Hendrik Buchheister

Schmähungen in der Bundesliga Die Fankurve ist kein Literaturklub

Der Anwalt von Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp fordert Spielabsagen bei Beleidigungen aus der Fankurve. Das ist zwar Unsinn - doch auch die Fans müssen sich hinterfragen.
Fans des 1. FC Köln

Fans des 1. FC Köln

Foto: Bongarts/Getty Images

Das Ergebnis der Partie des 1. FC Köln gegen die TSG Hoffenheim dürfte schnell wieder vergessen sein (zur Erinnerung: Hoffenheim gewann 3:0), stattdessen hat das Spiel dem deutschen Fußball die nächste Episode einer Debatte hinterlassen, die schon länger köchelt. Sie dreht sich um die Frage, wie viel und welche Art der Fankritik an Verbänden, Vereinen und Funktionären (in Köln an Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp) zulässig ist, was sich die Institutionen im emotionalen Milliarden-Zirkus Bundesliga gefallen lassen müssen und was nicht.

Es gab wieder einmal massive Schmähungen gegen Hopp, weshalb dessen Anwalt Christoph Schickhardt in der "Bild"-Zeitung die Forderung formulierte, dass Spiele künftig nicht angepfiffen werden sollten, wenn beleidigende Banner in der Kurve hängen. Und da es seinen Worten nach egal ist, ob sich diese Schmähungen gegen Hannovers Klubchef Martin Kind, gegen Schiedsrichter, RB Leipzigs Sportchef Ralf Rangnick oder eben Hoffenheims Geldgeber Hopp richten, entsteht der Eindruck, dass hier grundsätzlich Kritik unterbunden werden soll.

Die Forderung ist Unsinn, sie ist es aus zwei Gründen.

Erstens ist sie in der Praxis nicht umsetzbar. Fußballfans, vor allem der harte Kern, die Ultras, wollen sich nicht sagen lassen, wie sie sich zu verhalten und auszudrücken haben. Sie fühlen sich durch Vorschriften und Verbote nicht abgeschreckt, sondern herausgefordert. Das zeigt das Beispiel Pyrotechnik, die trotz Verbots immer wieder zum Einsatz kommt. Mittlerweile vor allem, um Vereine und Verbände zu provozieren, und um zu zeigen, dass Fans ohnehin machen, was sie wollen. Ziemlich sicher würden auch Schmähungen gegen Hopp und andere Funktionäre zunehmen und noch heftiger ausfallen, wenn sie stärker unter Strafe gestellt werden würden.

Banner der Kölner gegen Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp

Banner der Kölner gegen Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp

Foto: Marius Becker/ dpa

Das soll kein Plädoyer für Anarchie in der Kurve sein. Doch es ist wichtig, die Verhältnismäßigkeit zu wahren. Und Spiele mit Zehntausenden Zuschauern wegen einzelner geschmackloser Plakate oder Gesänge abzubrechen oder möglicherweise die Polizei in den Fanblock zu schicken und damit Ausschreitungen und Verletzte zu riskieren, ist nicht verhältnismäßig.

Der zweite Grund ist prinzipieller Natur. Funktionäre und Verbände müssen Kritik aushalten können, sie müssen damit leben, wenn die Kundschaft in der Kurve unzufrieden ist oder andere Vorstellungen davon hat, wie ein Fußballverein funktionieren sollte. Das Recht auf Meinungsäußerung gilt auch im Stadion. Niemand muss die verbissene Abneigung einiger Fans gegen Hoffenheim oder RB Leipzig teilen oder der Auffassung sein, dass dem DFB mit "Krieg" zu begegnen ist. Doch der Fußball sollte souverän genug sein, mit dieser Kritik, auch mit diesen Provokationen umzugehen.

Allerdings sollten auch die Fans die Wahl ihrer Mittel hinterfragen. Natürlich, es bedarf einer gewissen Lautstärke, um gehört zu werden, außerdem ist die Fankurve kein Literaturklub. Doch die in vielen deutschen Stadien gängige und in Köln mit entsprechenden Bannern hinterlegte "Sohn einer Hure"-Rhetorik ist blanker Sexismus, der sich nicht rechtfertigen lässt - auch nicht damit, dass es im Stadion nun einmal rauer zugehe. Auch rassistische und homophobe Beleidigungen haben in den vergangenen Jahren beim Fußball abgenommen, und das aus sehr guten Gründen.

Das ist allerdings nicht in erster Linie durch Strafen und Verbote passiert, sondern durch eine Art Zivilisierung der Kurven aus sich selbst heraus, durch Reflexion und Aufklärung, woran an vielen Standorten Ultras maßgeblich beteiligt waren. Es wäre wünschenswert, dass sich in Fankurven die Erkenntnis durchsetzt, dass man kritisieren und auch provozieren kann, ohne zu diskriminieren.

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