kicker.tv

Spiel gegen Arsenal Die zwei Gesichter des BVB

Borussia Dortmund und Trainer Jürgen Klopp sind voller Widersprüche. Mitreißend und sympathisch auf der einen Seite, unsicher und wankend auf der anderen. Das Spiel beim FC Arsenal soll zeigen, wie gefestigt die Mannschaft ist.

Im schwarzen Anzug betritt Jürgen Klopp das Gate 4 am Dortmunder Flughafen, er strahlt, er schüttelt Hände und verteilt Küsschen. Er füllt den kargen Warteraum aus. Am Ende seiner Begrüßungsrunde bleibt er abrupt stehen, die Arme hängen an seinen langen Seiten herunter, er starrt ins Leere. Der Zustand dauert nur wenige Sekunden, zügig wird er von einem Grinsen abgelöst, doch er reicht aus, um zu zeigen: Im Inneren des Trainers von Borussia Dortmund ist viel Ernst, mehr vielleicht, als man im ersten Augenblick annehmen möchte.

Seit geraumer Zeit wird Klopp als Mann mit zwei Gesichtern beschrieben, als einer, hinter dessen ansteckendem Frohsinn sich in unkontrollierten Momenten die zornige Fratze eines wilden Tieres offenbart. Dieser Tage, kurz vor dem Champions-League-Gruppenspiel gegen den FC Arsenal am Dienstagabend (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: Sky), scheint es für Klopp besonders anstrengend zu sein, den Gutgelaunten zu geben. Aber er müht sich, er weiß, wie wichtig seine Stimmung und seine Außenwirkung für das Gesamtkonstrukt BVB sind.

Fotostrecke

Dortmund gegen Arsenal: Klopp und Özil im Blickpunkt

Foto: GLYN KIRK/ AFP

"Vielleicht ist es ganz gut für meine Mannschaft, wenn ich ein-, zweimal im Jahr etwas weiter weg bin", sagte Klopp, der wie schon beim 3:0-Sieg gegen Marseille auch in London auf der Tribüne Platz nehmen muss. Ein erneutes Klopp-Beben wie nach seinem Ausraster beim Champions-League-Spiel in Neapel wäre derzeit fatal.

Alles ist möglich, alles ist zerbrechlich

Die vergangenen Wochen haben ahnen lassen, dass die Dortmunder Mannschaft noch immer anfällig ist für Störsignale und unvorhergesehene Hindernisse. Und dass ein überschäumender Trainer, die gleichzeitigen Verletzungen mehrerer Spieler und die Wechselgerüchte um Robert Lewandowski sowie Mats Hummels sie weiter aus der Bahn werfen, als man meint, an ihrem Erfolg ablesen zu können.

Borussia Dortmund ist einer der besten und vielleicht aufregendsten Vereine Europas, die ausländischen Medien lieben ihn - auch weil sie Klopp lieben. Aber Borussia Dortmund ist zugleich der Verein der zwei Gesichter, er ist es geblieben trotz zweier gewonnener Deutscher Meisterschaften und einem Finale in der Champions League.

Die zwei Gesichter, das sind: das mitreißende, sympathische, dynamische Dortmund; und, das war zuletzt zu sehen, das unsichere, wankende. Man meint fast, der BVB befinde sich seit seinen jüngsten Erfolgen permanent in einem Schwebezustand. Alles ist möglich. Alles ist zerbrechlich.

Klopp hat das selbst vor dem Champions-League-Finale im Mai gegen den FC Bayern ähnlich beschrieben. Er sagte, Borussia Dortmund sei das wohl spannendste Projekt im europäischen Fußball. Ein Projekt ist weit entfernt von einem Ist-Zustand, es ist ein Werden und Gedeihen, Probleme und das Suchen von Lösungswegen sind eingeplant.

Team will in Champions-League-Modus schalten

Nur scheinen genau das viele Beobachter und Aktive selbst manches Mal zu vergessen. Sie vergleichen sich gern mit den ganz Großen, mit denen, die schon seit Jahren ganz oben dabei sind und sich in Ruhe stabilisieren konnten. So war am vergangenen Wochenende die Zerknirschung groß, nachdem der BVB im Bundesliga-Spiel gegen Hannover 96, der Generalprobe für das Arsenal-Spiel, seine bislang schlechteste Saisonleistung gezeigt hatte. Der Kader sei nicht breit genug, hieß es; kaum fielen wichtige Spieler aus, gebe es keinen adäquaten Ersatz. Wie man so in London bestehen wolle?

Klopp und seine Spieler entschieden sich für die naheliegendste Lösung, sie verwiesen auf ihre zwei Gesichter. Gegen Arsenal werde das andere Dortmund auf dem Platz stehen, die Mannschaft werde "in den Champions-League-Modus schalten", sagte Torhüter Roman Weidenfeller. "Mal spielen wir so, wie unsere Fans es sehen wollen, mal spielen wir so wie am vergangenen Samstag", sagte Klopp. "Aber wir sind kein Club, der jedes Jahr im Champions-League-Finale stehen muss." Damit griff der Trainer zur zweiten Lösungsstrategie: Der BVB stilisiert sich noch immer gern zum Underdog, zum Anfänger.

Klopp wollte deshalb auch nicht gelten lassen, dass die Begegnung mit dem jüngst erstarkten Arsenal richtungsweisend für seinen Club sein könnte. "Es wird ein Joker-Spiel. Wenn wir einen Punkt mitnehmen können: top. Wenn nicht, ist noch nichts entschieden", sagte er.

Sportlich mag er damit recht haben. Doch für das Dortmunder Gesicht der kommenden Wochen könnte die Partie durchaus entscheidend sein.

Kennen Sie unsere Newsletter?
Foto: SPIEGEL ONLINE
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.