Nach Eklat in Hoffenheim Das Hopp-Dilemma des DFB

Der DFB hat sich mit seinem Durchgreifen am Samstag in Hoffenheim selbst unter Zugzwang gesetzt. Wenn Verband und Fans künftig nicht aufeinander zugehen, drohen chaotische Verhältnisse beim Spielbetrieb.
Dietmar Hopp

Dietmar Hopp

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Jan Huebner/Meiser via www.imago-images.de/ imago images/Jan Huebner

Michael Gabriel gehört nicht zu den Aufgeregten in der Szene, dazu hat der Chef der Koordinationsstelle Fanprojekte auch schon zu viel erlebt. Seit mehr als 25 Jahren kümmert er sich um Fanbelange, auch darum, Konflikte zu moderieren. Die gab es immer zwischen DFB, DFL und den aktiven Fußballfans im Stadion. Aber jetzt scheint auch für Gabriel der Punkt erreicht, alarmiert zu sein. Nach den Vorfällen vom Wochenende in Hoffenheim um die Transparente gegen Geldgeber Dietmar Hopp befürchtet Gabriel "eine Spirale der Eskalation". Eine Eskalation, in die alle Beteiligten sehenden Auges hineingelaufen sind.

Das Absurde an der Geschichte um Hopp und die Fans ist ja, dass das Thema eigentlich längst abgekühlt war. Zwar galt und gilt Hopp vielen in der Kurve immer noch als eine Symbolfigur, als ein Gentrifizierer des Fußballs. Seine Vernetzung mit dem DFB und den Offiziellen des FC Bayern sehen viele zudem mit Argwohn. Aber die Traditionsfans hatten sich längst vom Feindbild Nummer eins Hoffenheim verabschiedet und dem aktuelleren und drastischeren Feindbild RB Leipzig mit seiner skurrilen Vereinsstruktur zugewandt. Bei den meisten Partien Hoffenheims in der Liga spielt das Thema Hopp auch in den Kurven keine Rolle mehr. 1899 ist seit nunmehr zwölf Jahren in der Fußball-Bundesliga, da greift auch der Gewöhnungseffekt.

Die Gegnerschaft Hopp versus Fans wurde eigentlich nur noch bei Borussia Dortmund mit einer gewissen Penetranz weitergetragen, eine mittlerweile zehn Jahre alte, ganz eigene Geschichte, die sich über die Zeit aufgeschaukelt hat, voller Verwundungen, aber auch schon voller Vernarbungen.

Und plötzlich ist Hopp wieder das denkbar grellste Thema der Bundesliga, Fans des FC Bayern und von Borussia Mönchengladbach haben die Anti-Hopp-Stimmung aufgenommen, der DFB greift über die Schiedsrichter hart durch und hat noch schärfere Reaktionen angedroht - Spielabbrüche sind nun eine reale Option. Die Eskalation ist da, und dass es so weit gekommen ist, ist hausgemacht.

Die Kollektivstrafe ist zurück

2017, noch unter DFB-Boss Reinhard Grindel, hatte sich der Verband an sich vom Thema Kollektivstrafen verabschiedet. Und noch am Freitag ließ der DFB auf seiner Website "aktuelle Fragen und Antworten" in der Causa Hopp veröffentlichen  - unter der Überschrift "Zuschauerausschlüsse sind immer nur das letzte Mittel". Dieses letzte Mittel hatte der DFB allerdings zuvor bei Fans von Borussia Dortmund angewendet. 2018 hatte das Sportgericht eine Kollektivstrafe gegen BVB-Fans in ihrem Dauerzwist mit Hopp verhängt, wenn auch zunächst noch zur Bewährung ausgesetzt.

Dadurch, dass Dortmunder Anhänger in der Hinrunde beim Spiel in Hoffenheim erneut Anti-Hopp-Plakate zeigten (man darf davon ausgehen, in vollem Bewusstsein um die Konsequenzen), musste der DFB diese Bewährung aufheben, um sein Gesicht zu wahren. Die Kollektivstrafe ist verhängt. Und der DFB nunmehr im Dilemma.

Dass sich Fans anderer Vereine mit den BVB-Anhängern solidarisieren würden, war absehbar. In der Ablehnung des Investorenfußballs sind sich auch Fans von Schalke 04 und Bayern München mit dem Dortmunder Anhang einig, so sehr sie sonst verfeindet sein mögen. Und der Verband, der seit der Vorwoche, als Gladbacher Anhänger das Hopp-im-Fadenkreuz-Plakat gezeigt hatten, Reaktionen angekündigt hatte, musste am Samstag nach seiner eigenen Logik durchgreifen, um nicht als Papiertiger dazustehen.

Spielabbrüche programmiert?

Damit hat sich der DFB allerdings selbst ein ziemlich großes Problem geschaffen: Am morgigen Dienstag zum Beispiel spielen im DFB-Pokal Schalke 04 und Bayern München gegeneinander. Solidarisierungen der Schalke-Fans mit den Bayern-Anhängern sind dann nicht gerade unwahrscheinlich. Zudem hat auch Schalke, wenn auch auf ganz anderer Ebene, eine umstrittene Figur mit Aufsichtsratsboss Clemens Tönnies. Wie würde der DFB bei Anti-Tönnies-Plakaten reagieren? Am Mittwochabend empfängt Eintracht Frankfurt Werder Bremen. Die Frankfurter Fans stehen mit dem DFB seit Jahren auf Kriegsfuß. Kaum vorstellbar, dass sie sich die Gelegenheit nehmen lassen, dies rund um das Spiel auch deutlich zu machen.

Am Samstag dann steht die Partie zwischen den beiden Borussias aus Mönchengladbach und Dortmund auf dem Spielplan. Abbruch programmiert? Man kann das so weiterführen.

Dass die mediale Wucht, mit der ab Samstag Teile der Öffentlichkeit auf die Fanszene losgegangen sind, dass die rassistischen Morde von Hanau und die Hopp-Beleidigungen in Zusammenhang gebracht wurden, dass die Kritik an dem Sponsoring Hopps dadurch völlig in den Hintergrund geriet und der Geldgeber nur noch als Wohltäter gefeiert wird: All das dürfe bei vielen Fans eher Gegendruck erzeugen. Das vergangene Wochenende war wahrlich kein Hochfest der Verhältnismäßigkeit.

DFB-Präsident Fritz Keller hat bei seinem wenig souveränen Auftritt im "Aktuellen Sportstudio" am Samstag konsequente Reaktionen auf Beleidigungen von der Tribüne für die Zukunft angekündigt und die auch mit einem Interview auf der DFB-Website von Sonntag nochmals bekräftigt . Der DFB hat sich damit selbst in Zugzwang gebracht. Die Geister, die er rief, die wird er nun nur noch schwer los.

Fan-Experte Gabriel sagt, man müsse versuchen, wieder ins Gespräch zu kommen: "Wenn das nicht passiert, dann steht tatsächlich die Befürchtung, dass wir auf sehr unruhige Zeiten zusteuern." Alle beteiligten Seiten müssten eigentlich jetzt einen Schritt zurückgehen. Die Fans, der Verband, vielleicht auch Hopp. Es spricht zurzeit wenig dafür, dass das passiert.

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