine "Fragen" wichtiger waren als deren Antworten. Als Nationaltrainer waren ihm seine Gefühle zu einem kommenden Spiel wichtiger als die Aufstellung. Und heute analysiert er für das venezolanische Fernsehen die WM-Spiele, indem er von seinen eigenen Spielen und seinem eigenen Leben erzählt, gerne in der dritten Person, als handle es sich um einen Heiligen.

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Sieg in der 5. Liga: Die "Hand Gottes" kann es noch

Foto: MARCOS BRINDICCI / REUTERS

Seine Vergötterung und entsprechende Selbstvergötterung rührt zu einem großen Teil von diesem ungehemmten Umgang mit den Kameras und gründet vor allem auf seiner Sprachgewandtheit. Beginnend mit dem Sprachbild von der "Hand Gottes" für sein legendäres, irreguläres Tor gegen England bei der WM 1986 (obschon nicht klar ist, ob die Formulierung von ihm selbst stammt) hat Maradona immer wieder mit geistreichen Aussagen und kuriosen Redewendungen auf sich aufmerksam gemacht.

Seit er nicht mehr Fußball spielt, hat er eine ganze Reihe von mittlerweile von jedermann benutzten Redewendungen und Sprüchen in die argentinische Umgangssprache gepflanzt. Auch in den vergangenen Jahren, in denen der Alkoholkonsum gepaart mit der regelmäßigen Einnahme von Schlaftabletten das Sprachgenie deutlich beeinträchtigt hat, schafft er es immer noch, sich intelligenter zu äußern als die Spieler selbst. Ganz im Kontrast zu Messi, unserem bescheidenen, fast stummen neuen Helden, der gerade auch deswegen auf viele Argentinier dubios und sogar unbehaglich wirken kann. Jede Parallele von Maradona und Messi endet an diesen Kernpunkt der Mediengesellschaft: außerhalb des Spielfeldes, im Guten oder Schlechten, scheint nur einer von beiden seiner Rolle gewachsen zu sein.

Die "Hand Gottes" schlägt bei 57:28 Min. zu

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Und da ist noch etwas. So wie Messi für viele argentinische Fußballfans fast als Ausländer gilt, gilt Maradona als Erzargentinier, auch für die, die ihn verachten (Was kann man schon von einem Land mit solchen Helden erwarten!). Und diese Urargentinität liegt vor allem in der Treue, die in einer Art blinder Unterstützung zum Vorschein kommt. Treue zum Club Boca Juniors (auch wenn er sich mit dessen letzten Idol, Juan Román Riquelme, gestritten hat), zur Nationalmannschaft (auch wenn er sie 1994 durch sein Doping im Stich gelassen hat), zu den Freunden (auch wenn es ständig neue sind), zu seiner Frau (der jeweiligen, immer jünger werdenden), zu den Töchtern (auch wenn er zur Hochzeit nicht kommen will). Diese unerschütterliche Treue (auch wenn sie gelogen zu sein scheint, oder gerade deshalb) macht ihn zu dieser Caravaggio-Ikone des Landes, die man auch am Rande des letzten Spiels der Argentinier bewundern konnte.

Und es ist gerade diese Treue, die man unserem Maskottchen auch erweisen sollte, will man nicht als Nicht-Argentinier dastehen, der den ganzen Spaß aus moralischen oder ästhetischen oder gar politischen Gründen verpasst.