Daniel Raecke

Kommentar zur Champions League Die Antwort heißt Europaliga

6:0, 7:0, 5:0 - Spannung sucht man in der Gruppenphase der Champions League vergeblich. Wenn es um sportlichen Wettbewerb und nicht nur ums Geldverdienen gehen soll, brauchen wir eine europäische Superliga.
Gonzalo Castro (l.) jubelt mit Emre Mor

Gonzalo Castro (l.) jubelt mit Emre Mor

Foto: KACPER PEMPEL/ REUTERS

Eigentlich müsste genau jetzt die Stunde der Champions League schlagen. Auf der ganzen Welt verfolgen die Menschen europäischen Fußball, aber viele der großen Ligen leiden unter immer größer werdenden Leistungsunterschieden. Die Meistertitel von Bayern München, Juventus oder Paris Saint-Germain stehen seit Jahren praktisch vor der Saison fest. In Spanien sind es immerhin drei Teams, die theoretisch Platz eins erobern können, aber einzig in England herrscht echte Spannung, weil das viele Geld, das die dortigen Klubs verdienen, gleichmäßiger über die Liga verteilt wird als anderswo.

Und in der Champions League, dem wichtigsten Wettbewerb des Vereinsfußballs? Barcelona schlägt den schottischen Meister Celtic 7:0, wenige Tage, nachdem der das Glasgower Derby gegen die Rangers 5:1 für sich entschieden hatte. Der FC Bayern hatte mit dem russischen Vizemeister Rostow auch nicht mehr Mühe als mit Werder Bremen. Der BVB führte in Warschau nach 17 Minuten 3:0 und fuhr am Ende mit einem 6:0-Auswärtssieg nach Hause.

Borussia Mönchengladbach, das in der Qualifikation neun Tore gegen die Young Boys aus Bern erzielt hatte, ging bei Manchester City 0:4 unter. Titelverteidiger Real Madrid mag sich beim 2:1 gegen Sporting Lissabon schwergetan haben. Aber das ändert nichts daran, dass die Madrilenen von ihren jüngsten 20 Gruppenspielen in der Champions League 18 gewonnen haben und zweimal unentschieden spielten. Die beiden Remis gab es auswärts bei Juventus und PSG.

Die Wahrheit ist: Auch die Champions League wird, von wenigen Ausnahmen abgesehen, erst ab dem Viertelfinale wirklich interessant, wenn Europas Top-Teams aufeinandertreffen.

Es gibt ein Leben nach der Champions League

Was wären die Alternativen? Die immer wieder erhobene Forderung, die Gruppenphase abzuschaffen und wie vor Jahrzehnten einen reinen K.o.-Wettbewerb auszutragen, ist unrealistisch: Entweder es gäbe eine Setzliste wie beim Tennis, dann hätte man aber auch erst am Saisonende Top-Spiele. Oder große Klubs würden das Risiko eingehen, bei Lospech eventuell nur ein einziges Heimspiel in der Saison zu bestreiten. Das hat mit einem Geschäftsmodell für Profisport heutzutage nichts zu tun.

Darüber hinaus ist ein K.o-Wettbewerb nicht per se attraktiver als ein Ligamodus. Ist der DFB-Pokal attraktiver als die Bundesliga? Das Gegenteil ist der Fall: Eine Liga, die sich über ein ganzes Jahr erstreckt, interessiert viel mehr, weil die eigene Mannschaft gegen jeden Klub antreten muss und so eine gemeinsame Öffentlichkeit geschaffen wird. Deshalb funktionieren Managerspiele und Tipprunden.

Der Weg nach vorne zu mehr Spannung und Attraktivität im europäischen Spitzenfußball wäre also eine echte Europaliga. Dieses Konzept mag in einer Welt, in der viele die Rückbesinnung auf Nationalstaaten als Allheilmittel preisen, nicht jedem gefallen. Sportlich wäre es aber ein Quantensprung.

Dieser Modus würde funktionieren

Damit eine solche Superliga funktionieren kann, müsste sie die einzige Liga sein, in der ihre Teams spielen. Sie müsste also zum Beispiel 20 Teams und 38 Spieltage umfassen und an Wochenenden ausgetragen werden. Die Pokalwettbewerbe in den einzelnen Ländern könnten derweil unter der Woche ausgetragen werden und auch die Europaliga-Teilnehmer einschließen, sodass Bayern oder Juventus weiterhin auch auf nationaler Ebene aktiv sind.

Damit die Liga allgemein akzeptiert wird, müsste es unbedingt eine Auf- und Abstiegsregelung geben, die es theoretisch jedem Verein in Europa erlaubt, irgendwann in diese Klasse aufzusteigen. Das ginge wohl nur über eine zweite Spielklasse, in der dann vielleicht 40 Klubs in zwei regionalen Staffeln spielen. In diese wiederum könnte man aus den nationalen Ligen über Aufstiegsrunden aufsteigen.

Wie viele deutsche, englische oder bulgarische Klubs in einer solchen Europaliga spielen, das würde sich auf Dauer nicht über Uefa-Quoten regulieren, sondern rein sportlich. Genau so sollte es im Fußball sein.

Natürlich hätte eine solche Europaliga auch Verlierer. Durchschnittliche Bundesligisten spielen vielleicht lieber zweimal im Jahr gegen Bayern, als die nur im Fernsehen zu sehen. Das ist aber nicht der "wahre Fußball". Der HSV zum Beispiel nimmt zwischen 80 und 100 Euro pro Sitzplatzkarte   für ein Spiel gegen Bayern, das sportlich beim Anpfiff praktisch schon entschieden ist.

Sicher ist: Die jetzige Organisationsform des Profifußballs ist zutiefst dysfunktional. Aus Angst vor jeder Veränderung die bestehenden Wettbewerbe einfach durchzuschleppen, solange nur an allen Ecken und Enden irgendwie Geld verdient wird, ist ein Verrat am Wesen des sportlichen Wettbewerbs und ein Betrug am Zuschauer. Die Antwort darauf besteht nicht darin, sich wieder in die Siebzigerjahre zurückzuträumen, sondern eine zeitgemäße Lösung für den Profifußball zu finden, den es heute gibt.