Digitales Scouting Wunderstürmer gesucht

Weltweit durchforsten Fußballclubs die Ligen auf der Suche nach neuen Spielern. In Zeiten eines globalisierten Transfermarkts ein hart umkämpftes Geschäft. Bei der Suche nach dem Star von morgen nutzen Vereine daher immer häufiger Datenbanken und Analysen am Computer.
Barça-Stürmer Ibrahimovic: Noch keine Computeranimation

Barça-Stürmer Ibrahimovic: Noch keine Computeranimation

Foto: PIERRE-PHILIPPE MARCOU/ AFP

Die Ansprüche an den gesuchten Wunderstürmer sind hoch. Nicht nur bei der Zahl seiner erzielten Treffer soll er zum oberen Drittel in Europa gehören, sondern auch bei den Torschüssen und deren Genauigkeit. Damit man auch in Zukunft noch etwas von ihm erwarten kann, darf er außerdem nicht älter als 25 Jahre sein.

Das Computerprogramm in der Geschäftsstelle von Borussia Dortmund braucht nur wenige Sekunden, um eine Vorschlagsliste mit geeigneten Spielern zu erstellen. Sven Mislintat, der Chefscout des Bundesligisten, wirft einen kurzen Blick darauf und sagt: "Auf diese Weise finde ich Spieler mit offensichtlicher Qualität - aber nicht nur." Ganz oben auf der Liste steht zwar der argentinische Weltstar Lionel Messi vom FC Barcelona, doch auch der international weitgehend unbekannte Kevin Gameiro vom französischen Erstligisten Lorient gehört zu der exklusiven Auswahl.

Mislintat, 37, zerzaust und unrasiert wie Dortmunds Cheftrainer Jürgen Klopp, testet in seinem Büro am Ruhrschnellweg ein neues Computerprogramm, das im Sommer auf den Markt kommen wird. Der "Recruiter" wurde von der französischen Spielanalyse-Firma Amisco entwickelt und geht einen neuen Weg bei der Spielersuche. Mislintat kann dazu ein Wunschprofil festlegen und mehr als 30 Kriterien kombinieren, von Position, Alter und Körpergröße bis zu taktischen Werten etwa im Kopfballspiel oder bei Flanken. Die Software durchforstet daraufhin die Daten von 3000 Spielern aus der ersten und zweiten Bundesliga in Deutschland sowie den Top-Ligen in England, Frankreich, Spanien, Italien und der Schweiz nach den besten Kandidaten.

Datenbank mit hunderttausend Spielern aus 135 Ländern

Vielen Trainern und Managern dürften angesichts der Vorstellung die Haare zu Berge stehen, dass ein Computerprogramm die Suche nach Spielern lenken soll. Denn selbst ein so erfolgreicher Coach wie Felix Magath von Schalke 04 verlässt sich bei Transfers weiterhin vor allem auf sein Netzwerk aus Tippgebern, Beratern und Informanten. Doch auf dem uferlos gewordenen Transfermarkt werden digitale Hilfsmittel zunehmend wichtiger.

Einem Bundesligisten wie Borussia Dortmund werden im Jahr mehr als 2500 Spieler aus aller Welt angeboten. Um solch eine Informationsflut kanalisieren zu können, bedient sich eine wachsende Zahl von Vereinen auf dem unaufhörlich wachsenden Markt für statistische Daten und Spielmitschnitte.

Die Firma Scout 7 aus dem englischen Birmingham ist international einer der größten Anbieter und verfügt über eine Datenbank mit hunderttausend Spielern aus 135 Ländern. Dort kann man mit wenigen Klicks nachschauen, ob ein angeblicher Goalgetter aus Peru wirklich torgefährlich ist oder schon seit Monaten auf der Bank sitzt. Das spart Zeit und unnötige Reisen.

Transfermarkt komplett globalisiert und immer umkämpfter

Gut hundert europäische Vereine sind inzwischen bereit, für solche Spielerinformationen 15.000 bis 70.000 Euro im Jahr zu bezahlen. Seit vergangenem Herbst ergänzt das Münchener Unternehmen Xeatre das System um bewegte Bilder. Rund 6000 Spiele aus 32 Ländern stehen bereits im System, jede Woche kommen 250 neue hinzu. Statt sich auf von Spielerberatern mit dramatischer Musik unterlegte Highlight-Videos vermeintlicher Stars zu verlassen, können die Scouts so ungeschminktes Material anschauen.

"Wir sehen unser System als Filter", sagt Lee Jamison, der Geschäftsführer von Scout 7. Sein Unternehmen profitiert davon, dass der Transfermarkt inzwischen nicht nur komplett globalisiert, sondern auch immer umkämpfter wird. Die meisten Bundesligisten haben ihre Scoutingabteilungen in den vergangenen Jahren massiv vergrößert, allein die Dortmunder Talentsucher schauen sich gut 700 Spiele pro Jahr im Stadion an und ein Vielfaches auf Video. Dennoch reichen ihre Möglichkeiten nicht an die englischen Spitzenclubs heran, die bis zu drei Millionen Euro pro Saison ausgeben, um den Spielermarkt zu analysieren.

"Menschliches Auge ist unersetzlich"

Die Suche nach dem richtigen Spieler ähnelt dabei immer mehr der von Börsenanalysten nach unterbewerteten Aktien. Ist der unbekannte Franzose aus Lorient, den das "Recruiter"-Programm aufgespürt hat, eine solche? Muss man Kevin Gameiro also schnell unter Vertrag nehmen, bevor er unbezahlbar wird? Dortmunds Chefscout Mislintat arbeitet zwar schon lange mit Computern, dämpft aber zu große Erwartungen an das digitale Scouting: "Wir müssen Potentiale statt Ist-Zuständen erkennen, und dabei ist das menschliche Auge unersetzlich."

Wie die Daten eines Spielers sich in der Zukunft und dann auch noch bei einer anderen Mannschaft entwickeln werden, das vermag auch die ausgefeilteste Software nicht hochzurechnen. Dazu bedarf es weiterhin der Erfahrung erfahrener Späher. Allerdings bedienen sich die ersten Vereine in England schon solcher Mitarbeiter, die sich am Computer geschult haben. Zwei Scouts wurden dort bei einem Hersteller von Videospielen abgeworben, weil ihre Bewertungen von Spielern der Premier League sich als so präzise erwiesen hatten.

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