Doping "Fußball ist keine 'Nicht-Risiko-Sportart'"

Tim Meyer, Arzt der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, ist der Meinung, Ausdauer spiele im Fußball kaum eine Rolle. Die Einführung eines Blutpasses zum Aufdecken von Epo- oder Blutdoping sei unnötig. Dem widersprechen jedoch andere Mediziner - und frühere Aussagen Meyers selbst.

DFB-Arzt Meyer (l.), Spieler Hummels, Mediziner Müller-Wohlfahrt: "Fußball ist komplex"
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DFB-Arzt Meyer (l.), Spieler Hummels, Mediziner Müller-Wohlfahrt: "Fußball ist komplex"


Fußballnationalspieler Philipp Lahm läuft im Durchschnitt mehr als 14 Kilometer pro Spiel, sein Mannschaftskollege, Angreifer Marco Reus, kommt immerhin auf rund zehn Kilometer. Auf 90 Minuten Spielzeit gerechnet machen sie einem Langstreckenläufer mit diesen Distanzen nicht wirklich Konkurrenz. Doch ohne langen Atem hätten beide Profis in ihrem Beruf ein Problem.

Fußball ist keine reine Ausdauersportart, weitere konditionelle Fähigkeiten wie Kraft, Kraftausdauer und Beweglichkeit, Koordination, Technik und Spieltaktik sind entscheidend. Laut Tim Meyer, dem Teamarzt der Nationalmannschaft des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), ist Fußball eine "komplexe Sportart" und die Manipulation des Blutes zur Verbesserung der Ausdauerleistung eines Fußballers daher unwahrscheinlich. In einem Interview auf der Verbands-Internetseite sagte er kürzlich: "In anderen Sportarten wie Schwimmen, Radsport oder Nordischem Skisport dominiert viel stärker als im Fußball die Ausdauer."

Der Mediziner und der DFB sehen deshalb keine Notwendigkeit, einen Blutpass für Fußballprofis in Deutschland einzuführen. Die Basis für solch einen Pass bilden mehrere Blutproben: Anhand der wiederholten Bestimmung der gleichen Parameter wie den Hämoglobin-, Hämatokrit- oder dem Retikulozytenwerten lässt sich der individuelle Normalbereich eines Sportlers festlegen. Wenn bei einer weiteren Probe eine deutliche Abweichung von diesem Normalwert auftritt, besteht der Verdacht der Manipulation; den direkten Beweis eines Dopingmissbrauchs liefert ein Blutpass nicht.

Urintests als probates Mittel gegen Doping im Fußball

"Diese Profile zielen ausschließlich auf Ausdauer-Doping, also auf Epo oder Blutdoping. Uns scheinen aber anabol wirksame Substanzen nach wie vor die im Fußball wahrscheinlichste Klasse von Dopingmitteln", sagt Meyer. Punktuelle Blutkontrollen und Urintests seien daher weiterhin das probate Mittel, um Doping im Fußball direkt nachweisen zu können.

Damit widerspricht Meyer sich allerdings ein Stück weit selbst, hat er doch noch vor zwei Jahren in seiner Studie "Routine Blood Parameter in Elite Soccer Players" darauf verwiesen, dass sich die Entwicklung der Ausdauerfähigkeit bei Fußallprofis über eine Saison hämatologisch, also bezogen auf die Blutzusammensetzung, ähnlich zu derjenigen von Ausdauersportlern verhält. (Lesen Sie hierzu mehr im Text "DFB-Arzt misst auffällig hohe Blutwerte bei Fußballprofis").

Der Mainzer Sportmediziner und Dopingforscher Perikles Simon gibt seinem Kollegen in dessen Einschätzung prinzipiell recht: "Für die grobe Masse der Spieler trifft es zu, dass Doping mit Steroiden wahrscheinlicher ist. Gerade in Erholungsphasen nach einer Verletzung, wenn der finanzielle Druck enorm ist", sagt Simon SPIEGEL ONLINE. Doch es gebe auch Sportler, die speziell unter Schwächen im Ausdauerbereich litten, "und diese profitieren natürlich von Epo- oder Blutdoping", sagt er. "Es ist deshalb nicht richtig, Fußball als 'Nicht-Risiko-Sportart' einzuschätzen."

Simon verweist zudem auf das jüngste Bekanntwerden verschiedener Dopingfälle im Fußball, "in denen es um Epo ging": Die italienischen Gerichtsakten etwa, die darlegen, dass die Champions-League-Sieger 1996 von Juventus Turin positiv auf das Hormon getestet wurden, oder der Untersuchungsbericht des französischen Senats, der sich auch mit Doping im Fußball im Jahr 1998 beschäftigt. "Mich verwundern Meyers Aussagen insofern, als dass er früher bereits gesagt hat, dass Ausdauer durchaus eine Rolle im Fußball spiele", sagt Simon.

Fragwürdiges Verhältnis von Risiko und Erfolg

Doch auch er sieht regelmäßige Blutkontrollen im Sport nicht völlig unkritisch: "Es sind Experten, die die Blutpässe begutachten und Einschätzungen liefern - und womöglich über Schicksale entscheiden. Das hat im Millionengeschäft Fußball erhebliche Konsequenzen." Zudem sei jede Blutentnahme mit einer Nadel ein Eingriff in den Körper des Athleten. "Man muss sich fragen: Steht das Risiko in einem Verhältnis zum einem möglichen Erfolg?" Simon plädiert deshalb auf eine Ausweitung der Urinkontrollen, gerade während der Genesungsphasen und nicht nur rund um einen Wettkampf.

