Dopingkontrollen Der Fall Thiago offenbart große Lücken

Thiago vom FC Bayern verpasst eine Dopingkontrolle - und bleibt unbestraft. Dabei halten der Spieler, sein Klub, der DFB und auch die Nationale Anti-Doping-Agentur alle Regeln ein. Ist das System dann aber nicht lückenhaft?
Thiago Alcántara vom FC Bayern München

Thiago Alcántara vom FC Bayern München

Foto: David Ramos/ Getty Images

Ein Spieler des FC Bayern München wird beim Versuch, eine Dopingkontrolle durchzuführen, nicht persönlich angetroffen. Klingt zumindest nach einem so genannten Verstoß gegen die Meldepflichtauflagen der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada). Tatsächlich aber hatte der jetzt bekannt gewordene Fall weder für den Profi noch für den Verein Konsequenzen.

Die ARD hatte die Vorkommnisse durch ihre Radio-Rechercheredaktion öffentlich gemacht  und eine Diskussion über das Doping-Kontrollsystem im Fußball angefacht: Werden Fußballer nachlässiger kontrolliert als Athleten aus anderen Sportarten? Zeigen sich womöglich sogar Lücken im System? Hier sind die wichtigsten Antworten.

Was ist genau passiert?

Der Spanier Thiago Alcántara weilte während einer Verletzungspause im Oktober 2014 in einem Krankenhaus nahe Barcelona. Dort sollte dem Fußballprofi des FC Bayern unangemeldet von Nada-Kontrolleuren eine Dopingprobe entnommen werden. Die Kontrolleure trafen Thiago dort allerdings nicht an. Zu den genauen Umständen wollte die Nada im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE aus Gründen des Datenschutzes keine Aussagen machen.

Die Gründe für den verpassten Test wurden im Anschluss von der Doping-Agentur in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) geprüft. "Die Prüfung ergab, dass kein Meldepflichtversäumnis des Athleten vorlag", erklärt die Nada in einer offiziellen Mitteilung. Und auch der Verein habe seine Pflichten erfüllt - deshalb gab es keine Sanktionen.

Wo lagen Thiagos Pflichten?

Anders als Individualsportler oder deutsche Fußballnationalspieler gehört Thiago nicht zum nationalen Testpool der Nada. Als ausländischer Profi ist er deshalb nicht dazu verpflichtet, seine Aufenthaltsorte im Nada-Meldesystem "Adams" einzutragen. Stattdessen muss er seinem Verein mitteilen, wann er sich wo aufhalten wird.

Warum hätte Thiago ohnehin nicht belangt werden können?

Ganz einfach: Weil er nicht dem nationalen Testpool der Nada angehört. Für ausländische Spieler eines Bundesligavereins "ist bei einer Trainingskontrolle der Nada folglich kein schuldhafter individueller Meldepflichtverstoß möglich", wie der DFB in einer Stellungnahme zum Fall Thiago schreibt .

Wo lagen die Pflichten des FC Bayern?

Die Münchner müssen, wie alle Profiklubs im deutschen Fußball, der Nada sogenannte Team-Abmeldungen mitteilen. Das betrifft alle Spieler, die keine Meldepflicht im "Adams" haben und nicht am normalen Trainingsbetrieb teilnehmen können. Das hat Bayern offenbar getan und als Thiagos Aufenthaltsort das besagte Krankenhaus angegeben.

Was wäre passiert, wenn Thiago nicht in der Klinik gewesen wäre?

Die Verantwortung für einen sogenannten Meldepflichtverstoß hätte in dem Fall beim FC Bayern gelegen. "Drei Meldepflicht- und Kontrollversäumnisse kommen in der Praxis nur sehr selten vor und können verschiedene Gründe haben", sagt Eva Bunthoff, Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit bei der Nada. "Bei einem Meldepflicht- und Kontrollversäumnis sprechen wir zunächst von einer Art Warnung, nicht von einem Verstoß gegen Anti-Doping-Bestimmungen." Bei drei Meldepflichtverstößen innerhalb von zwölf Monaten wird dann ein Disziplinarverfahren eingeleitet werden.

Wie ist das Verfahren bei Sportlern mit individueller Meldepflicht?

Die Verantwortung liegt dann beim Sportler selbst. Der Fall des Handballers Michael Kraus im Jahr 2014 hat gezeigt, was Athleten droht - und wo Schlupflöcher liegen können. Kraus, der seine Termine im "Adams" eintragen muss, war damals vorgeworfen worden, bei drei unangemeldeten Dopingkontrollen nicht angetroffen worden zu sein. Mit drei Verwarnungen, auch Strikes genannt, wäre der Weltmeister von 2007 gesperrt worden. Vor der Anti-Doping-Kommission des Deutschen Handballbunds reichte jedoch Kraus' Aussage, er habe bei der Kontrolle die Türklingel nicht gehört, als ausreichend dafür, die Sperre wieder aufzuheben. Erst als die Nada dagegen Protest einlegte, einigte man sich vor einem Schiedsgericht auf eine Sperre von drei Monaten.

Werden Sportler generell erst beim dritten Meldepflichtverstoß bestraft?

"Nur Spieler, die einem Testpool angehören, bei dem die Whereabouts (Aufenthaltsorte - d. Redaktion) in 'Adams' angegeben werden müssen, können auch individuell sanktioniert werden", bestätigt Bunthoff. "Bei den Athleten, die dem seit 2015 existierenden sogenannten Team-Testpool angehören, erhalten wir die Whereabouts von den Vereinen. Der DFB hat hier ganz klare Regelungen getroffen, wie ein Verein in solchen Fällen, in denen seitens des Vereins ein Meldepflichtversäumnis vorliegt, schon beim ersten Meldepflicht- und Kontrollversäumnis sanktioniert wird."

Was ist das eigentliche Problem am Fall Thiago?

In Zeiten, in denen sich Dopingsubstanzen innerhalb von Stunden abbauen lassen, sind ausgefallene Dopingkontrollen an sich schon ein Ärgernis - völlig unabhängig von Unschuldsvermutungen, die natürlich auch für Thiago gelten. Aber wenn sich Kontrolleure in einem Krankenhaus abwimmeln lassen, wenn bei knapp 50 Prozent aller Bundesligaprofis nur eine halbherzige Meldepflicht besteht, wenn das System den Bundesliga-Vereinen eine so geringe Sorgfaltspflicht auferlegt, wenn ausgefallene Kontrollen nicht mal schnellstmöglich nachgeholt werden, dann hat der Sport noch einen weiten Weg vor sich hin zu einem glaubwürdigen Dopingkontrollsystem.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hieß es, der Handballer Michael Kraus sei einer Sperre entgangen. Richtig ist, dass der Deutsche Handball-Bund die Sperre zunächst aufhob. Nach einem Protest der Nada entschied aber ein Schiedsgericht, dass Kraus doch gesperrt wird. Wir haben die entsprechende Passage korrigiert.

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