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24. November 2013, 14:08 Uhr

Bayern-Trainer Guardiola

Der Matchwinner sitzt auf der Bank

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Mario Götze hat das wichtige 1:0 gegen Dortmund geschossen, doch der eigentliche Star des Abends heißt Pep Guardiola. Weil der Bayern-Trainer mit seiner Aufstellung den Gegner verwirrt. Und eigene Fehler korrigiert. Die Taktik-Analyse.

Die Schlagzeilen gehörten Mario Götze, der erst ausgepfiffen wurde, dann den 3:0-Triumph des FC Bayern bei Borussia Dortmund einleitete. Oder Manuel Friedrich, der vor kurzem noch arbeitslos war und nun plötzlich 90 Minuten lang beim Liga-Top-Spiel mitwirkte. Oder Robert Lewandowski, dem Noch-Borussen und womöglich Bald-Bayern-Profi. Der eigentliche Star der Partie jedoch hieß anders: Josep Guardiola.

Es ist nicht so, als würde Bayerns Trainer seit seinem Amtsantritt zu wenig Beachtung geschenkt, im Gegenteil. Gern wird jedoch übersehen, wie groß der Einfluss ist, den der Spanier während eines Spiels nimmt. Auch den Ausgang des Bundesliga-Gipfeltreffens beeinflusste er maßgeblich.

Wie zuletzt schon mehrfach geschehen, waren es seine Änderungen, die den Ausschlag zugunsten der Münchner gaben. Das war gegen Mainz so, als Guardiolas Taktik-Modifikationen ein 0:1 in ein 4:1 verwandelten. Oder in Pilsen in der Champions-League. Gegen Dortmund bewies der 42-Jährige abermals, dass er von der Bank aus über Sieg oder Niederlage entscheiden kann wie aktuell vielleicht kein anderer Trainer.

Taktik in der Bundesliga kaum praktiziert

Guardiola ließ seine Elf im 4-1-4-1 beginnen. Wie sie dieses System interpretierte, unterschied sich aber von der gewohnten Weise deutlich. In Ballbesitz schob Philipp Lahm zwischen die Innenverteidigung, fiel mitunter sogar hinter diese zurück. Toni Kroos bot sich im Mittelfeld als erste Anspielstation an, die Außenverteidiger David Alaba und Rafinha schoben vor an die Mittellinie. Javi Martínez agierte als offensivster Mittelfeldspieler, vorne stürmten Arjen Robben, Mario Mandzukic und Thomas Müller. Effektiv agierten die Münchner häufig in einem 3-1-3-3 oder 3-3-1-3.

Die Vorteile dieser außergewöhnlichen, in der Bundesliga kaum praktizierten Formation sind die vielen Verbindungspunkte und Passoptionen. In jedem Felddrittel entsteht bei entsprechender Verschiebebewegung je eine Raute: defensiv, wenn Lahm, die Innenverteidiger und Kroos ein auf der Spitze stehendes Rechteck formen; im Mittelfeld, wenn die Außenverteidiger die Halbpositionen neben Kroos besetzen, Martínez fungiert dann als Rautenkopf. Im Angriffsdrittel funktioniert dasselbe Prinzip in anderer Besetzung.

Dem Ballführenden bieten sich stets drei Anspielstationen - beste Voraussetzungen für dominanten Ballbesitzfußball. So liebt es Guardiola. Doch: Gegen Dortmund verkomplizierte sich alle Theorie durch die Anwesenheit des Gegners. Der BVB positionierte sich in den Zonen zwischen den Rautenpunkten. So isolierte Dortmund Spieler und Mannschaftsteile der Bayern und verhinderte, dass sich diese bis ans Tor kombinierten. Die Münchner hatten in der ersten Halbzeit phasenweise 75 Prozent Ballbesitz, gefährlich wurden sie jedoch kaum.

Offensivspiel bis zu den Wechseln kaum vorhanden

Guardiola registrierte dies, und er reagierte. Martínez und Lahm instruierte er, die Positionen zu tauschen. Lahm schob weit vor, der Spanier wechselte auf die Sechs. Dass Martínez zuvor als offensivster Mittelfeldspieler aufgeboten worden war, überraschte. Wahrscheinlich wollte Guardiola nicht auf dessen physische Präsenz im Kampf um zweite Bälle sowie im (Gegen-)Pressing verzichten. Tatsächlich half Martínez, die eigene Defensive zu stärken, oft, indem er Nuri Sahin presste oder sich neben Lahm positionierte, um Angriffe durchs Zentrum zu unterbinden.

Bayerns Offensivspiel funktionierte allerdings selten. Von Gegenspielern umzingelt, wirkte Martínez fahrig, es mangelt ihm an der nötigen Technik, um unter Druck Gefahr zu erzeugen. Oft verpasste er es, sich für Pässe anzubieten, weil er sich zu weit vorne positionierte.

Die Rochade blieb nicht Guardiolas einzige Maßnahme. Münchens Trainer brachte Mario Götze für Mario Mandzukic und damit einen ballsicheren Offensivspieler, der sich von gegnerischem Pressing nicht beeindrucken lässt. Götze positionierte sich tiefer als Mandzukic und sorgte dadurch nicht nur für Überzahl im Zentrum, sondern erhöhte das spielerische Potential. Die Änderungen sollten sich auszahlen.

Bayern hatte weiterhin mehr Ballbesitz als Dortmund, nun aber nicht nur in der eigenen Hälfte, sondern vermehrt in gefährlichen Zonen. Lahms genialem Rhythmuswechsel, als er den Ball gegen die Verschiebebewegung des Dortmunder Defensivblocks zu Müller passte, war das 1:0 ebenso zu verdanken wie Götzes Technik, die ihm Ballannahme und Abschluss in kürzester Zeit und auf engstem Raum ermöglichte.

Nach der Führung griff Guardiola erneut ein. Arjen Robben positionierte sich deutlich weiter vorne als Götze und Müller. Mit Sprints in den Rücken der nun zwangsläufig aufgerückten Abwehr der Borussia sollte er für Gefahr sorgen, er war in der Schlussphase Münchens Zielspieler. Auch dieser Plan ging auf: Der eingewechselte Thiago bediente Robben, der die Partie mit dem Tor zum 2:0 entschied.

Diese und viele weitere kleinere Veränderungen Guardiolas brachten Bayern den Sieg. Das ist eine seiner größten Stärken: das Coaching während der 90 Minuten. Wie er auf Stärken des Gegners und Schwächen der eigenen Elf reagiert, ist außergewöhnlich. Die Schlagzeilen sollten im Erfolgsfall daher auch ihm gehören: Josep Guardiola.

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