Suche nach Lewandowski-Ersatz Dortmund und die Frage der Philosophie

Wie ersetzt man einen Starstürmer? Borussia Dortmund steht durch den Abgang von Robert Lewandowski vor dem wohl größten Personalproblem der Klopp-Ära. Doch dem BVB eröffnet sich eine unerwartete Chance.
Suche nach Lewandowski-Ersatz: Dortmund und die Frage der Philosophie

Suche nach Lewandowski-Ersatz: Dortmund und die Frage der Philosophie

Foto: DPA

1a, 1b, vielleicht aber doch 1c oder gar 2a. Was wie die Aufzählung von Grundschulklassen klingt, ist in Wahrheit das aktuelle Lieblingsspiel einiger deutscher Sportjournalisten: die Aufzählung von Fußballprofis, Stürmern, um genau zu sein. Angreifer, die beim Bundesligisten Borussia Dortmund den scheidenden Torjäger Robert Lewandowski ersetzen könnten. Die Regeln sind simpel. Sie bestehen aus der Namensnennung und anschließender Einordnung in vermeintliche Güteklassen.

Nach dem feststehenden Abgang von Lewandowski zum FC Bayern München bekommen Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke, Sportdirektor Michael Zorc und Trainer Jürgen Klopp ungefragt jede Menge Hilfe bei der Lösung eines großen personellen Problems: Wie soll Dortmunds Angriff ab der kommenden Saison aussehen, wie soll er spielen? Die Antworten auf diese Fragen könnten den künftigen BVB-Fußball stark verändern.

Fotostrecke

Dortmunder Stürmersuche: Das sind die möglichen Lewandowski-Nachfolger

Foto: DPA

Um zu verstehen, wie bedeutend die Personalie Lewandowski für Dortmund war und ist, reichen die Kernleistungsdaten des polnischen Nationalspielers (115 Bundesliga-Spiele, 65 Tore, 26 Assists) nicht aus. Zu komplex sind die Anforderungen an einen Stürmer im aktuellen System der Borussia. Lewandowski ist im favorisierten 4-2-3-1-System von Klopp unumstrittener, unverzichtbarer Stammspieler. Julian Schieber (27 Ligaspiele für den BVB, 3 Tore) konnte seit seinem Wechsel im Jahr 2012 nicht zeigen, dass er eine Alternative ist.

Lewandowskis Physis ist überragend, ein Nachfolger müsste ebenso stark mit dem Rücken zum Tor sein, um als Wandspieler zu funktionieren, wenn Dortmund sein Umschaltspiel aufzieht. Er muss herausragende Präsenz im Kopfball besitzen; viele Male steigt Lewandowski während eines Spiels hoch, um lange Bälle zu verarbeiten.

Ein Alleskönner, der kaum zu ersetzen ist

Dazu kommen Anforderungen wie Kombinationsstärke oder die Bereitschaft, bei gegnerischem Ballbesitz nach hinten mitzuarbeiten, wenn es darum geht, den Aufbau des Gegners zu lenken oder zu stören. Und nebenbei sollte ein neuer Stürmer auch noch Tore schießen. Viele Tore. Lewandowski erzielte in den vergangenen beiden Spielzeiten jeweils mindestens 30 Pflichtspieltreffer.

Das Dortmunder Führungstrio, sagt Klopp, sei deshalb schon lange auf der Suche für die Zeit nach Lewandowski. Die Frage ist nur: Kann man Lewandowski überhaupt ersetzen? "Möglicherweise holen wir auch mehr als einen Stürmer", ergänzte Geschäftsführer Watzke kürzlich - ein Satz, der mehr Einblick in die Überlegungen beim BVB gibt.

Datenblatt Kevin Volland: Laufstark, torgefährlich

Datenblatt Kevin Volland: Laufstark, torgefährlich

Wie schwer es ist, einen Angreifer zu finden, der die Klasse von Lewandowski hat, beweist allein die Tatsache, dass der BVB im vergangenen Sommer trotz des Wissens um den Abgang des Polen auf eine Ablöse verzichtet hat. Stürmer, die in das Anforderungsprofil passen und dem BVB sofort weiterhelfen, gibt es nicht viele in Europa.

Monacos Radamel Falcão wäre ideal, ist aber nicht zu bezahlen. Romelu Lukaku, derzeit an den FC Everton ausgeliehen, würde passen, dürfte aber zu Chelsea zurückkehren, Aston Villas Chris Benteke kann die guten Leistungen der vergangenen Saison nicht bestätigen, Edin Dzeko (Manchester City) wollte nach Informationen von SPIEGEL ONLINE bei ersten Gesprächen nicht von seinen Gehaltsforderungen abrücken.

Viele Spekulationen, egal wie haltbar, ranken sich um große Namen. Tatsächlich geht es für Dortmund um eine Frage, die bei der Weiterentwicklung der Mannschaft schon oft eine Rolle gespielt hat: fertiger Spieler - oder einer beziehungsweise zwei mit Potential für Weltklasse, wie Watzke sagt?

Erst im vergangenen Sommer, als es galt, den für 37 Millionen Euro zum FC Bayern gewechselten Mario Götze zu ersetzen, beantwortete man sie auf eigene Weise, als man innerhalb von fünf Tagen mit Pierre-Emerick Aubameyang und Henrich Mchitarjan zwei in Deutschland weitgehend unbekannte Spieler verpflichtete. Beide ließen bisher ihr Können aufblitzen, warten aber noch auf den Durchbruch. Inzwischen ist Dortmund in der Bundesliga auf Rang vier abgerutscht.

Datenblatt Adrian Ramos: Mit Lewandowski bester Bundesliga-Torschütze

Datenblatt Adrian Ramos: Mit Lewandowski bester Bundesliga-Torschütze

Hinter den Entscheidungen für Aubameyang und Mchitarjan standen jene Prinzipien, auf denen der Aufschwung der Borussia seit 2010 basiert: Junge, entwicklungsfähige und damit verhältnismäßig günstige Spieler (Ablösesumme und Gehalt) machten den BVB in jener Phase zu einem der am cleversten zusammengestellten Teams in Europa - mit Robert Lewandowski als Alleskönner im Angriff.

Zentrale Merkmale der Mannschaft: das Überzahlspiel, das schwarmartige Gegenpressing und der unbedingte Wille, immer mehr zu laufen als der Gegner. Das war neu in Europa, das war nahezu nicht zu verteidigen. War.

Inzwischen haben sich national wie international immer mehr Teams auf den BVB-Stil eingestellt oder ihn, wie der FC Bayern München, mit ins eigene Repertoire aufgenommen. Viele Mannschaften stehen gegen Dortmund extrem tief, erzwingen so ihre eigenen Konterchancen. Der Gegenpressing-Fußball der Borussia, er funktioniert nicht mehr so wie einst.

Er werde viel nachdenken in der Winterpause, hatte Klopp kurz vor Weihnachten angekündigt, die holprigen Auftritte in der Bundesliga und die ausbleibenden Erfolge zum Ende der Hinrunde noch frisch im Gedächtnis. Vielleicht tüftelt der Trainer schon an einem ganz neuen BVB-Angriff. Mit einer "falschen Neun", beispielsweise mit Marco Reus? Oder einer Doppelspitze als Lewandowski-Ersatz? Dortmund hat nun eine große Chance. Der BVB kann und muss sich modernisieren. Vielleicht sogar revolutionieren.


Mitarbeit: Aimen Abdulaziz
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.