Heckings Aus in Wolfsburg Aus der Traum

Im vergangenen Jahr wurde der VfL Wolfsburg als neuer Bayern-Verfolger gehandelt. Seitdem ging es abwärts. Trainer Dieter Hecking konnte diesen Trend nicht abwenden - und musste gehen.

Dieter Hecking
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Dieter Hecking

Aus Wolfsburg berichtet


Am Sonntagabend beim Spiel gegen Leipzig, gab es noch einmal den Soundtrack besserer Zeiten zu hören. Der VfL Wolfsburg verlor 0:1, es war die nächste Niederlage einer bislang verheerenden Saison für den Bundesligisten. Und nachdem die Fans in der Nordkurve des Wolfsburger Stadions ihre Unzufriedenheit kundgetan ("Wir haben die Schnauze voll!") und die Ablösung des Trainers gefordert hatten (" Dieter Hecking raus!"), wurden sie sarkastisch. Sie machten sich über ihren Verein lustig, sangen vom Europapokal und feierten einen Mann, der die Wolfsburger zumindest für einen Sommer zum Verfolger des FC Bayern gemacht hatte.

Sie sangen: "Ooooooooooh, Kevin De Bruyne!"

Und tatsächlich muss noch einmal an den Offensivmann aus Belgien erinnert werden. Jetzt, wo der Wolfsburger Traum von der zweiten Kraft im Land in Trümmern liegt und Trainer Hecking seinen Posten räumen musste, wie von den Fans gewünscht. De Bruyne war der Hauptdarsteller der Wolfsburger Erfolgssaison 2014/2015 mit dem Pokalsieg, der Vizemeisterschaft und dem Einzug in die Champions League. Er steuerte das Umschaltspiel, der VfL war von seinen Künsten abhängig.

Wie groß diese Abhängigkeit war, zeigte sich nach De Bruynes Weggang zu Manchester City im Sommer des vergangenen Jahres. Und genau diese Abhängigkeit wurde Hecking im Nachhinein zum Verhängnis. Der Trainer hat es nicht geschafft, den Verlust des besten Mannes mit guter Trainerarbeit aufzufangen. Oder, um es in der Fachsprache auszudrücken: Er hat es nicht geschafft, der Mannschaft eine Handschrift zu geben.

Krise mit System

Bei wohl keinem anderen Klub in der Bundesliga ist der Graben zwischen Anspruch und Wirklichkeit seit mehr als einem Jahr so tief wie beim VfL. Der Verein will zu den besten vier Mannschaften Deutschlands gehören, dieses Ziel propagiert Manager Klaus Allofs mit bemerkenswerter Penetranz. Die Mittel dafür stellt Mutterkonzern Volkswagen zur Verfügung. Doch in der vergangenen Saison verpassten die Wolfsburger den Europapokal, in dieser Spielzeit stehen sie bisher noch schlechter da.

Es gibt Mannschaften, die sind mehr als die Summe ihrer Einzelteile. Der 1. FC Köln zum Beispiel oder Hertha BSC. Das Wolfsburger Team ist nicht annähernd so gut, wie es eigentlich sein müsste, und das nicht erst seit ein paar Wochen. Die Krise des VfL ist nicht mit Verletzungspech, mangelndem Glück im Torabschluss oder dem Umbruch in diesem Sommer zu erklären. Sie hat System.

Hecking ist es nicht gelungen, aus einer Sammlung talentierter Einzelkönner mit nicht gerade platzsparendem Ego und einem kühlen Verhältnis zum Standort Wolfsburg eine funktionierende Einheit zu machen. Er vermochte es nicht, Spieler wie Max Kruse, André Schürrle, Julian Draxler und Mario Gomez zu Höchstleistungen zu inspirieren, wirkte überfordert von dem Überangebot an Spitzenspielern in seinem Kader. Und er scheiterte an veränderten Umständen.

Kein Mann für Favoritenfußball

Mit De Bruyne konnte es sich die Mannschaft leisten, dem Gegner das Spiel zu überlassen. Nach Ballgewinn schaltete sie rasend schnell um, und dann war der Ball auch schon im Tor. Außenseiterfußball in Vollendung. Seit der vergangenen Saison geht das nicht mehr. Die Wolfsburger haben vermehrt den Ball, müssen das Spiel machen. Dafür hatte Hecking keinen Plan, zumindest keinen, der funktionierte. Der Trainer kann keinen Favoritenfußball. Das wurde im trüben Liga-Alltag offensichtlich, gegen Mannschaften wie Werder Bremen, Darmstadt oder Mainz.

Gute Leistungen wirkten eher wie Zufälle oder waren den besonderen Umständen geschuldet. Bestes Beispiel ist das 2:0 gegen Real Madrid im Viertelfinal-Hinspiel der Champions League in der vergangenen Saison, einer der größten Siege überhaupt in der VfL-Historie. Er kam zustande, weil sich die Wolfsburger Profis auf großer Bühne zeigen wollten, weil sie die Chance wahrnahmen, die dieser Abend jedem einzelnen von ihnen bot. Eine Leistung des Trainers war dieser Sieg nicht. Als es im Rückspiel darauf ankam, die Mannschaft sturmfest zu machen gegen die wütenden Madrilenen, scheiterte Hecking. Der VfL ging unter und schied aus.

Fast vier Jahre war Hecking Trainer in Wolfsburg. Er hat dem Klub in dieser Zeit den Traum vom Aufstieg zu einer Spitzenmannschaft geschenkt. Doch seine Fähigkeiten als Trainer reichten nicht, um diesen Traum wahr werden zu lassen.



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