Fotostrecke

Titeljubel: Dortmund im Feierrausch

Foto: dapd

Dortmunder Titelgewinn Meister aller Herzen

Kein Team hat den Meistertitel so verdient wie Borussia Dortmund. Die Fans sind begeisterungsfähig, die Mannschaft ist jung und hungrig, die Vereinsführung besonnen. Der Club ist so etwas wie ein Vorbild für den gesamten deutschen Fußball geworden.

Wer in Dortmund den Weg aus der Innenstadt Richtung Stadion nimmt, beschreitet den Walk of Fame. In Hollywood bekommen die Filmstars ihre Sterne, in der Stadt des neuen Deutschen Meisters werden die Fußballhelden der Vergangenheit über Kilometer im Asphalt verewigt. Jürgen Wegmann, der den BVB einst in letzter Minute vor dem Abstieg bewahrte, Sigfried Held und Lothar Emmerich, die Ikonen der sechziger Jahre, Lars Ricken und sein Jahrhunderttor im Champions-League-Endspiel 1997.

Dortmund gehört wie Kaiserslautern, wie Mönchengladbach oder Gelsenkirchen zu den Bundesliga-Städten, die ohne Fußball nicht denkbar sind, die ihre Identität zu einem Großteil aus dem Fußball ziehen - auch weil sie daneben nicht so furchtbar viel zu bieten haben. Hier wird Fußball gelebt, heute wie vor hundert Jahren. Auch deswegen ist den Dortmundern zum Meistertitel von Herzen zu gratulieren.

Dass das Team von Trainer Jürgen Klopp den Titel aus sportlichen Gründen verdient hat, ist sowieso unbestritten. Borussia hat die Saison dominiert. Wenn auch nicht vom ersten Spieltag an, dann aber ab dem zweiten. Die erste Partie gegen Bayer Leverkusen ging gleich verloren.

Es blieb die einzige Heimpleite der gesamten Spielzeit und für Monate überhaupt die letzte Niederlage. Es gab einzelne Partien an den abgelaufenen 32 Spieltagen, in denen andere schöner, berauschender auftraten. Die Bayern beim 5:1 gegen Leverkusen, zuletzt beim 4:1 über Schalke. Aber es gab keine Mannschaft, die nur im Ansatz diese Souveränität ausstrahlte, diese Konstanz besaß wie der BVB.

Weidenfeller wie ein Herbergsvater

All dies mit einer Truppe der 18- bis 22-Jährigen, in der sich der Torwart Roman Weidenfeller mit seinen 30 Jahren vorkommen muss wie ein Jugendherbergsvater. Die Borussia hatte die Unbekümmertheit der Jugend in dieser Spielzeit auf ihrer Seite. Eine Lockerheit, möglicherweise auch eine Unbedarftheit, die immun war gegen Nervenflattern, gegen Nachdenken im falschen Moment. Ein Kevin Großkreutz, ein Mario Götze, sie wirkten in dieser Saison vielleicht auch deswegen so selbstverständlich siegesbewusst, weil sie die Wechselfälle von Erfolg und Misserfolg noch nicht erfahren haben. Die Karrieretiefs, den Selbstzweifel. Im Grunde gab es nur eine einzige Partie - die 0:1-Niederlage in Mönchengladbach vor Wochenfrist - wo so etwas wie Verkrampfung und Übermotivation spürbar war. Klopp hat das genau registriert und es seinem Team bis zum folgenden Spieltag ausgetrieben.

Borussia Dortmund der Saison 2010/2011 ist im besten Sinne eine Mannschaft. Das Personal ist hoch talentiert, dennoch gibt es abgesehen vom möglicherweise scheidenden Mittelfeldregisseur Nuri Sahin keinen echten Star. Keiner, der die anderen derartig überstrahlt, dass Schattenwürfe entstehen. Großkreutz, Bender, Schmelzer, Götze - an ihren bisher eher blassen Länderspielauftritten mag man auch ablesen, dass sie im schwarz-gelben Mannschaftsgebilde am besten funktionieren und ihnen etwas fehlt, wenn sie aus diesem Verbund herausgerissen werden. Klopp hat ein echtes Team geformt. Auch das macht den BVB zum Sympathie-Meister. Uneitel, bodenständig. Adjektive, mit denen sich auch die Region am liebsten schmückt. Die Mannschaft scheint einem Werbeprospekt für das Ruhrgebiet entsprungen.

Die Nationalmannschaft in Miniatur

Nicht zuletzt steht dieses Team auch für den Paradigmenwechsel im deutschen Fußball, den die Nationalmannschaft seit zehn Jahren vorlebt. Junge Profis, technisch und taktisch bestens geschult, sich der eigenen Stärke bewusst, ohne überheblich zu wirken - Borussia Dortmund ist eine Art Miniatur der Nationalelf. Klopp ist zwar ein komplett anderer Typ als Bundestrainer Joachim Löw, dem das populistische Element des Dortmunder Meistermachers fehlt - in Sachen Fußball-Philosophie liegen sie auf einer Linie. Wer den Weg der Nationalelf mit Wohlwollen begleitet, muss auch vom Dortmunder Weg angetan sein.

Ein Weg, der vor Jahren auch aus der finanziellen Not heraus eingeschlagen wurde. Der BVB stand 2005 kurz vor der Pleite, an den Rand der Insolvenz getrieben durch Großmannssucht in Vorstand und Management. Sechs Jahre später ist der BVB der Vorzeigeverein des deutschen Fußballs. Das Prinzip BVB taugt durchaus zum Vorbild für andere Vereine. Das Prinzip VfL Wolfsburg hingegen scheint nach den Erfahrungen dieser Saison ausgedient.

Die Führungsebene mit dem geräuschlos wirkenden Sportdirektor Michael Zorc und dem besonnenen Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke - auch ihre Art ist Teil des schwarz-gelben Erfolgsgeheimnisses. Watzke und Zorc überlassen Klopp komplett die Showbühne. Die beherrscht der Trainer schließlich perfekt. Der Ligakonkurrent Bayern München schwächt sich dagegen in schöner Regelmäßigkeit dadurch, dass die Vorstandsherren Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß öffentlich in alles hineinreden, Unruhe im Dauerzustand erzeugen. In Dortmund wäre so etwas undenkbar. Der BVB, die Skandalnudel der Vergangenheit, ist derzeit auch Trendsetter in puncto Vereinsführung.

Der BVB 09 aus Dortmund hat in diesem Jahr alles richtig gemacht. Das muss man erst einmal schaffen.

Man muss schon Schalker sein, um dem BVB diesen Titel nicht zu gönnen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.