Das fordert auch Clemens Prokop, Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV): "Wir lassen bei unseren Athleten über das ganze Jahr rund 1500 Tests im Training durchführen, etwa dreimal soviel wie der DFB", sagt er. Zusätzlich sähen er und andere deutsche Sportverbände aber im Blutpass ein effektives Mittel zur Dopingbekämpfung. "Die Sportler fühlen sich rund um die Uhr überwacht, auch, weil sie nicht wissen, wann sie getestet werden. Natürlich ist der Pass deshalb auch eine Warnung, aber eine, die Wirkung zeigt."

Eine Warnung, die sich Verband und die Nationale Anti-Doping-Agentur Nada allerdings einiges kosten lassen, denn für einen Blutpass sind mindestens drei Proben pro Jahr, besser fünf notwendig. "Der logistische Aufwand ist enorm", sagt Simon, "ein Blutprofil für jeden Fußballprofi in Deutschland anzulegen, ist finanziell kaum möglich." Erst recht nicht für eine Nada, die gerade um ihr Überleben kämpft.



insgesamt 7 Beiträge
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albharms 30.08.2013
1. keine Kommentare?
...interessant, bei Radsportberichten wird immer gleich von den Pharmawettbewerben gesprochen. Gibts natürlich im Fussball nicht. Macht ja auch keinen Unterschied, ob ich in der 85. Min. den Sprint noch voll durchziehe, oder?
h_harz 30.08.2013
2. Doch
Da Fußball DAS Zugpferd ist, tun sich die Damen und Herren, und wohl auch viele Reporter, schwer mit dem Thema und irgendwie interessiert es ja auch keinen. Diego Maradona könnte auch gut die Schnee Nase genannt werden, anstatt die Hand Gottes, der große, tolle neue Bayern Trainer Guardiola war in seiner aktiven Zeit als überführter Doping Sünder gesperrt.... egal, Jugendsünden, interessiert keinen. Wird ignoriert, totgeschwiegen und Der DFB unterstützt das ganz offen, ja, auch Funktionäre haben gerne die Taschen voller Geld, auch im Fußball. Wie war das noch, bei der Untersuchung der Franzosen? Auf Anweisung der Uefa (oder war es die Fifa) wurden schnell alle vorhandenen Urin- und Blutproben aus dem gefragten Zeitraum vernichtet, bevor da jemand zu genau reinguckt. Beim Radsport sieht das anders aus, da weiß sofort jeder Stammtisch Besucher und Möchtegern Analytiker auf's Beste Bescheid: Alles Gauner, alles Betrüger, am besten alle einsperren. Wie weit das geht, wird einem bewusst, wenn man sieht wie viele Artikel auf SPON sich heute mit dem Fußball befassen. Das Toni Martin, immerhin amtierender und mehrfacher Zeitfahr-Weltmeister, engagierter Anti Doping Kämpfer und einer der besten "Roller" der Welt, gestern bei der Vuelta eine absolut unglaubliche Leistung vollbracht hat und eine gesamte Etappe lang, alleine vorne weg gefahren ist, 175 Kilometer weit und dass er so unglaubliches Pech hatte und ca. 30 Meter(!) vor dem Ziel doch noch vom Feld eingeholt wurde und "nur" 7. wurde, findet sich hier mit keiner Silbe. Schade eigentlich. Aber wie sagte es schon ein Radprofi beim Giro, als ein Reporter fragte, ob man wegen des schlechten Wetters (Schneeregen) die Etappe nicht ausfallen lassen sollte: Wir sind doch keine Fußballer.... Nichts für ungut.
eine_frage_noch 30.08.2013
3. Hochnotpeinlich
Zitat von sysopGetty ImagesTim Meyer, Arzt der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, ist der Meinung, Ausdauer spiele im Fußball kaum eine Rolle. Die Einführung eines Blutpasses zum Aufdecken von Epo- oder Blutdoping sei unnötig. Dem widersprechen jedoch andere Mediziner - und frühere Aussagen Meyers selbst. http://www.spiegel.de/sport/fussball/doping-fussball-ist-keine-nicht-risiko-sportart-a-919348.html
Ausdauer spielt im Fußball keine Rolle und die Erde ist eine Scheibe.
countrushmore 30.08.2013
4.
Sehr verdächtig, dass er sich gegen die Einführung eines Blutpasses ausspricht.
helmutderschmidt 30.08.2013
5. Skandalös und Menschen-verdummend ist diese Aussage!!!
Zitat von sysopGetty ImagesTim Meyer, Arzt der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, ist der Meinung, Ausdauer spiele im Fußball kaum eine Rolle. Die Einführung eines Blutpasses zum Aufdecken von Epo- oder Blutdoping sei unnötig. Dem widersprechen jedoch andere Mediziner - und frühere Aussagen Meyers selbst. http://www.spiegel.de/sport/fussball/doping-fussball-ist-keine-nicht-risiko-sportart-a-919348.html
Skandalös und Menschen-verdummend ist diese Aussage!!!
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